Review
Bin ich schön?
Auf der falschen Rolltreppenseite
Auf der falschen Rolltreppenseite
Frau Dörries Besinnungskino der abwechslungsreichen Sorte
Nun ist der deutsche Film, ebenso wie der deutsche Fußball, ja nichts besonders rettenswertes. Trotzdem würde man sich zwischendurch, ganz abseits von jeglichem Patriotismus, freuen, wenn in dem ein oder anderen Bereich mal sympathische und dazu noch talentierte Personen erfolgreich wären. Grade läuft Tom Tykwers Lola vielbeachtet durch die Kinos und nun will Doris Dörrie erneut ihr Glück versuchen. Nach Widows, Comedian Harmonists und Cascadeur, den Schrecken des ersten Halbjahres, helfen Lola rennt und Bin ich schön?, die Schmerzen zu lindern. Dörrie nimmt seit Jahren eine Schlüsselposition zwischen Autorenfilm und dem deutschen Unterhaltungskino ein. Männer war einst die Steilvorlage für die Komödienwelle, Keiner liebt mich war zeitgleich mit dem Bewegten Mann ein Kassenerfolg, diesem aber künstlerisch weit überlegen, da die Regisseurin, anders als Wortmann zu ihren Stoffen eine persönliche Beziehung hat und diese vermitteln kann. Nun hat sie ihre Kurzgeschichtensammlung Bin ich schön? zu einem stabilen Drehbuch konstruiert, worin die Figuren nicht herumgehetzt, sondern zum Stehen gebracht werden, auf daß man sie in Ruhe betrachten kann.
Franka Potente, die bei Tykwer mit der Wucht der weißen Billardkugel alle anderen Personen in Bewegung brachte, spielt hier ein etwas behäbigeres Medium, eine junge Deutsche, die eine Spanienreise nutzt, um ein paar andere Identitäten auszuprobieren. Am Anfang wirft sie ihr letztes Hab und Gut aus dem Autofenster, darunter auch das Kinderbuch »Oh, wie schön ist Panama«. Sie wird am Ende das Buch wiederfinden und zu ihrer alten Identität zurückkehren, so wie bei Janosch der kleine Tiger und der kleine Bär heimkehren. Die Reise des Mädchens ist der rote Faden des Filmes, an den alle anderen Handlungsstränge, auch die in Deutschland spielenden, anknüpfen.
Bin ich schön? sagt uns nicht, daß es daheim oder sonstwo am schönsten sei, sondern baut, wo auch immer, traurige, seltsame oder lustige Idyllen auf, um sie zwischendurch wieder jäh niederzureißen. Da steht Heike Makatsch, noch von Spanien träumend, auf der falschen Rolltreppenseite und wird prompt angerempelt: Wir sind hier in Deutschland, junge Frau! Wir erleben Menschen bei Besinnungspausen, nicht nur im Urlaub, sondern auch nach Schicksalschlägen oder
vor großen Entscheidungen. Und wie es eben manchmal so geht in Ausnahmesituationen, fangen die Menschen bei der Begegnung mit Wildfremden plötzlich an, ihr Inneres zu offenbaren, während andererseits Eheleute Schwierigkeiten haben, voreinander unverkrampft zu sein. Gottfried John versucht als alternder Biedermann mit exzentrischer Geliebter alles, um seine verborgenen Charakterzüge vor seiner Frau (Senta Berger) geheimzuhalten. Diese wiederum macht, als der Gatte schläft,
einen schwärmerischen Besuch bei ihrem einstigen Liebhaber, einem heruntergekommenen Bohemien. Nicht jede Episode ist gelungen, vor allem Dietmar Schönherr als spanischer Witwer entgeht nicht der unfreiwilligen Komik, und in mancher Szene lauert gar der kleine Prinz mit seiner abgeschmackten Gymnasiastinnen-Philosophie.
Doch Doris Dörrie kann, was im deutschen Film selten genug ist, mit Überraschungen aufwarten. Dabei setzt sie nicht auf das pure Spektakel, sondern einzig
auf die Unausgegorenheit des menschlichen Lebens. Eine der bizarreren Szenen besteht zwar darin, daß Iris Berben ihrem fetten Mann schnell einen bläst, damit er Ruhe gibt, wobei sie gleichzeitig ihren heutigen Kalorienverbrauch einschließlich Sex durchrechnet. Der Gatte (der großartige Oliver Nägele) stellt sich dann aber keineswegs als der erwartbare, geile Spießer heraus, sondern als ewig Verliebter, der seiner Gemahlin eine wonnige Liebeserklärung über den Kopf stülpt. So
entwischt der Film vielen, nicht allen Klischees, zeigt ein paar Happy-, ein paar Open Ends, und läßt uns auch mal tatenlos zusehen, wie zwei Menschen heiraten, die sich überhaupt nicht lieben. Es wird nicht alles gut, woanders ists nicht besser, alles halb so schlimm.