Review
Beach Bum
Sex on the Beach
Sex on the Beach
Da sitzt er und tippt. Breitbeinig, die Füße auf dem Tisch, zwischen den Beinen eine Reiseschreibmaschine. Tipp… Tiiipp… Tipp… geht es langsam dahin. Zwischen den Buchstaben ein Zug am Joint und ein Schluck vom alkoholischen Getränk, irgendeinem glamourösen Cocktail. Wir sehen Moondog beim Schreiben seines nächsten Bestsellers zu. Und: Wir sitzen mitten in seiner verfilmten Poetry, die sein Leben erzählt, und assistieren sozusagen der performativen Romanwerdung, denn das neue Buch wird »Beach Bum« heißen und genau das erzählen, was der Film auf der Leinwand vollführt. Bum!
Ja, das ist Harmony Korine, sophisticated und durchtriebener US-Regisseur, der mit dem Drehbuch zu Larry Clarks Kids 1995 seinen skandalisierten Leinwand-Einstieg gab. Immerhin war hier Teenager-Sex zu sehen, Kids war ein freizügiger Film mit Minderjährigen, wie er heute nicht mehr möglich wäre. Zwei Jahre später dann Gummo, Korines augenblicklich zum Kult erhobenes Low-Budget-Debüt, das von einem anderen Amerika erzählte. Einem Amerika der Wütigen, Verträumten, Jungen, fast alles Laien, die sich sozusagen selbst spielten, auch Korine trat auf und seine damalige Freundin Chloë Sevigny, heute Schauspielerin der ersten Hollywood-Liga.
Mit Gummo war der Ruf Korines, den Zuschauer keinesfalls zu schonen, da. Gesteigert hat sich das 1999 noch einmal mit Julien Donkey-Boy, der in Deutschland gar nicht in die Kinos kam, und erlebte zehn Jahre später seinen dadaistischen Höhepunkt: In Trash Humpers sehen wir marodierende Greise in Windeln und Rollstuhl, die in Point Break-Manier eine Wohnsiedlung unsicher machen, ein straightes Gegengift zum Geriatrie-Kitsch von der Kuschel-WG statt Altersheim. Der Film wurde mit einer VHS-Kamera gedreht, die Korine auf dem Müll gefunden haben soll, mit zwei Videorekordern wurde geschnitten. Entsprechend schäbig und abgerockt sah das Ganze aus.
Nach einer Serie von Kurzfilmen (z.B. Mac and Plak 2010) und Musikvideos (Blood of Havana 2010), im ähnlichen Stil wie Trash Humpers gedreht, kehrte Korine erst 2012 auf die Leinwand zurück. Spring Breakers zeigte trunkene und fickbereite Studentinnen im legendären Spring Break, den Frühlingsferien der Universitäten. In bonbonbunten Bikinis präsentieren sie am Strand von Florida möglichst viel Haut, immer wieder werden Ärsche in die Kamera gehalten, eine überbordende und grenzgängerische Exzessivität, der mühsam ein Plot angelegt war, als wäre es ein überflüssiges Kleidungsstück. Aufmerksamkeits-Trigger für den Film wurde vor allem der Cast, der Korine einem größeren Publikum, das vermutlich mit den falschen Erwartungen ins Kino kam, bekannt machte. Die trink- und fickfreudigen Mädels waren echte Glamour-Girls, die Schauspielerinnen, Sängerinnen und Models Vanessa Hudgens, Ashley Benson und: Selena Gomez. Sie trafen auf Jeff Franco.
Nach Spring Breakers und einer siebenjährigen Pause, die er mit Dior-Werbung und einem Rihanna-Musikvideo vor der Skyline Miamis füllte, legt Korine jetzt mit Beach Bum seinen zweiten Florida-Film vor, der wie die Fortsetzung von Spring Breakers wirkt, auch wenn hier alle in nicht mehr ganz frischem Alter sind und allein schon deshalb subversiv dem Schönheitsideal unter der ewigen Sonne widersprechen. Korine hat viel gelernt in den sieben Jahren, die Bilder erstrahlen in der Commercial-Hochglanzästhetik, und alles leuchtet wie bei Spring Breakers in den Farben von Langnese und LSD. Zumindest wird viel gekifft. Weil es so warm ist, hat man nicht viel an, was praktisch ist, will man kopulieren. Gezeigt wird im ersten Drittel die Welt der reichen Kotzbrocken, denen keine Verschwendung zu viel ist, und bei denen sich das Übertreten der Etikette der leisten kann, der eins ist: stinkreich. Den geschmacklosen Schriftsteller Moondog halten sie sich wie einen Hofnarren, er darf die Wahrheit sagen, die High Society beschimpfen, sich danebenbenehmen.
Gespielt wird er von Oscar-Gewinner Matthew McConaughey, der in Dallas Buyers Club schon mal den unkonventionellen Underdog gab, an seiner Seite sind außerdem Stars wie Rapper Snoop Dogg, Jonah Hill, Regisseur des unglaublichen Mid90s, und Teenager-Schwarm Zac Efron zu sehen. Das Konzept, das Spring Breakers schon einmal geübt hat, geht auch hier auf geniale Weise auf, wenn sich die Stars von ihrer unvorteilhaften, exzessiven, grenzüberschreitenden Seite zeigen: Willkommen in Anti-Hollywood.
In der Welt der Schönen und Reichen darf man sich danebenbenehmen, so lange man einer der Ihren ist, übertragen gilt das auch für die Schauspieler: ein Film wie Beach Bum ist für Hollywood-Stars möglich, solange sie bereits im Starsystem drin sind. Als Moondog dann seine Frau und Milliardärin in einer Trunkenheitsfahrt verliert, wird der jetzt Vermögenslose auch sogleich ausgestoßen. Ab da zeigt uns Korine die dark side of Florida, die Welt der Underdogs, die in Miami auf der Straße leben und im Schatten der symbolträchtigen Geld-meint-Phallus-Skyscraper dahinexistierten. Wenn jetzt aber Sozialrealismus käme, wäre man nicht in einem Korine. Der Film findet im buchstäblichen Trash seinen eigentlichen Fetisch, treibt nebenbei den Plot auf eine märchenhafte Spitze. Wie Hans im Glück dreht auch Moondog immer mehr auf – bis Drogenrausch und Geldsegen wieder verpuffen.