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Review

Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu

Kultureller Ausverkauf

Matriarchale Linien

Kultureller Ausverkauf

Der Boden ist salzweiß und ausge­trocknet. Der Himmel blau und ohne eine einzige Wolke. Nur Zugvögel in V-Formation beleben die ausge­stor­bene Szene. Das ist die Welt der Wayuu, eines Volks, das auf der Halbinsel Guajira im Nordosten Kolum­biens lebt. Bei ihnen sind Familie und Tradition von größter Bedeutung, und so muss der junge Rapayat (José Acosta) in einem Ritu­al­tanz um Zaida (Natalia Reyes), die Tochter der Matri­ar­chin Úrsula (Carmina Martínez), werben und anschließend noch einen Braut­preis in Form von Kühen und Ziegen berappen. Aber auch dafür braucht er erst einmal Geld. Mit seinem Freund und Alijuna, was in der indigenen Sprache so viel wie Außen­seiter heißt, Moises (Jhon Narváez) verkauft er den Hippies aus dem ameri­ka­ni­schen Friedens-Corps der späten 60er einige Kilo Gras. Der Handel floriert, und schon bald werden die beiden sowie Rapayats Cousin, welcher das Cannabis anpflanzt, sehr wohl­ha­bend. Doch als Moises einige ihrer Geschäfts­partner erschießt, nimmt alles eine dunkle Wendung. Die Tradition fordert es, dass Rapayat seinen Freund umbringen muss, um die Schuld zu beglei­chen. Doch als er sich weigert, muss er es bald bereuen, denn der schießwü­tige Moises entfacht eine Fehde zwischen den Wayuu-Familien.

Der Film ist in fünf 'Lieder' geglie­dert und wird in einer über­ge­ord­neten Story von einem alten Mann erzählt. Die Produ­zenten Christina Gallego und Ciro Guerra vermit­teln uns, wie schon in ihrem vorhe­rigen Film Der Schamane und die Schlange, ein Portrait der indigenen Lebens­weise. In Birds zum Beispiel mit genauen Aufnahmen des tradi­tio­nellen Korb­häkelns oder des Toten­ri­tuals. Dass die Wayuu matri­li­near orga­ni­siert sind, sowie dass sie beson­deren Wert auf Kons­an­guinität statt Affinität legen (zu Deutsch: Bluts­ver­wandt­schaft steht über Heirat), spielt im Film ebenso eine Rolle wie die Auftei­lung in verschie­dene exogame Clans, also solche, die außerhalb der eigenen Gruppe heiraten. Damit ist Birds of Passage zwar der Realität erstaun­lich nahe geblieben, trotzdem handelt es sich in dem Film eher um ein Action-Drama im Stil eines indigenen Scarface.

Dass in der Welt der Wayuu anfangs der Kapi­ta­lismus noch nicht wirklich ange­kommen ist, muss Rapayat fest­stellen, als er versucht, die Tochter Úrsulas mit den gekauften Tieren zu erwerben. Denn er wird zurück­ge­wiesen, da die Nachricht durch einen Wortboten über­mit­telt werden muss: Erst nachdem sein ange­se­hener Onkel für ihn spricht, ist die Heirat gültig. Doch die Tradition wird von dem durch das Gras­ge­schäft gewon­nenen Geldregen wegge­spült, was bleibt, ist nur ein leeres Gerüst an Formalia – einst Gesetz, heute Gerippe: Die heiligen Gräber der Toten werden zum Waffen­lager umfunk­tio­niert und die tradi­tio­nelle Holzhütte weicht einer modernen Villa. Neben der unüber­seh­baren Kapi­ta­lismus-Kritik und Themen wie kultu­reller Aneignung zeigt sich hier zentral die Rolle der Familie im Wandel der Zeit. Die einstig mächtige Úrsula, die früher immer das letzte Wort hatte, muss am Ende um Gnade flehen und verrät ihren Schwie­ger­sohn, nur um die Leiche eines Enkels zurück­zu­be­kommen. In der letzten Szene erfährt man vom Erzähler, dass ein Wayuu-Mädchen – Rapayats inzwi­schen verwaiste Tochter – zu ihm kam und nicht einmal wusste, wie man Tiere hütet. Das Vergessen ihrer Wurzeln läutet die letzte Stunde der Familie ein. Denn die Tradition, dass auf einen Mord eine Vergel­tung in genau gleichem Maßstab folgt, wird über den Haufen geworfen, gegen Ende des Films scheint die blutige Vendetta gar kein Ende zu nehmen. Gerade aber diese über­spitzte Bruta­lität macht den Film weniger glaub­würdig und nimmt den Botschaften an Wirkmacht.

Es ist inter­es­sant, dass die Wayuu nicht bloß als »edle Wilde« darge­stellt werden, sondern auch die dunkle Seite ihrer bunten Kultur gezeigt wird, wie etwa in der Ablehnung von Fremden und deren Margi­na­li­sie­rung als »Alijuna« oder dem auto­ritären Ritual der Frau­wer­dung. Auch wenn die Verknüp­fung des Anfangs des kolum­bia­ni­schen Drogen­han­dels mit dem Peace-Korps nicht klar bewiesen ist, so macht es doch eine gute Geschichte her. Weniger gut sind aller­dings die zwei unsym­pa­thischsten Charak­tere: Moises, der schießwü­tige Chaot, der immer unrea­lis­tisch unan­ge­bracht handelt, wird im Verlauf des Films von Rapayats Sohn ersetzt, der aufgrund des Reichtums seiner Familie den großen Macker spielt. Beide sind weder besonders einfalls­reich noch furcht­ein­flößend.

Die titel­ge­benden Vögel ziehen sich in verschie­denen Aufnahmen durch den ganzen Film, manchmal staken sie surreal durchs Bild, manchmal sieht man sie fern am Horizont kreisen. Zugvögel sind ein Zeichen für Vergäng­lich­keit und die sich verän­dernden Jahres­zeiten, sie stehen alle­go­risch für die großen Verän­de­rungen bei den Wayuu. Und auch wenn gerade kein Vogel vor der Kamera ist, liefert uns David Gallego packende Bilder, welche die Heimat der Wayuu und deren sich wandelnde Lebens­weise einfangen.