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Review

Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten

Mexikanische Passionsgeschichte

Filmszene »Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten«
Auch Nachtclubs sind barock (Foto: Netflix)

Mexikanische Passionsgeschichte

Viele gute Ansätze, aber wenig funktionierende Konzeption: Alejandro González Iñárritus neuer Film Bardo verliert sich in den inneren Befindlichkeiten seines Regisseurs

Anders als genial kann man diesen Anfang wohl nicht bezeichnen. Wir befinden uns in einem mexi­ka­ni­schen Kran­ken­haus, in dem gerade ein Kind zur Welt gebracht wird. Der Junge ist gesund und munter, hat aber keine große Lust auf seinen Start in diese Welt. Der Arzt ist natürlich kulant und schiebt ihn kurzer­hand wieder zurück in die Mutter. Diese ist verständ­li­cher­weise genauso verdat­tert wie der Vater, aber da bleibt wohl nichts anderes übrig, als die Entschei­dung des Nach­wuchses zu akzep­tieren. In der nächsten Szene sitzt der Beinahe-Papa in der Straßen­bahn, eine Tüte in der Hand, gefüllt mit Wasser und drei Axolotl. Als er sie in einem Moment der Unacht­sam­keit fallen lässt, ist der ganze Waggon über­flutet. Die Welt in Bardo funk­tio­niert offenbar nicht nach normalen Regeln. Oder ist es nur die von Silverio (Daniel Giménez Cacho), der hier durch sein inner­li­ches Mexiko driftet?

Nach einem solchen Start sind die Erwar­tungen an den Rest des Films natürlich hoch. Das liegt aber auch an seinem Regisseur selbst, niemand gerin­gerem als Alejandro González Iñárritu, der bereits mit Birdman und natürlich The Revenant zahl­reiche gute Kritiken und Auszeich­nungen für sich bean­spru­chen konnte. Nun geht er mit Bardo (Kompletter Titel: Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahr­heiten) einen intro­spek­ti­veren Weg. Denn die Paral­lelen zwischen ihm und seiner Haupt­figur sind mehr als offen­sicht­lich. Statt einer bloßen Auto­bio­grafie liefert Iñárritu dem Publikum aber lieber ein Werk, das vor surrealen Ausschwei­fungen und Selbst­re­fe­renzen nur so strotzt.

Dreh- und Angel­punkt des Films ist der mexi­ka­nisch-stämmige Jour­na­list Silverio. Nachdem er sich in den USA zum erfolg­rei­chen Doku­men­tar­filmer entwi­ckelte, kehren er und seine Familie zu einer Preis­ver­lei­hung zurück in die alte Heimat. Von diesem Theater zu seinen Ehren ist er nicht gerade begeis­tert. Weniger, weil er selbst so bescheiden wäre, sondern weil das Wieder­sehen mit der mexi­ka­ni­schen Erde ungeahnte Neben­wir­kungen erzeugt. So verbringt Silverio seinen Aufent­halt in einem demü­ti­genden Fieber­traum, in dem sich die Geschichte seines Landes, Iden­ti­täts­fragen und Selbst­ver­leug­nung zu einem verwir­renden Strudel zusam­mentun. Nach einiger Zeit lässt sich auch für das Publikum nicht mehr genau entzif­fern, was hier eigent­lich passiert. Absurder Surrea­lismus wechselt mit Momenten, die eins zu eins aus dem Leben Iñárritus zu kommen scheinen, Metaphern und eindeu­tige Aussagen gehen Hand in Hand. Irgend­wann befindet sich die Haupt­figur sogar im Dialog mit Cortés, dem brutalen Eroberer des Landes.

Nun bietet Bardo nicht nur einige gelungene Mindfuck-Momente, sondern auch unzählige Anknüp­fungs­punkte zur Diskus­sion verschie­denster Motive: der Konflikt zwischen Mexiko und den USA, Verrat der eigenen Wurzeln, der Wert künst­le­ri­scher Authen­ti­zität, der menschelnde Blick vom intel­lek­tu­ellen Elfen­bein­turm und so weiter und so weiter. Man hat jedoch das Gefühl, dass alle diese Fäden immer nur an einem einzigen Punkt zusam­men­laufen, nämlich bei Silverio und so letzten Endes bei Iñárritu selbst. Bardo stellt große Fragen und Themen in den Raum, aber im Endeffekt bleibt er bei einer reinen Selbst­be­schau. Keine Frage, es gibt hier großar­tige Szenen. Zum Beispiel wenn Silverio als Exilant versucht, in seinem Sohn ein Fünkchen Heimat­ver­bun­den­heit zu wecken, aber in nichts als leeren Phrasen endet. Als er dann wirklich mit der Kamera im Flücht­lings­strom Richtung USA steht, wird deutlich sichtbar, wie wenig ihn mit diesem Land und dessen Menschen noch verbindet. Heimatlos, doch privi­le­giert steht er da, kann sich immer auf den jour­na­lis­ti­schen Wert seiner Arbeit berufen, doch die Verwur­ze­lung, die er sich im Innersten wünscht, kann er nur von oben betrachten und nicht greifen.

Der Knack­punkt ist aber eben der, dass das alles um sich selbst kreist. Über die ganzen Elemente, die Bardo anschneidet, erfährt man letzt­end­lich nicht viel, außer dass sie seinen Regisseur umtreiben. Hinzu kommt, dass er sich in den vielen Fäden verhed­dert, die er ausspannt. So kommt ein Film heraus, der merk­würdig unein­heit­lich wirkt. Iñárritu wollte anschei­nend sehr viel auf einmal, nur nicht seine Ideen aussieben. Der Ausflug in die Metaebene darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Der Film selbst wird in der Handlung immer wieder thema­ti­siert, vor allem die »doku­men­ta­risch-fiktio­nalen« Elemente. Bei dieser Gele­gen­heit nimmt Iñárritu in einer Szene auch gleich die Vorwürfe der Kritiker vorweg. Das mögen alles schöne Gedan­ken­spiele sein, am Ende über­frachten sie jedoch den Film selbst und verwirren das Publikum (im negativen Sinne). Wenn man Bardo ansieht, hat man mehr den Eindruck, ein Expe­ri­ment zu sehen, als einen fertig durch­kom­po­nierten Film. Damit ist weniger das Genre des Expe­ri­men­tal­films gemeint, sondern mehr das, was Andrei Tarkowski in »Die versie­gelte Zeit« schreibt: »Ein Künstler kann so viel herum­ex­pe­ri­men­tieren, wie er will. Das bleibt seine ganz persön­liche Sache. Doch von dem Moment an, wo er sein Suchen auf dem Film­streifen festhält (…), das heißt, sein Konzept objek­ti­viert, muss davon ausge­gangen werden, dass er bereits das gefunden hat, was er dem Zuschauer mit filmi­schen Mitteln sagen will.« Gefunden hat Iñárritu zwar einiges, aber die Kompo­si­tion, die daraus entsteht, wirkt enttäu­schend unfertig. Dass man einmal das über einen Film dieses Mannes sagen muss, hätte man beim Erfolg von Birdman sicher nicht gedacht.

Nun, im Nach­hinein hat der Regisseur dann doch noch mal Hand angelegt. Bei seiner Premiere in Venedig noch drei Stunden lang, ist Bardo für seine Kino- und Netflix-Veröf­fent­li­chung um 22 Minuten leichter geworden. Leider zieht er sich trotzdem noch in die Länge. Den Film nun komplett zu verdammen, fühlt sich hingegen auch falsch an, wie gesagt, gibt es immer wieder Momente, die restlos über­zeugen, egal ob mit Humor, Trau­rig­keit oder Hinter­sinn. Insgesamt hat man jedoch den Eindruck, vor einem Selbst­be­die­nungs­bü­fett zu stehen, dessen Gerichte nicht recht zusam­men­passen wollen. Wahr­schein­lich weil der Küchen­chef einfach nur Speisen präsen­tieren wollte, die ihm Magen­schmerzen bereiten.