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Review

Berlin Alexanderplatz

Kampf um Anerkennung und Würde

Filmszene »Berlin Alexanderplatz«
Ewige Charaktere oder Gescheiterte, ein moderner Döblin oder ein Film ohne Resonanz? (Foto: Stefanie Kulbach/2019 Sommerhaus/eOne Germany)

Kampf um Anerkennung und Würde

Buntes Deutschland: Körper als Material, Zeit als Treibstoff, Metropole als Bühne – Burhan Qurbanis »Berlin Alexanderplatz« ist in jeder Hinsicht eine Wucht

»Da steht mein Franz und fragt sich: 'Was tun? Soll ich weg? Soll ich bleiben?' Als wenn ihn einer in'nen Teig geschmissen hätte und nu kriegt er das Zeug nicht los. Er möchte fort, aber es geht nicht. Franz – man hat dich rein­ge­legt«
Aus dem Film

Drei junge Menschen im Berlin von morgen früh; sie lieben sich, sie hassen sich, sie kommen vonein­ander nicht los. Sie haben Spaß und malträ­tieren sich, sind zärtlich zuein­ander und beuten sich selber aus und alle anderen: Körper als Material, Zeit als Treib­stoff, die Metropole als Bühne – das alles ist Berlin Alex­an­der­platz in den Händen von Burhan Qurbani und seinem Team. Sie nehmen Alfred Döblins Roman als Vorlage so ernst, dass sie sie nicht etwa als Geschichte aus ferner Vergan­gen­heit erzählen, sondern gegen­wärtig: Haupt­figur Franz ist Francis (gespielt vom guinea-bissaui­schen Portu­giesen Welvet Bungué), ein Flücht­ling aus Afrika, der im Unterleib der Haupt­stadt zu überleben versucht, und dabei auf Mitzi trifft, die seine Liebe wird, und auf Reinhold, der ihn wie der Teufel höchst­selbst verführt, sein bester Freund wird und sein Verhängnis.

Berlin ist hier zwar wie bei Döblin ein von Gewalt und Diskursen durch­drun­gener Groß­stadt­dschungel, aber eben einer von heute: Drogen­handel in der Hasen­heide, der Kampf um einen deutschen Pass, Überleben an der Grenze zur Selbst­zer­stö­rung. Es war Döblin, der die Sätze schrieb: »Der Mensch ist ein häss­li­ches Tier, der Feind aller Feinde, das widrigste Geschöpf, das es auf der Erde gibt.«

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»Da steht mein Franz und fragt sich: 'Was tun? Soll ich gehen, soll ich bleiben?' Als wenn ihn einer in'nen Teig geschmissen hätte und nu kriegt er das Zeug nicht los. Er möchte fort, aber es geht nicht. Franz – man hat dich rein­ge­legt.«

Das ist ein Ton im deutschen Film, wie man ihn seit vielen Jahren nicht erlebt hat: episch, mit langem Atem und Geduld, ein Ton, der sich nicht heran­schmeißt an die Zuschauer, der auch nicht Angst hat vor ihnen, der sie nicht belehren will.
Ein Ton, der über sich hinaus­blickt, biblisch ist, mythisch, aber realis­tisch, und jeden­falls nie roman­tisch oder verkitscht. Es ist der expres­sio­nis­ti­sche Ton von Alfred Döblin und seinem Groß­stadt­roman »Berlin Alex­an­der­platz«. Aber es ist auch der Ton von Burhan Qurbani. Qurbani, nach seinem Debüt Shahada 2010 und einem weiteren Film nun zum zweiten Mal im Berlinale-Wett­be­werb, hat Döblins Vorlage in die Gegenwart verpflanzt, aktua­li­siert, auch verpoppt, ohne ihr aber etwas von ihrer archai­schen Kraft zu nehmen, ihrem Fremd­ar­tigen. Qurbani moder­ni­siert Döblin, aber er beraubt ihn nie seines epischen Atems, er behält die mythische Kompo­nente ebenso bei wie die expres­sive Sprache dieses Nietz­schea­ners und Sozia­listen, der in dieser Kombi­na­tion so unzeit­gemäß ist, wie einer heute nur sein kann, damals nur sein konnte. Und zugleich so modern wie keiner – denn Döblin war ein Monta­ge­künstler, der in seine Erzählung histo­ri­sches Wissen – die Geschichte von Napoleons Rückzug über die Beresina – ebenso hinein­flicht, wie zeit­genös­si­sche Schlager-Zitate – »Mein Papagei frisst keine harten Eier« –, was sich seitdem allen­falls Pop-Literaten getraut haben: Ein Künstler der Montage und damit der dem Kino entlehnten, absolut modernen Methode der Verbin­dung und Zusam­men­schau des Unzu­sam­men­hän­genden. Schon bei Döblin steht der Rhythmus – der Sprache und der Dinge – im Zentrum.

Die Stimme gehört der großar­tigen Jella Haase, deren Figur der Mieze, einer anstän­digen Hure zwischen zwei abgrün­digen Männern, hier zur Erzäh­lerin und damit zum Zentrum und zur Takt­ge­berin des Films wird. Sie sorgt immer wieder für kleine Ruhe-Momente im Fluss dieses Films.
Besonders einfalls­reich und schlüssig ist dieser Kniff, Mieze zur Erzäh­lerin zu machen, die große Liebe von Franz Biberkopf, die Hure des Babylon Berlin, die von sich selber sagt, sie sei nicht aus Zucker, sie sei aus Marmor.
Jella Haase ist in dieser doppelten Funktion der Gravi­ta­ti­ons­punkt des Films. Zusammen mit Albrecht Schuch als Reinhold, Verhängnis und Gegen­spieler im Leben von Franz Biberkopf. Sein Reinhold ist ein Unhold, bleich und schlaff, zugleich mit dämonisch funkelndem Blick, ein irrlich­ternder, unter­drückt homo­se­xu­eller Krimi­neller und neuro­ti­scher, von diversen Empfind­lich­keiten, von »Lakto­se­into­le­ranz, Fruc­to­se­into­le­ranz« gequälter Verführer mit dem Charme des Irrsinns.
In einer Szene erklärt er seine Arbeit: »Schwan­gere werden nicht bedient, Kinder werden nicht bedient, Hipster zahlen das Doppelte.«

Franz Biberkopf wird hier zu Francis, einem Afrikaner, der als Flücht­ling nach Berlin kam, sich als Sans-Papiers, ohne Pass­do­ku­mente auf illegalen Baustellen verdingt, und dann von Reinhold für Drogen­deals und Schlim­meres ange­heuert wird und in das Dunkel der Großstadt Berlin eintaucht. Aber innerlich ein guter Naivling, ein Lazarus.

Dies ist ein weiterer großer Einfall des Regis­seurs: Ein Afrikaner, ein Flücht­ling, ein Schwarzer ist Franz Biberkopf, nicht mehr ein prole­ta­ri­scher Arbeiter aus den 20er Jahren. So aktua­li­siert er seinen Stoff. So macht Quarbani aus »Berlin Alex­an­der­platz« eine Geschichte des Kampfes um Aner­ken­nung und Würde.

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Für den Film gibt das alles ein Muster vor: Es sind auch Bilder, so grell und dabei lebens­echt, so schön, und dabei genau, wie man sie viele Jahre vermisste. Alles Akade­mi­sche fehlt hier, alles Gedämpfte, Sichere. Berlin Alex­an­der­platz ist ein riskanter Film. Darum gelingt er so gut.

Hervor­zu­heben sind Qurbanis Mitar­beiter: Ein junges Team um die »Sommer­haus«-Produ­zenten Jochen Laube und Fabian Maubach, das mit einem jungen Zugang belegt, wie frisch und unver­staubt Döblins Stoff ist: Etwa die Film­mu­si­kerin Dascha Dauen­hauer, der Kame­ra­mann Yoshi Heimrath. Und die Montage von Phillipp Thomas, die adäquat Döblins Monta­ge­technik auf die Leinwand überträgt. Eine tolle Schnitt­folge ist etwa die Szene, wie Franz und Mieze jeweils allein in ihrem Apartment umher­streifen – doch ihre Bewe­gungen so aufein­ander abge­stimmt sind, dass es ist, als wären sie zusammen im Zimmer.

So entsteht ein Film aus einem Guss, der adäquat Döblins Techniken auf die Leinwand überträgt, und zu einem atmo­s­phä­risch dichten Ganzen fügt.

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Bereits zweimal wurde Alfred Döblins Groß­stadt­roman »Berlin Alex­an­der­platz«, ein Meilen­stein der lite­ra­ri­schen Moderne, seit seinem Erscheinen 1929 verfilmt: 1931 in neusach­li­chem Realismus von Phil Jutzi, 1980 von Rainer Werner Fass­binder als Fern­seh­serie und hitziges neoro­man­ti­sches Nacht­s­tück. Und jetzt, 40 Jahre später von dem 1980 in Erkelenz geborenen Sohn afgha­ni­scher Einwan­derer, der an der Film­aka­demie Ludwigs­burg studierte. Wie Phil Jutzi und im Gegensatz zu Fass­binder hat Qurbani die Geschichte als eine aus der Gegenwart erzählt: Gleich fünf deutsche Film­preise gewann er im Mai – jetzt kommt Berlin Alex­an­der­platz ins Kino.

Er zeigt Menschen eines bunten Deutsch­land, die nicht länger gegen die Wand prallen, sondern durch sie hindurch­bre­chen. So wird die Geschichte von Franz zur Geschichte aus einem neuen Deutsch­land, das so multi-kulti ist, wie das Berlin der zwanziger Jahre, in dem Döblins Roman spielt. Nur für die Rechts­ex­tre­misten von heute ist das eine Freak-Show – was Qurbani sogar direkt ironisch aufgreift.

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Es gibt Einwände gegen diesen Film. Mein eigener: Er ist zu lang. Ein befreun­deter Editor sagte mir: Wenn man den auf 90 Minuten herun­ter­ge­schnitten und konzen­triert hätte, wäre er ein Meis­ter­werk geworden. Ich finde das nicht. Für mich funk­tio­niert er sehr gut, so wie er ist, am Ende leiert er aller­dings ein bisschen aus. Und immer wieder gibt es mal Momente, da denke ich: Das hätte jetzt schneller gehen können; das war jetzt nicht nötig. Oder: Wenn bestimmte Sachen gefehlt hätten, hätte ich sie nicht vermisst und es wären die großen Stärken viel besser zur Geltung gekommen. Ich hätte lieber mehr von Jella Haase gesehen.
Was mich an der Länge stört: Sie schreckt Publikum ab und ermüdet. Mit 2 Stunden 15, 20, oder 30 wäre der Film nicht schlechter.

Überhaupt die Schau­spieler. Sie sind gut, aber trotz allem nicht die Stärke des Films, sondern ein Problem. Haase ist großartig, ohne Einschrän­kung. Nicht viele Varianten, aber die stimmen. Albrecht Schuch ist auch sehr, sehr gut, aber trotzdem stimmt auch irgendwie fast nichts. Warum? Er ist komplett in seinem eigenen Film, macht sein eigenes Ding – wahn­sinnig gut, aber ohne jede Selbst­dis­zi­plin, statt­dessen ein einziger Schau­spie­ler­ma­nie­rismus, etwas nur Gemachtes, im Effekt eine Karikatur in einem Film, in den das nicht hingehört. Und hier, nur hier, muss man Burhan Quarbani vorwerfen, dass er das nicht in den Griff gekriegt hat, dass er – warum auch immer – den Schau­spieler nicht bändigt.
Und Joachim Król als Gangs­ter­könig Pums habe ich wirklich gern gesehen, ist ein inter­es­santer Versuch, aber auch dem armen Mimen ein bisschen viel aufge­bürdet.

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Beden­kens­wert und inter­es­sant ist der Verriss von Andreas Kilb in der FAZ. Nur verstehe ich nicht, wie er dem Film vorhalten kann, was im Roman sich findet: »Schnitter, der heißt Tod«, das hat Döblin gleich zwölf Mal aus dem alten Volkslied zitiert. Die Hure Babylon stammt von ihm, nicht von Tom Tykwer, und das »Happy End, das sich aus einer Netflix-Serie auf die Leinwand verirrt hat«, steht zwar anders bei Döblin, aber eher noch happier.

In Schutz nehmen muss man diesen Film aber – vor den Nicht-Film­kri­ti­kern, die dann Kritiken schreiben dürfen, wie Thomas E. Schmidt in der »Zeit«, ein Lite­ra­tur­kri­tiker, dem natürlich nichts Besseres einfällt, als dem Film vorzu­halten, wo er Döblins Roman reduziert, von ihm abweicht, und der von Film so wenig versteht, dass er – komplett im Inhal­tismus gefangen – genau die Stärke übersieht, die man als Einzige nicht bestreiten kann: Dass dies Kino ist, dass hier mit filmi­schen Mitteln erzählt wird. Und darum Berlin Alex­an­der­platz allen Ernstes »TV-Ästhetik« vorwirft.

Und dann, nur vier Sätze später, natürlich, wie alle, denen nichts zu diesem Film einfällt, Rainer Werner Fass­bin­ders Version von 1980 als leuch­tendes Vorbild zitiert – eine TV-Serie, die heute fast schon nicht ansehbar ist, und die die Hälfte der Leute, die sie preisen, nie komplett gesehen hat.

Alles ist konfor­mis­tisch an dieser Art von verfehlter Film­kritik.

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Tatsäch­lich ist dies ein ganz ausge­zeich­neter Film mit gering­fü­gigen Mängeln. Spätes­tens mit diesem Werk beweist Qurbani, dass er einer der wich­tigsten Filme­ma­cher des aktuellen deutschen Gegen­warts­kinos ist.

Dieser Film hat einen epischen Atem. Und er erzählt vom Deutsch­land der Gegenwart. Wer hätte das gedacht?

Berlin Alex­an­der­platz ist seit dem 16. Februar 2021 auf Netflix abrufbar.