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Review

Benedetta

Verbotene Liebe hinter Klostermauern

Filmszene »Benedetta«
Hyperrealismus zwischen Lust und Laster (Foto: Capelight/Koch Films/Central)

Verbotene Liebe hinter Klostermauern

Genuß ohne Reue: Paul Verhoeven hält weiterhin die Versprechen der Siebziger Jahre

»Wherever I am – there can be no shame!«
- Schwester Barto­lomea in Benedetta

Dies ist ein Film, der mit visuellen Reizen nicht geizt. Schwel­ge­ri­sche Bilder in kraft­vollen Farben zeigen scheinbar alles: Göttliche Visionen werden ins Bild gesetzt, wie ein psyche­de­li­scher Traum in einem Hippie­film aus den frühen 70er Jahren; korrupte Pfaffen rollen böse mit den Augen oder lassen ihre Mund­winkel zynisch zucken; schöne Frauen wandeln leicht­be­kleidet oder gleich ganz nackt mit wogenden Brüsten durch diesen Film.

Alles ist auf geschmack­lose Weise geschmack­voll, manchmal einfach »guter Trash«, wie in jenen heutigen Klas­si­kern zwischen B-Movie und Biennale-Kunstkino, die man früher »Mitter­nachts­filme« nannte.

Jeden­falls aber ist es über jeden schlichten Natu­ra­lismus intensiv erhoben zu einer vibrie­renden Hyper­rea­lität – oder passiert doch das Entschei­dende in unserer Phantasie, und diese Bilder triggern mehr, als sie wirklich zeigen?

Denn zugleich ist Benedetta ein seltsam kühler, distan­zierter Film; keines­wegs werden hier voyeu­ris­ti­sche Gelüste billig bedient, oder Vorlagen fürs Befrie­digen schlichter Instinkte geliefert.

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Gleich­ge­schlecht­liche Liebe war lange Zeit auch im zivi­li­sierten Abendland eine Todsünde. Erst recht zwischen Frauen. Und erst recht innerhalb der katho­li­schen Kirche.

Und doch gab es sie: Liebe und sexuelle Bezie­hungen zwischen Nonnen. Eine von ihnen war Benedetta Carlini (1590-1661), und sie war selbst unter ihres­glei­chen ein ganz beson­derer Fall: Denn Carlini lebte zur Zeit der Spätre­nais­sance im späten 16. Jahr­hun­dert nicht nur die verbotene Liebe hinter Klos­ter­mauern, sie war zugleich eine öffent­liche Figur, denn die Mysti­kerin hatte göttliche Visionen, die sogar vom Vatikan bestätigt wurden und Carlini und das von ihr geführte Kloster in Pescia für einige Jahre zur Touristen-Attrak­tion machten.
Dann führte ihr Liebes­leben zu einem hand­festen Skandal...

Der nieder­län­di­sche Film­re­gis­seur Paul Verhoeven erzählt jetzt Carlinis Geschichte auf seine Weise. Offenbar gelingt es dem alten geschulten Provo­ka­teur Verhoeven dabei immer noch, Auto­ri­täten und Auto­ri­täre zu provo­zieren. Er ist eben kein Frau­en­ver­ächter, sondern ein Gegner der Dikta­toren. Die erkennen ihren Feind mit jenem sicheren Instinkt, der uns Demo­kraten manchmal führt: In Russland wurde Verhoevens Film schon verboten.

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Charlotte Rampling spielt voller Vergnügen eine typische Verhoeven-Figur: Eine schmun­ze­lige Äbtissin, die die Reichen ausnimmt und immer irgend­welche Sprüche vom Drehbuch bekommt, oder den Moment knall­harten Verhan­delns mit reichen Eltern von Kindern, die ins Kloster gegeben werden: Man sei hier »nicht auf dem Basar«; der Herr Papa solle sich »nicht jüdisch benehmen« und nicht »feilschen wie die gottlosen Juden«.
Oder das Gespräch der Äbtissin mit dem so ehrgei­zigen wie zynischen Bischof, der die »Wunder« Bene­dettas zur eigenen Karriere nutzen will. Sie erklärt ihm, dass Wunder eigent­lich bestimmte gemein­same Muster hätten, »in denen sich Gott offenbart«. Das Gegen­ar­gu­ment: »God is not bound to any rules of the book.«
Solche kleinen klugen Bosheiten über die Kirche gefallen Verhoeven.

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Das Unkon­ven­tio­nelle, Provo­ka­tive war schon immer das Haupt­in­ter­esse von Paul Verhoeven. Mit fast jedem seiner Filme gelingt es ihm, Debatten und Skandale auszu­lösen und eine gewisse Lust an dem, was man heute »Trollen« nennt, ist unüber­sehbar. Auch mit über 80 und fast 30 Jahre nach seinem Welterfolg Basic Instinct hat Verhoeven auch in seinem neuesten Film Benedetta immer noch viel Spaß daran, der Gesell­schaft ihre Doppel­moral und den Tugend­ta­liban unserer eigenen Brei­ten­grade ihre Untugend vorzu­halten.

In diesem Film Benedetta geht es ihm vor allem um die Abgründe der Religions-Geschichte und -Tradition in den (ex-)christ­li­chen Ländern Europas.

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Benedetta erinnert in vielem stark an unsere Gegenwart: Eine anste­ckende tödliche Seuche tobt in Nord­ita­lien. Manche glauben an alles, andere an gar nichts mehr. Und fast alles ist eine Frage des richtigen Narrativs, der kommu­ni­ka­tiven Deutung der Wirk­lich­keit.

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Die Handlung dreht sich um die Titel­figur (gespielt von Virginie Efira), die bereits als Kind von ihrer reichen Familie ins Kloster gebracht wird und von Anfang an eine offenbar starke spiri­tu­elle Kraft besitzt. Sie hat Visionen, »tut Wunder«, die von der Kirche anerkannt werden, und ist eine Art Klas­sen­primus unter den Novi­zinnen.

Doch als sie mit der Nonne Barto­lomea (Daphne Patakia), einer »gefal­lenen« Frau und Exhure, die vor ihrem gewalt­tä­tigen Ehemann ins Kloster flieht, eine neue Zellen­ge­nossin bekommt, entdeckt sie die Frau­en­liebe für sich. So verwan­delt sich die früh­neu­zeit­liche Touris­ten­at­trak­tion in einen Fall für die Inqui­si­tion – Verhoeven geht es vor allem um die Abgründe der Religions-Geschichte und -Tradition in den (ex-)christ­li­chen Ländern Europas.

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Die prin­zi­pi­elle Frage, die sich hier stellt, ist die: Geht Verhoevens künst­le­ri­scher Grund­an­satz, im Kino alles zu zeigen, bis hin zur ästhe­ti­schen Pein­lich­keit oder über sie hinaus, auch in diesem Fall auf?
Man könnte argu­men­tieren, Verhoeven fügt seinen bishe­rigen Filmen nichts hinzu; er fügt auch dem nichts hinzu, was andere in ihren Filmen über Nonnen bisher gezeigt haben.
Religiöse Doppel­moral, das gestörte Verhältnis von Sexua­lität und Kirche, und das Dasein der Nonnen sind schon seit Jahr­zehnten regel­mäßig Gegen­stand des Kinos: So unter­schied­liche Regis­seure wie Robert Bresson, Luis Buñuel, Ken Russell und Jacques Rivette konnten sich der offenbar vorhan­denen Faszi­na­tion für die geschlos­sene Klos­ter­welt nicht entziehen.

Aber ist das ein wirklich starkes Argument? Film ist ja auch Insze­nie­rung, ist Gestal­tung. Wir sehen bei Verhoeven immer alles sehr explizit: Das Blut spritzt und nicht nur das Blut. Eine kleine Mari­en­figur ist zugleich ein Dildo, den wir mehr als einmal sehen dürfen. Die Träume und Visionen der Nonnen sind visua­li­siert.
Aber nichts hier ist Explo­ita­tion, Zeigen um des Zeigens willen – gegen das aller­dings auch wenig zu sagen wäre.

Gegenüber anderen Filme­ma­chern nimmt Verhoeven überdies die religiöse Erfahrung selbst über­ra­schend ernst. Er hält es für möglich, dass zumindest seine Haupt­figur Benedetta alles glaubt, was sie sagt und tut, dass sie überzeugt ist, dass Gott »durch meine Hände ein Wunder voll­bringt« – hier ist Naivität nicht von Fana­tismus zu unter­scheiden.

Trotzdem finde ich es etwas merk­würdig, was Verhoeven hier macht. Und ich verstehe eigent­lich nicht, warum er es macht, was ihn daran inter­es­siert. Aber so ist Verhoevens Karriere: Es gibt Meis­ter­werke und es gibt die eher merk­wür­digen und ein bisschen durch­schnitt­li­chen Filme, wie Hollow Man. Gleich­zeitig hält man es hier natürlich auch für gut möglich, dass sich dieser Film viel­leicht später im Nach­hinein doch noch als Meis­ter­werk entpuppen könnte. So wie etwa The Black Book, den ich mögen wollte, aber eigent­lich nicht gemocht habe, als er 2006 in Venedig lief. Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass das eines seiner Meis­ter­werke ist, dass ich den Film unter­schätzt habe.

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Flesh and Blood heißt der frühere, relativ verges­sene Mittel­alter-Film von Paul Verhoeven mit Rutger Hauer. Was für eine Rolle hätte Rutger Hauer wohl in diesem Film gespielt, lebte er noch?

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Der Schlüssel zu der Frage, wo wohl das Interesse des Regis­seurs liegt, wird am Ende enthüllt: Bene­dettas Lieb­ha­berin Schwester Barto­lomea, das Mädchen aus dem Volk und Exhure, erklärt da nach Folter und Demü­ti­gung: »Humi­la­tion does not leave a mark«, und dann: »Wherever I am – there can be no shame!«

Das sind die entschei­denden Sätze.

Darin entpuppt sich Barto­lomea als die eigent­liche Heldin des Films. Und als eine geistige Verwandte Rachel Steins, der von Carice van Houten gespielten Haupt­figur von Black Book.

Verhoeven ergreift Partei gegen die Inqui­si­toren und Moral­apostel und für die von ihnen Ernied­rigten.

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Verhoevens facet­ten­rei­chem Film ist gelungen, hoch­un­ter­haltsam und klüger, als er manchmal aussieht. Er zeichnet vor allem ein altka­tho­lisch sattes, grelles Bild der Renais­sance voller Vulga­ri­täten und expli­ziter Szenen, zu denen nicht nur der Sex im Kloster gehört, sondern auch platzende Pest­beulen, Autodafés auf dem Markt­platz, irr gewordene oder hyste­ri­sche Nonnen und betont kitschig-süßliche Chris­tus­vi­sionen, in denen der Heiland mit nacktem Ober­körper wie eine Model-Figur aussieht, wie ein Beau aus der aller­neu­esten Jeans-Werbung.

Und Charlotte Rampling hat wie erwähnt den schönsten und einen wunderbar lustigen Auftritt in ihrer Neben­rolle als süffi­sante Äbtissin, der nichts Mensch­li­ches fremd ist und die schon zuviel gesehen hat, als dass sie Visionen, Pest und Todsünde noch erschüt­tern könnten.

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In vibrie­rendem Hyper­rea­lismus zwischen Lust und Laster zeigt Paul Verhoeven Schaulust, Skandal und Todsünde.
Verhoeven bietet Genuss ohne Reue und hält damit weiterhin als einer der letzten Regis­seure die Verspre­chen der Siebziger-Jahre.