Review
Bergblut
Zack. Zack-zack!
Vorbemerkung: Ich bitte ausdrücklich um Beachtung der Nachbemerkung im Anschluss an diese Kritik!
Zack. Zack-zack!
Aaah – in der Morgenluft im Nachthemd mit beiden Füßen genussvoll in einen frischen Kuhfladen steigen, die Exremente warm und weich durch die Zehenzwischenräume quellen lassen, ihren Geruch einschnaufen: Ja, da weiß man, dass man lebt! Ja, das geht uns intellektuellen Stadtmenschen einfach ab! Und so ist es nur recht und billig, dass in Bergblut dazu ein elegisches Sopransolo anhebt und dieser Moment die Montage eröffnet, in der die Städterin Katharina endlich ankommt auf dem Land, in den Bergen. Sie lernt das Melken und das richtige Kartoffelschneiden (»Zack. Zack-zack!«) und das Aufstehen vor Sonnenaufgang und überhaupt all das, was einem die überfeinerten Seidenschal-Flausen aus dem zwar wohlmeinenden, aber verwichlichten Bürgerinnenhirn treibt.
Wobei der Bayerin, die nach »Tyrol« (der Film liebt’s archaisch) auf einen Bergbauernhof heiratet, ihre Bildung schon noch zu Nutzen sein wird: Denn es herrscht Krieg 1809, und da kann man Medizinerinnen brauchen. Bergblut (und Boden) ist nicht einfach ein Heimatfilm – es ist dezidiert ein Heimatfrontfilm. Und seine Vorbilder sind keineswegs die naturidyllischen Förster vom Silberwald-Streifen der ‘50er und ‘60er – es sind die nationalbewegten Schlacht-um-die-Heimat-Epen der ‘30er und ‘40er.
Wobei schwer einzuschätzen ist, inwieweit bei Regisseur Philipp Pamer da wirklich politische Überzeugungen mitspielen – oder schlicht grenzenlose Naivität. Denn zunächst einmal hat in ihm der Vilsmaier Sepp seinen legitimen Erben gefunden: Seine Dramaturgie folgt dem Prinzip »Viel hilft viel« – mit der Finesse von Nachmittagsfernsehen und dem Aufwandsgehubere typischer HFF-Absolventen. Da muss ganz oft mit dem Hubschrauber übers Bergpanorama gebraust werden, weil’s gar so schön ist, und wenn die Katharina ihren Franz nach der Schlacht wieder in die Arme schließt, dann geht das nicht ohne den alten Michael-Ballhaus-Gedächtnis-»Fahr-nochmal-rum!«-Kamerakreisel. Wenn die Tyroler siegen, dann flattern die Fahnen stramm und fröhlich im Wind – und wenn sie verlieren, dann lassen sie traurig ihre Flaggenzipfel hängen, während auf dem Soundtrack eine Oboe greint. Denn nichts in diesem Film kann plakativ und kitschig genug sein, dass nicht Sami Hammis Musik noch eine Extrakelle Schmalz drübergießen könnte.
Und so mag’s gut sein, dass Pamer aufgrund seines Themas sich halt einfach nur Filme wie Der Judas von Tirol angeschaut hat, ohne sich bei deren Imitation viel zu denken. Aber das ändert nichts daran, dass er dabei ohne ein Fünkchen Brechung die übelsten Mechanismen etlicher nationalistischer Propagandafilme kopiert: Die aufwühlende Darstellung der Bestialität und Dummheit der »ausländischen« Besatzer; das aufrecht-natürliche Nationalempfinden der leidensfähigen, heldenhaften Einheimischen. Die Widerwärtigkeit der Verräter in den eigenen Reihen. Und die Opferbereitschaft für ihren Anführer. Und sage jetzt keiner: Ja aber es endet doch tragisch! Denn der Märtyrertod besonders des vermeintlichen nationalen Heilsbringers gehört ja exakt zum Standardinventar faschistoider Erzählungen.
Diese Führerfigur ist hier Andreas Hofer – ganz so gezeichnet, wie ihn deutschnationale Kreise ab Mitte des 19. Jahrhunderts mystifizierten, und kein Einzelbild lang historisch hinterfragt. Was aber insofern nicht so schlimm ist, weil man sich bei seinen Auftritten in (Kol)Bergblut trotzdem eher wundert, warum denn alle so voller Jubel sind für den Räuber Hotzenplotz.
Und freilich: Unser historischer Kontext ist ein anderer, anti-französische und anti-bayrische Agitation dürfte heute kaum konkretere Wirkung aufs realpolitische Empfinden des Publikums haben als in den USA die Anti-England-Hetze von Emmerichs (in manchem sehr vergleichbaren) Der Patriot. Aber so ein freischwebender, unspezifischer Nationalismus hat in gewisser Weise etwas noch Beängstigenderes, weil er wirkt wie ein schlafender Erreger, der sich durch die Winde treiben lässt, bis er irgendwo einen Wirt findet, in dem er wieder virulent werden kann. Und so oder so ist er, egal wie harmlos, einfach emotional wie ästhetisch schlicht zum Kotzen.
Man müsste sich ernsthaft darüber Sorgen machen, was heutzutage wieder geht und wieder ankommt angesichts der Tatsache, dass dieser Film auf dem Münchner Filmfest den Publikumspreis verliehen bekam – wäre nicht der starke Verdacht, dass es dabei keineswegs mit (im doppelten Sinne) rechten Dingen zuging. Es gab nur eine einzige Vorführung dieses Films, im rund 500 Menschen fassenden Carl-Orff-Saal, darunter einiges an geladenen Gästen. Für einen fairen Sieg hätten so ziemlich alle anwesenden regulären Zuschauer ausgerechnet Bergblut zu ihrem absoluten Lieblingsfilm des kompletten Festivals erklären müssen. Und da drängt sich schon der Verdacht auf, dass (vermutlich nicht zum ersten Mal) schlicht jener Film siegte, dessen Team selbst am dreistesten die frei am BR-Stand ausliegenden Stimmkarten gebunkert und ausgefüllt hat.