Review
Bedingungslos
Im Bann der Nachtwache
Im Bann der Nachtwache
Bis in die Mitte der 1990er Jahre war Skandinavien cineastisch ein Fall für Connaisseure und Arthouse-Fans. Da gab es den Klassiker Dreyer, den Monolithen Bergman, den neuen Kultregisseur von Trier und die Kaurismäki-Brüder, die bei uns noch am ehesten einem breiteren Publikum bekannt waren.
1995 brach in dieses Bild vom geistreichen (für manche zu geistreichen) aber sperrigen Kino des Nordens der Film Nachtwache von Ole Bornedal ein. Ein dänischer
Horrorfilm, mit geringen Mitteln produziert, voller Ideen, Anspielungen und spannender Momente.
Das Aufsehen, das dieser Film (nicht nur bei der zuständigen Genre-Fraktion) erregte, war groß und dem Regisseur Bornedal wurde eine glorreiche Zukunft vorhergesagt. Diese schien auch gleich einzutreffen, als er nach Hollywood gerufen wurde, um mit Starbesetzung und großem Budget ein Remake seines eigenen Films zu drehen. Das Ergebnis war 1997 Nightwatch, der eindrucksvoll bewies, dass der
Reiz von (Genre)Filmen wie Nachtwache meist gerade in ihren beschränkten Mitteln liegt. Wo das Geld für super Technik und teure Stars fehlt, da muss man eben durch Kreativität und ungewohnte, neue, freche Ideen seine Vision umsetzen.
Nightwatch fehlte dieser sympathisch dilettantische Charme, er war professionell, glatt und letztlich belanglos. Das Kinopublikum
bestrafte die zu einfache Kalkulation der Produzenten mit weitgehender Nichtachtung, von Ole Bornedal sollte man für lange Zeit nichts mehr hören.
Erst 2004 meldete er sich mit Dina – Meine Geschichte, einer großen europäische Kooperation mit einigen Stars und aufwändiger Ausstattung zurück. Trotz kleiner Schwächen war der Film keineswegs ein gesichtsloser »Europudding«, sondern zeigt durchaus interessante und eigenständige Ansätze. Ole Bornedal schien zurück, ein klassischer Fall vom jungen Talent in der Tretmühle Hollywood, dem es so erging, wie vielen anderen vor und nach ihm (zuletzt etwa dem Ungarn Nimrod Antal, der nach seinem sehr sehenswerten Kontroll nach Amerika ging, um dort den bedeutungslosen Motel zu drehen). So ist Hollywood nun einmal, it chews you up and spits you out.
Bei Bornedals neuestem Werk Bedingungslos bestand nun die Hoffnung, dass das ewige Talent, das charakterlich und künstlerisch an den Widrigkeiten der Filmindustrie gewachsen und gereift ist, endlich ein souveränes Meisterstück abliefert.
Leider wird diese Hoffnung enttäuscht und angesichts des vorliegenden Films wird die Frage nach den wahren Fähigkeiten Bornedals immer akuter.
Natürlich könnte man berücksichtigen, dass es für ihn schon irgendwie dumm gelaufen ist. In der Zeit, in der Bornedal versucht hat den Traum vom Hollywood-Kino Wirklichkeit werden zu lassen, hat seine (skandinavische) Heimat einen filmischen (aber auch anderweitig kulturellen) Qualitäts- und Popularitätsschub erlebt. Es gab die Dogma-Bewegung mit all ihren Auswirkungen, skandinavische Krimis und ihre Verfilmungen erlebten einen regelrechten Boom, nordische Komödien zwischen melancholisch zartbitter bis schrill, skurril und respektlos gehören bei uns mittlerweile ebenso zum Kino-Alltag wie einige der sehenswertesten, weil ehrlichsten und ergreifendsten Dramen, die von dort kommen.
In dieses neue cineastische Selbstverständnis versucht sich Ole Bornedal mit Bedingungslos nun einzureihen, indem er eine Art skandinavisches best-off anrührt, eine Prise internationale(s) Filmkunst(handwerk) darüber streut, eine gehörige Portion seiner selbst mit einbringt und das ganze dann visuell ansprechend garniert. Das Endergebnis präsentiert sich entsprechend krude.
In der verwegenen Verbindung eines subtilen Familiendramas mit einem
Thriller liegt dann auch das zentrale Problem des Films.
Gerade in der Schilderung von Beziehungen, die unter extremen Bedingungen zerbrechen, haben die Skandinaver eine gewisse Meisterschaft entwickelt (siehe etwa Open Hearts, der wie Bedingungslos auf einem tragischen Autounfall aufbaut, oder Nach der Hochzeit). Nur ist es für die dramatische Stimmung eines solchen Films tödlich, wenn der hierfür notwendige Realismus ständig durch abstruse Krimielemente und flapsige Figurenzeichnungen unterlaufen wird. Der Thrillerspannung wiederum tut es nicht gut, von langwierigen emotionellen Konflikten unterbrochen zu werden.
Verschärfend kommt hinzu, dass Bornedal nicht das gleiche Talent für Beziehungsdramen zu besitzen scheint wie etwa seine Kollegen Anders Thomas Jensens oder Susanne Bier. So gelingt es ihm kaum, die behauptete Langeweile und Tristes im Leben der Figur des Jonas zu vermitteln (wie man das in Perfektion macht, ist z.B. in Anderland zu sehen). Auch die Beziehungen von Jonas zu seiner Frau, zu seiner Geliebten Julia oder deren Familie bleiben weitgehend stereotyp, was einen als Zuschauer ungerührt zurück lässt.
Im Verlauf des Films verfestigt sich immer mehr der Eindruck, dass alles Ernste und Dramatische in Bedingungslos nur aufgesetzt bzw. aufgenötigt ist und Ole Bornedal eigentlich etwas ganz anderes machen will (möglicherweise gar nichts anderes machen kann), nämlich zurück zu seinen Wurzeln zu kehren, weshalb man oft glauben könnte, es mit der dritten Verfilmung von Nachtwache zu tun zu haben. Der augenfälligste Beleg hierfür sind
wohl die zahlreichen Szenen, die (dramaturgisch unbegründet) in einer Leichenhalle der Gerichtsmedizin zwischen diversen Toten spielen.
Doch auch weniger offensichtlich (Stil)Elemente aus Nachtwache werden hier munter repetiert.
Verhängnisvoll ist dabei, dass ein billiger, kleiner Horrorfilm nach anderen Gesetzmäßigkeiten und Prämissen funktioniert als ein Familiendrama oder ein subtiler Thriller. Stilistische Mittel und inhaltliche Eigenheiten, die man in einem Genre als gegeben akzeptiert, funktionieren im anderen überhaupt nicht. In einem Film wie Nachtwache ist es schon in Ordnung, wenn manche Figuren ein wenig »clownesk« gestaltet werden, wenn manche Szenen arg klischeehaft ausfallen, wenn man sich pausenlos in eigenen und fremden Referenzen ergeht, wenn man es mit der Logik nicht zu genau nimmt, wenn die Handlung auf Gedeih und Verderb der Spannung unterworfen und hingebogen wird, wenn der Effekt mehr zählt als die Wahrhaftigkeit.
In einem Drama, aus dem Bedingungslos zur Hälfte besteht, sind solche Elemente jedoch vollkommen fehl am Platz. Eine emotionelle Beziehungsgeschichte wird eben nicht dramatischer, indem man sie mit einem geheimnisvollen Mörder würzt, eher im Gegenteil.
Und wie ernst kann man eine Handlung schon nehmen, die darauf aufbaut, dass die weibliche Hauptfigur ihr Gedächtnis und ihre Sehfähigkeit verloren hat?
Doch auch die andere, die
»Thriller-Hälfte« kann den Film nicht retten, weil vieles (für dieses Genre) zu kompliziert, zu konfus, zu bemüht, zu nebensächlich ist, als dass echte Spannung entstehen würde.
Vielleicht hat sich Ole Bornedal mit Bedingungslos einfach überhoben. Vielleicht wollte er zu viel, wollte es zu gut machen, wollte alles auf einmal und hat sich dabei verrannt und zwischen den Genres und Stilen verheddert. Vielleicht ist er also das ewige Talent, für das es wieder einmal dumm gelaufen ist.
Vielleicht ist Bedingungslos aber auch genau das, was von ihm zu erwarten ist und das einzig wahre Talent, das er ja besaß,
steckt in einem unterhaltsamen, kleinen Film namens Nachtwache.