Review
Ballad of a Small Player
Wenn das Licht zerbricht
Wenn das Licht zerbricht
Edward Bergers grotesker Spieler-Thriller ist ein Film über Sucht, der selbst süchtig nach Wirkung ist. Und einer jener Fälle, in denen die Literatur schlicht das bessere Kino bleibt
Nach dem Oscar-gekrönten Im Westen nichts Neues (2022) und der überraschend konzentrierten Adaption von Robert Harris Konklave (2024), versucht Edward Berger mit Ballad of a Small Player erneut, Literatur in Film zu übersetzen. Basierend auf Lawrence Osbornes gleichnamigem Roman, will Berger viel, er will Noir, er will Parabel, er will Geistergeschichte und er will Kapitalismuskritik – und verliert auf dem Weg dorthin das, was Osborne in seinem Roman so präzise gelang: die leise, schwüle Unbestimmtheit, in der Glücksspiel, Gier und Selbstauflösung ineinander übergehen.
Osbornes Roman, 2014 erschienen, gilt als eines der atmosphärisch dichtesten Werke über das zeitgenössische China. Paul French nannte ihn in der Los Angeles Review of Books »the best novel on contemporary China since Malraux’s Man’s Fate«. Der Schauplatz – Macau – ist hier keine exotische Kulisse, sondern ein Spiegel kapitalistischer Exzesse, ein Ort, an dem alte portugiesische Fassaden und neue Milliardenströme aufeinanderprallen. Osborne fängt diese Spannung zwischen Verfall und Glanz mit einer Sprache ein, die an Graham Greene erinnert: die Rauchigkeit, die Müdigkeit, das unablässige Kreisen um Schuld und Schicksal.
Der Ich-Erzähler Lord Doyle, ein abgehalfterter englischer Hochstapler, treibt in den Casinos durch Nächte aus Nikotin und Neon. Er spielt nicht, um zu gewinnen, sondern um zu verlieren – aus einer masochistischen Lust an der Selbstvernichtung. »Losing there is easier than winning, more gratifying. It’s more like winning than winning itself«, heißt es im Roman. Osborne zeichnet daraus kein moralisches Lehrstück, sondern eine poetische Studie über Abhängigkeit und Identität in einer Welt, die ihr Zentrum verloren hat.
Edward Berger nähert sich dieser Vorlage mit dem Impetus des Welterklärers. Wie schon in Im Westen nichts Neues will er große Strukturen, Systeme und Menschheitsfragen mit noch größeren Bildern visualisieren. Doch die Stärke von Osborne liegt gerade in der Enge, im Halbdunkel, in der Intimität des Spiels. Berger dagegen öffnet alles – und nimmt damit den Zauber der Ambiguität.
Sein Macau ist ein touristisches Macau, so wie Woody Allens Paris in Ein Glücksfall ein ausgesprochen touristisches Paris ist. Die grellen Neonfronten, die polierten Marmorlobbys, die flirrenden Kamerafahrten vermitteln zwar Oberflächenreiz, doch kaum Atmosphäre. Vom historischen Macau, von dem in den 1930er-Jahren schon W. H. Auden als »wickedest city on earth« sprach, bleibt wenig übrig. Dass diese Stadt heute, in ihren gigantischen Spielhallen, auch ein Brennglas der chinesischen Wirtschaft ist – davon erzählt der Film nicht.
Das Drehbuch von Rowan Joffé verlagert den Akzent vom gesellschaftlichen zum metaphysischen: Ballad of a Small Player wird zu einer chinesischen Geistergeschichte. Ein Schattenwesen verfolgt Lord Doyle (Colin Farrell), und Tilda Swinton spielt eine undurchsichtige Frau, die zugleich Erlösung und Versuchung sein soll. Doch was im Roman flüchtig und ungreifbar bleibt, wird hier zum markant gestalteten Überbau. Berger ersetzt Andeutung durch Allegorie – und verliert die Mehrdeutigkeit, die Osbornes Roman so stark macht.
Colin Farrell, in den letzten Jahren zunehmend auf der Suche nach extremen Rollen, die zwischen Empfindsamkeit und Exzess schwanken, findet hier genauso wenig Halt wie an der Seite von Margot Robbie in A Big Bold Beautiful Journey. Sein Lord Doyle ist ein Mann im Dauerzustand der Ekstase – verzweifelt, schwitzend, taumelnd. Das könnte faszinierend sein, wäre es nicht so konsequent auf Overacting und Wiederholung ausgelegt. Wo Osborne einen innerlich zerfallenden Spieler beschreibt, liefert Farrell einen äußerlich zerspringenden. Tilda Swinton wirkt dagegen, wie so oft, hyperästhetisiert, mehr Idee als Mensch.Und beide zusammen erinnern mehr an das legendäre, dänische Komikerpaar Pat und Patachon als an Charaktere in einem Mystery-Thriller.
Berger, der in Konklave noch ein Gespür für kammermusikalische, stille Momente der Präzision zeigte, überzieht hier alles mit orchestralem Bombast. Volker Bertelmanns Score ist laut, die Bilder sind überfrachtet. Dieser visuelle und akustische Overkill erstickt, was Osborne so meisterlich beherrschte: das Schweben zwischen Sucht und Stille.
Joffés Drehbuch reduziert die innere Bewegung des Romans auf eine lineare, fast mechanische Struktur: Fallen – Hoffnung – Erlösung – erneuter Fall. Die Wiederholung, die bei Osborne subtil psychologisch motiviert ist, wird im Film zur Routine. Die Erschöpfung des Spielers überträgt sich hier nicht als existentielle Erfahrung, sondern als filmische Langeweile.
Das Übernatürliche, das im Roman kaum mehr als eine Ahnung ist – vielleicht eine Projektion des Deliriums eines seiner Sucht verfallenen Spielers – nimmt im Film Gestalt an, wird erklärt, wird illustriert. Damit verliert die Geschichte ihre Rätselhaftigkeit. Das Spektakel ersetzt das Geheimnis. Dabei will Berger zugleich Parabel und Porträt, Welterklärung und Charakterstudie sein – und ist am Ende nichts von beidem, sondern bewegt sich stattdessen fast schon grenzwertig in Richtung eines bizarren Klamauks.
Man kann Berger dabei keinen Mangel an handwerklicher Kontrolle vorwerfen. Alles stimmt: das Licht, der Schnitt, die Ausstattung und auch der Sound. Aber es ist ein Kino des Handwerks, nicht eins, das erkennt. Wo Im Westen nichts Neues seine Wucht noch aus dem Körperlichen zog und Konklave aus der politischen Klaustrophobie, verharrt Ballad of a Small Player in einer virtuosen Starre, an der alles Licht zerbricht.