Skip to content

Review

Beale Street

Baldwins bitteres Erbe

Kino des Versunkenseins

Baldwins bitteres Erbe

»Beale Street is our legacy« – »Every black person born in America was born on Beale Street.« Mit einem Zitat von James Baldwin beginnt Barry Jenkins seinen neuesten Coup If Beale Street Could Talk nach dem Oscar-Gewinner Moonlight. Verfilmt hat er Baldwins gleich­na­migen Roman; dessen Titel bezieht sich wiederum auf eine Zeile aus dem vielfach inter­pre­tierten Blues-Klassiker »Beale Street«. Die titel­ge­bende Straße in Memphis ist ein über­de­ter­mi­nierter Ort, eine Chiffre für dieses afro­ame­ri­ka­ni­sche Erbe: Es umfasst schwerstes Leid seiner Bewohner, aber auch die revo­lu­ti­onäre Erfindung des Blues und bedeu­tende afro­ame­ri­ka­ni­sche Literatur, ist so ein Fixpunkt ameri­ka­ni­scher Blackness.

Jenkins schreibt seinen Film ein in diese »legacy«, dieses Erbe. Harlem, 70er-Jahre: Das junge Paar Tish und Fonny möchte zusam­men­ziehen und hat gerade eine Wohnung gefunden. Zum Zusam­men­leben kommt es jedoch nicht, denn Fonny wird beschul­digt, eine Puer­to­ri­ca­nerin verge­wal­tigt zu haben. Fonny kommt unschuldig ins Gefängnis, während Tish ein Baby erwartet. Fonnys Vater und Tishs Familie setzen alles daran, einen Anwalt zu bezahlen und Fonny aus dem Gefängnis zu befreien. Die einzige Waffe der ungerecht Behan­delten ist die starke Liebe, die sie vereint, und die gegen die absurde Recht­spre­chung aufge­boten wird: die familiäre Liebe der Eltern zu ihren Kindern, die part­ner­schaft­liche Liebe von Tish zu Fonny und später zu ihrem neuge­bo­renen Kind. If Beale Street Could Talk ist ein bitterer Film über die Liebe.

»If Beale Street Could Talk«: Ein Konjunktiv, ein Halbsatz, der in der Luft hängt. Der Origi­nal­titel scheint eine Suche anzu­zeigen, ein Was-wäre-wenn, dessen Erzählung der Film selbst ist. Jenkins lässt die Beale Street mit atmo­s­phä­ri­schen Bildern und starken Figuren sprechen. Er bringt sie mit einem Sound­track zum Klingen, der zwischen einem schwe­benden Score und tradi­tio­nellem Blues die Spannung hält. Auch die Liebe des sehr jungen Paares ‒ Tish und Fonny sind um die zwanzig ‒ bewegt sich in einem ähnlichen Span­nungs­feld. Die Annähe­rungen zwischen den beiden sind tastend, behutsam suchend, schüch­tern. Gleich­zeitig ist ihre Liebe von einer Bestimmt­heit und Sicher­heit, die keine Zweifel an sie heran­lassen will: »I’m with you!« lässt Tish den verhaf­teten Fonny eindring­lich wissen.

Jenkins geht dabei nicht chro­no­lo­gisch vor, den Grund für Fonnys Verhaf­tung erfährt man erst nach einem Drittel des Films. Einblen­dungen von histo­ri­schen Schwarz-Weiß-Photo­gra­phien betten die Geschichte des Paars in die allge­meine Perspek­tiv­lo­sig­keit der Afro­ame­ri­kaner. Diesem stati­schen Schwarz-Weiß setzt der Regisseur starke, gleich­zeitig warme Farben entgegen, die in Rück­blenden, unter­s­tützt von der Off-Erzählung Tishs, den Beginn der Liebe zu Fonny lebendig werden lassen. In vielen Erin­ne­rungen tastet sich die Kamera langsam vor, haftet sich an die Figuren und versenkt sich geradezu in die Gesichter. Die zahl­rei­chen Close-ups tauchen den Film in eine traum­hafte Schwebe ein, der flirrende Score von Nicholas Britell gibt den Erin­ne­rungen etwas Fließendes. Gleich­zeitig lassen die Blues- und Soul­s­tücke der Source-Musik den Facet­ten­reichtum des Erbes der Beale Street erklingen.

Diese schwe­bende, offene Erzähl­weise wird dem Plot besonders gerecht. Einige Elemente verorten den Film zwar in den Sieb­zi­ger­jahren ‒ zum Beispiel soll Tish mit Cognac mit auf ihr Baby anstoßen, was heute undenkbar wäre. Indem die Chro­no­logie der Erzählung jedoch immer wieder durch­bro­chen wird und die Gescheh­nisse in eine Traum­haf­tig­keit gebettet ist, scheint die »Beale Street« bis in die Gegenwart hinein­zu­ragen.