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Review

Baise-moi – Fick mich!

Libertée, jamais.

Echte Menschen

Libertée, jamais.

Warum denn noch nichts passiert sei, fragen sie sich. Warum man sie noch nicht verhaftet, nicht erschossen hat. Warum man ihnen immer noch die Freiheit lässt zu tun, was sie tun.

Es ist eine schäbige, armselige Freiheit, die die zwei­fel­haften Heldinnen von Baise-moi ausleben. Saufen, Koksen, Ficken, Stehlen, Menschen umbringen, einfach so, ohne großen Grund. »Domage pour eux« – Pech für die, die’s trifft.
Irgendwo in der fran­zö­si­schen Provinz, fern von allem, was nach Glamour, nach Leben aussieht. Am Anfang noch will Manu einmal das Meer sehen. Ziemlich bald sind sie dort. Und dann hat Manu das Meer gesehen und nichts ist anders. Scheiß auf Knockin' on Heaven’s Door-Romantik. Es gibt kein Leben vor dem Tod.

Viel­leicht ist Manu auch nur eine Fantasie von Nadine. Die Groß­auf­nahme von Nadines Gesicht, mit der Baise-moi beginnt, wird narrativ nie einge­fangen. Viel­leicht ist das alles nur in Nadines Kopf. Nadine, die Hure, die ihre Mitbe­woh­nerin (ungewollt) umbringt, weil die nervt. Die viel­leicht, wie Manu, das Mädchen aus dem Gang-Millieu, wenigs­tens gern einen schön fassbaren Grund hätte für das, was sie dann tut. Manu wurde verge­wal­tigt. Sie gibt sich tough. Man lässt nichts Wert­volles da, wo es einem mit Sicher­heit gestohlen wird, erklärt sie. Für sie gibt es da unten an ihrem Körper schon längst nichts mehr, was ihr viel bedeutet. Aber was gibt es in ihrem Leben überhaupt noch, was ihr viel bedeutet.
Manu ist die Aktive, die immer den ersten Schritt tut. Oft sieht Nadine nur zu, oft lässt sie sich von Manu befehlen. Manchmal scheint auch Nadine ein wenig geschockt davon, was Manu sich traut. Manchmal scheint Nadine Angst zu haben vor der Freiheit.

Wo immer diese Frauen das suchen, was sie für Freiheit halten, ist ihnen schon wer zuvor gekommen. Wie man mit Waffen coole Posen einnimmt, dass man beim Töten eigent­lich einen kurzen, knackigen Spruch ablassen sollte, den Traum von der großen Apotheose: Das haben sie aus irgend­wel­chen Filmen, das sind alles vorge­fer­tigte Bilder.
Ihre Körper sind schon längst Ware, besetztes Terri­to­rium – dass sie sich jetzt die Kerle aussuchen und selbst sagen, wann Schluss ist, ändert etwas daran. Aber nicht viel.

Es ist ein armse­liger, kläg­li­cher Ausbruchs­ver­such, von vorn­herein so zum Scheitern verur­teilt, dass das »System« gar keine außer­ge­wöhn­li­chen Anstren­gungen aufbietet, ihn zu beenden. Das Ganze endet so klein und dreckig, wie es begann.
Auch der Film kämpft rabiat um kleine Frei­heiten und erringt sie nur provi­so­risch. Der Gewalt droht immer das Abrut­schen in die vertraute Ikono­gra­phie von Splatter- und Action­film. Der Sex müht sich, dem Porno wieder die expli­ziten Bilder der Körper abzu­ringen und sie mit Authen­ti­zität zu füllen.
Es gibt Momente, da gelingt das. Da ist die Kamera so nah dran oder in solch unge­wohnten Winkeln, dass man die Orien­tie­rung verliert, dass etwas von Rausch und Sinn­lich­keit spürbar wird. Oder da füllt sich die Leinwand mit dem Gesicht von Raffaëla Anderson oder Karen Bach (für die beide ausge­rechnet dieser Film den Ausstieg aus dem Porno-Business markiert), und da ist das auf einmal ein echtes Gesicht, nicht eine dieser Masken, sondern ein wahres Frau­en­ge­sicht.
Es sind kurze Momente, zum Verschwinden verur­teilt. Es sind zärtliche, traurige Momente. Wie überhaupt Zärt­lich­keit und Trauer – viel­leicht ganz ungewollt – in diesem Film viel stärker sind als alle vorge­täuschte Wildheit.

Das ist das eigent­lich Radikale, Scho­ckie­rende, Vers­tö­rende an Baise-moi. Nicht, was er sich an kleinen Tabu­brüchen erlaubt. Nicht, dass er eine der kompro­miss­lo­sesten Absagen an den Traum von Freiheit in unserer Welt ist, den das Kino seit Jahren gesehen hat. Sondern dass er einem immer wieder spüren lässt: Die hemmungs­lose, oft blinde Sehnsucht, die das alles antreibt, ist die von echten Menschen.