Review
Barbie
Auch Vagina muss man lernen
Auch Vagina muss man lernen
Greta Gerwig macht deutlich, dass spannende Thesen noch keine Kunst sind und Großschauspieler genauso doof und langweilig sein können wie Barbie-Puppen
Die Kurzfassung von Greta Gerwigs Barbie kann man in der Bibel nachlesen. Es ist die Vertreibung aus dem Paradies, nachdem Eva in den Apfel der Sünde gebissen, also die falschen Fragen gestellt hat. Und auch was dann passiert, ist eigentlich eine bibelfeste Angelegenheit.
Aber statt Bibel-Exegese interessiert Greta Gerwig seit ihren ersten Regiearbeiten Lady Bird (2017) und Little Women (2019) viel mehr die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft, der sie allerdings auch schon in den Arbeiten ihres heutigen Lebenspartners Noah Baumbach als Schauspielerin nachging. In Frances Ha (2012) oder Mistress America (2015). Arbeiten, die bei allem erzählerischen und assoziativen Flanieren stets mit einem starken Narrativ unterlegt waren und dann natürlich doch irgendwie alles Geschichten sind, die mit der Vertreibung aus dem Paradies und den Folgen für die Frau zu tun haben.
Die Pandemie hat ja einige Sachen auf den Punkt gebracht, so wie Krisen ja überhaupt erst deutlich machen, wie es um den Wesenskern unserer Mitmenschen beschaffen ist. So muss es wohl auch Gerwig und Baumbach gegangen sein, als sie in der Isolationshaft der Pandemie auf den schrägen Gedanken kamen, die vom Spielzeughersteller und Barbie-Produzenten Mattel schon lange gehegte Idee eines Barbie-Realfilms in die Tat umzusetzen. Dass dann auch noch Margot Robbie als Produzentin und erste Barbie bzw. hier im Film als »Stereotypen«-Barbie mit an Bord sein würde und Ryan Gosling als Ken, das war noch nicht abzusehen, wurde aber dankbarer Teil einer gigantomanen Werbekampagne, die Gerwigs Film zum Blockbusterstatus katapultierte und mehr noch zum Doppelstart gegen Blockbuster-Altmeister Christopher Nolan und seinen Oppenheimer trieb. Barbenheimer war geboren.
Dieses Phänomen tut beiden Film so recht wie unrecht. Denn so unterschiedlich sie im ersten Moment allein schon durch ihre Farbkomposition und den Themenschwerpunkt Puppe vs Atomphysiker wirken, so ähnlich sind sie sich in ihrem Grundton, sind es theorielastige Filme, steht in beiden Filme eine gesellschaftliche Blase, man könnte auch Parallelwelt sagen, im Zentrum (Los Alamos vs Barbie-Land), ringen in beiden Filmen Realität mit Fantasie, Utopie mit Dystopie, was sich dementsprechend auf die Dialoge und das Narrativ auswirkt.
Doch anders als Oppenheimer, der eine reale Geschichte mit realen Menschen erzählt, entwerfen Gerwig und Baumbach die sattsam bekannte Version einer Pseudo-Utopie, eine Art Insel Felsenburg, die wir aus zahlreichen Vorgängern wie Dogville, Pleasantville, Truman Show oder zuletzt Don’t Worry Darling kennen.
Besonders Olivia Wildes Don’t Worry Darling (mit Florence Pugh und Harry Styles als »Barbie« und »Ken«) ist in seinem 1950er Jahre-Setting von Frauen, deren Männer stets verschwinden, der Barbie-Welt aus Barbie am nächsten. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass in Barbie die Frauen das Sagen haben, es jeden Abend eine Girls-Night gibt und die vielen Kens in allen ihren Variationen im Grunde nur Stellvertreter einer imaginären männlichen Sehnsucht sind, die nicht erfüllt werden muss. Erst mit der Vertreibung von Barbie aus dem Paradies in die menschliche Realität ändert sich dieser Zustand, weil Ken – angefixt von den patriarchalen Strukturen der Realwelt – diese nun auch in der Barbie-Welt implementieren will.
Gerwigs Film sieht sich bis hier spannend, witzig, ja immer wieder sogar hysterisch durchgeknallt an, zitiert auch neunmalklug-barbieesk Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum und stimmt zu diesem Zeitpunkt vom Set-Design bis zu den grotesken Figurenkonstellationen so ziemlich alles – denn jeder ist hier nur eins: entweder Ken oder Barbie –, dürfen sich sogar die Figuren noch ein wenig entwickeln, was sie ja auch müssen, geht doch wie in jedem Alternativ-Welt-Film ein Riss durch die Welt, bricht das reale Leben in die vermeintliche Utopie.
Diese ja eigentliche Klimax dieses Genres wird von Gerwig und Baumbach jedoch konsequent ausgehebelt (oder einfach vergessen), weil die reale Welt, bis auf ihre patriarchalen Strukturen, sich eigentlich genauso gaga verhält und Plaste und Elaste eben auch hier Standard sind.
Da sich aus dieser Konstellation kein Drama, aber auch kein wirklich dramatisches Komödienpotential mehr schlagen lässt, belassen Gerwig und Baumbach es beim Monologisieren von Thesen und Theorien aus den letzten Jahrzehnten der Gender-Forschung und feministischer Theorie. Doch es geht sogar noch ein wenig weiter, erhält der Zuschauer nämlich auch eine Ahnung, dass die Vielfalt der Barbie-Puppen Selektion fast schon Prä-Internet-Qualitäten hat. Denn so wie das große Versprechen der digitalen Welt, jeder/s oder gleich alles sein zu könnnen, versprach und verspricht ja auch die Barbie-Welt mit ihrem schier endlosen »Avatar-Sortiment« den vielen Mädchen und wenigen Jungen spielerisch derdie zu sein, dieder ersie wollte. Wie in zahlreichen Theaterproduktionen der letzten Zeit – etwa Der Preis des Menschen oder Der Entrepreneur – werden auch in Barbie diese Theoriensegmente in Monologe zerlegt und miteinander zu Pseudodialogen verschachtelt und auf ein Narrativ im Grund ganz verzichtet, ist die Story tatsächlich lächerlich und so vorhersehbar wie die Funktionalität einer Barbie-Puppe.
Hinzu kommt, dass sich Gerwig und Baumbach eigentlich überhaupt nicht um die Spieler:innen ihrer Puppen und deren Beziehung zueinander kümmern, so wie das in Toy Story sehr liebevoll ausgearbeitet war und immer wieder von neuem dramatische Höhepunkte bescherte. Hier ist allenfalls ein wenig Telepathie angesagt und ein Mutter-Tochter-Paar, das transgenerational ihre Frau- und Barbiepuppensozialisierung aufarbeitet. Und das war es dann auch.
Immerhin behält sich Gerwigs Film vor, keine dogmatischen Leitlinien nachzuplappern, ist Barbie immer wieder politisch inkorrekt, aber dann wieder auch versöhnlich, will Gerwig sowohl die biologische Geschlechtsfraktion um J. K. Rowlings ins Boot holen als auch spielerisch mit ihren Gegnern paktieren. Dieses ein wenig feige Balancieren dürfte immerhin verhindern, dass Gerwig als TERF angefeindet wird. Und dann gibt es im Barbie-Land und natürlich auch im Amerikaland einfach alles, was sich jede Bubble wünscht, ist man erst Frau bzw. Mensch, wenn sie Vagina hat, darf frau aber auch transidentitär leben, solang sie Barbie-Land als Refugium wählt, Filterblasenrealität auch hier an jeder Ecke.
Für diese bunten blubbernden, bunten Bonbonblasen schreiben Gerwig und Baumbach dann immer wieder mal mehr, mal weniger platte, süße, blöde oder kluge Dialogfetzen, anekdotisch, essayistisch, einfach alles, was einem irgendwie in den Sinn kommen könnte.
Und das macht dann auch irgendwie Sinn, ist ernst und ein bisschen tiefsinnig, dann aber auch alberner Quatsch mit Soße, in dem sich dann natürlich auch die Mann-Frau-Frau-Mann-Hierarchien auflösen oder als das akzeptiert werden, was sie sind: ein trauriger, aber zu bekämpfender Teil des menschlichen Dilemmas, so wie das Christentum oder jede andere Religion. Aber weil sich das alles nach spätestens 25 Minuten dann auch schnell wiederholt und Margot Robbie in fast jeder Einstellung und Ryan Gosling in fast jeder zweiten Einstellung im Bild sind, ist es dann auch ganz schnell sehr langweilig, weil das Drama halt nur aus Drama Queen und Drama King besteht und Puppen halt nun mal so wie Schauspieler schnell an den Aufmerksamkeitsdefiziten ihrer Umwelt leiden.
Die vielleicht spannendste Frage bei diesem pseudointellektuellen Kinderkarussell ist vielleicht, wer das sehen soll? Aus einer 6. Klasse eines städtischen Münchner Gymnasiums habe ich gehört, dass die Mädchen dort schon ganz heiß auf den Film sind. Das würde zu den Verkaufszahlen seit der Corona-Pandemie passen, nach der Barbie-Puppen sich besser als je zuvor verkauft und Mattel Rekordumsätze beschert haben: 86 Millionen Exemplare wurden 2021 abgesetzt, mehr als hundert Puppen pro Minute.
Und dann ist da noch die GenZ, die wie im Film explizit dargestellt eher kritisch eingestellt ist, aber gerade das dürfte bei dem fetten feministischen Außenborder, der hier angelegt wurde, um dem Film sein Tempo zu geben, dann auch passen. Und natürlich all die Generationen davor. Und nicht zu vergessen all die Vogue-Leser:innen. Also ein Familienfilm der Superlative?
Future-Barbie sollte es wissen.