Review
Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten
Mexikanische Passionsgeschichte
Mexikanische Passionsgeschichte
Viele gute Ansätze, aber wenig funktionierende Konzeption: Alejandro González Iñárritus neuer Film Bardo verliert sich in den inneren Befindlichkeiten seines Regisseurs
Anders als genial kann man diesen Anfang wohl nicht bezeichnen. Wir befinden uns in einem mexikanischen Krankenhaus, in dem gerade ein Kind zur Welt gebracht wird. Der Junge ist gesund und munter, hat aber keine große Lust auf seinen Start in diese Welt. Der Arzt ist natürlich kulant und schiebt ihn kurzerhand wieder zurück in die Mutter. Diese ist verständlicherweise genauso verdattert wie der Vater, aber da bleibt wohl nichts anderes übrig, als die Entscheidung des Nachwuchses zu akzeptieren. In der nächsten Szene sitzt der Beinahe-Papa in der Straßenbahn, eine Tüte in der Hand, gefüllt mit Wasser und drei Axolotl. Als er sie in einem Moment der Unachtsamkeit fallen lässt, ist der ganze Waggon überflutet. Die Welt in Bardo funktioniert offenbar nicht nach normalen Regeln. Oder ist es nur die von Silverio (Daniel Giménez Cacho), der hier durch sein innerliches Mexiko driftet?
Nach einem solchen Start sind die Erwartungen an den Rest des Films natürlich hoch. Das liegt aber auch an seinem Regisseur selbst, niemand geringerem als Alejandro González Iñárritu, der bereits mit Birdman und natürlich The Revenant zahlreiche gute Kritiken und Auszeichnungen für sich beanspruchen konnte. Nun geht er mit Bardo (Kompletter Titel: Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten) einen introspektiveren Weg. Denn die Parallelen zwischen ihm und seiner Hauptfigur sind mehr als offensichtlich. Statt einer bloßen Autobiografie liefert Iñárritu dem Publikum aber lieber ein Werk, das vor surrealen Ausschweifungen und Selbstreferenzen nur so strotzt.
Dreh- und Angelpunkt des Films ist der mexikanisch-stämmige Journalist Silverio. Nachdem er sich in den USA zum erfolgreichen Dokumentarfilmer entwickelte, kehren er und seine Familie zu einer Preisverleihung zurück in die alte Heimat. Von diesem Theater zu seinen Ehren ist er nicht gerade begeistert. Weniger, weil er selbst so bescheiden wäre, sondern weil das Wiedersehen mit der mexikanischen Erde ungeahnte Nebenwirkungen erzeugt. So verbringt Silverio seinen Aufenthalt in einem demütigenden Fiebertraum, in dem sich die Geschichte seines Landes, Identitätsfragen und Selbstverleugnung zu einem verwirrenden Strudel zusammentun. Nach einiger Zeit lässt sich auch für das Publikum nicht mehr genau entziffern, was hier eigentlich passiert. Absurder Surrealismus wechselt mit Momenten, die eins zu eins aus dem Leben Iñárritus zu kommen scheinen, Metaphern und eindeutige Aussagen gehen Hand in Hand. Irgendwann befindet sich die Hauptfigur sogar im Dialog mit Cortés, dem brutalen Eroberer des Landes.
Nun bietet Bardo nicht nur einige gelungene Mindfuck-Momente, sondern auch unzählige Anknüpfungspunkte zur Diskussion verschiedenster Motive: der Konflikt zwischen Mexiko und den USA, Verrat der eigenen Wurzeln, der Wert künstlerischer Authentizität, der menschelnde Blick vom intellektuellen Elfenbeinturm und so weiter und so weiter. Man hat jedoch das Gefühl, dass alle diese Fäden immer nur an einem einzigen Punkt zusammenlaufen, nämlich bei Silverio und so letzten Endes bei Iñárritu selbst. Bardo stellt große Fragen und Themen in den Raum, aber im Endeffekt bleibt er bei einer reinen Selbstbeschau. Keine Frage, es gibt hier großartige Szenen. Zum Beispiel wenn Silverio als Exilant versucht, in seinem Sohn ein Fünkchen Heimatverbundenheit zu wecken, aber in nichts als leeren Phrasen endet. Als er dann wirklich mit der Kamera im Flüchtlingsstrom Richtung USA steht, wird deutlich sichtbar, wie wenig ihn mit diesem Land und dessen Menschen noch verbindet. Heimatlos, doch privilegiert steht er da, kann sich immer auf den journalistischen Wert seiner Arbeit berufen, doch die Verwurzelung, die er sich im Innersten wünscht, kann er nur von oben betrachten und nicht greifen.
Der Knackpunkt ist aber eben der, dass das alles um sich selbst kreist. Über die ganzen Elemente, die Bardo anschneidet, erfährt man letztendlich nicht viel, außer dass sie seinen Regisseur umtreiben. Hinzu kommt, dass er sich in den vielen Fäden verheddert, die er ausspannt. So kommt ein Film heraus, der merkwürdig uneinheitlich wirkt. Iñárritu wollte anscheinend sehr viel auf einmal, nur nicht seine Ideen aussieben. Der Ausflug in die Metaebene darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Der Film selbst wird in der Handlung immer wieder thematisiert, vor allem die »dokumentarisch-fiktionalen« Elemente. Bei dieser Gelegenheit nimmt Iñárritu in einer Szene auch gleich die Vorwürfe der Kritiker vorweg. Das mögen alles schöne Gedankenspiele sein, am Ende überfrachten sie jedoch den Film selbst und verwirren das Publikum (im negativen Sinne). Wenn man Bardo ansieht, hat man mehr den Eindruck, ein Experiment zu sehen, als einen fertig durchkomponierten Film. Damit ist weniger das Genre des Experimentalfilms gemeint, sondern mehr das, was Andrei Tarkowski in »Die versiegelte Zeit« schreibt: »Ein Künstler kann so viel herumexperimentieren, wie er will. Das bleibt seine ganz persönliche Sache. Doch von dem Moment an, wo er sein Suchen auf dem Filmstreifen festhält (…), das heißt, sein Konzept objektiviert, muss davon ausgegangen werden, dass er bereits das gefunden hat, was er dem Zuschauer mit filmischen Mitteln sagen will.« Gefunden hat Iñárritu zwar einiges, aber die Komposition, die daraus entsteht, wirkt enttäuschend unfertig. Dass man einmal das über einen Film dieses Mannes sagen muss, hätte man beim Erfolg von Birdman sicher nicht gedacht.
Nun, im Nachhinein hat der Regisseur dann doch noch mal Hand angelegt. Bei seiner Premiere in Venedig noch drei Stunden lang, ist Bardo für seine Kino- und Netflix-Veröffentlichung um 22 Minuten leichter geworden. Leider zieht er sich trotzdem noch in die Länge. Den Film nun komplett zu verdammen, fühlt sich hingegen auch falsch an, wie gesagt, gibt es immer wieder Momente, die restlos überzeugen, egal ob mit Humor, Traurigkeit oder Hintersinn. Insgesamt hat man jedoch den Eindruck, vor einem Selbstbedienungsbüfett zu stehen, dessen Gerichte nicht recht zusammenpassen wollen. Wahrscheinlich weil der Küchenchef einfach nur Speisen präsentieren wollte, die ihm Magenschmerzen bereiten.