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Review

Bis ans Ende der Nacht

Auf Fassbinders Spuren

Filmszene »Bis ans Ende der Nacht«
Ambitionierte filmische Versuchsanordnung... (Foto: Grandfilm)

Auf Fassbinders Spuren

Christoph Hochhäusler meldet sich mit einem stark stilisierten Krimi-Melodram im Film Noir-Look zurück, in dem ein schwuler Polizist und eine Transfrau einen Drogenhändler in die Falle locken sollen

Der Film beginnt program­ma­tisch. Eine leere Wohnung in Frankfurt am Main wird im Zeit­raffer renoviert und einge­richtet, während aus dem Off Heidi Brühl ihr senti­men­tales Lied »Eine Liebe so wie du« singt. Dazu läuft in großen knall­gelben Buch­staben der Filmtitel über das Bild. Es ist ein arti­fi­ziell über­höhtes Setting für einen konven­tio­nell anmu­tenden Krimi-Plot. Der Polizist Robert Demant (Timocin Ziegler) und die 25-jährige Transfrau Leni Mali­kowski (Thea Ehre) laden Gäste zum Einwei­hungs­fest ein. Doch das Arran­ge­ment ist ein Fake. Robert und Leni geben sich nur als Paar aus, um leichter an den Online-Drogen­händler Victor Arth (Michael Sideris) heran­zu­kommen. So wie das Appar­te­ment ein neues Gesicht erhält, bekommt das Paar zur Tarnung eine neue Identität.

Christoph Hoch­häusler, einer der renom­mier­testen deutschen Autoren­filmer, hat viel Zeit verstrei­chen lassen seit seinem letzten Kinofilm, dem Polit-Thriller Die Lügen der Sieger von 2014. Von 2017 bis 2021 war er als leitender Dozent Regie an der Deutschen Film- und Fern­seh­aka­demie in Berlin tätig. Nun meldet er sich mit seinem siebten langen Film Bis ans Ende der Nacht zurück, der den Sprung in den Wett­be­werb der Berlinale 2023 schaffte. Zu dieser Kombi­na­tion aus Krimi und Melodram hat der 1972 in München geborene Filme­ma­cher erstmals das Drehbuch nicht selbst geschrieben, sondern insze­nierte ein Skript des Autors Florian Plumeyer (Alle wollen geliebt werden). Aller­dings ist er seiner Vorliebe für Stoffe um brüchige Iden­ti­täten und Täuschungs­manöver treu geblieben, die er seit seinem zweiten Langfilm Falscher Bekenner (2005) kulti­viert.

Plumeyer verknüpft in seinem Drehbuch geschickt einen straffen Krimiplot mit einem affekt­ge­la­denen Melodram. Gleich nach der Einwei­hungs­party brechen verbor­gene Konflikte auf. Denn Leni ist nur vorzeitig und unter der Bedingung aus dem Gefängnis entlassen worden, dass sie bei einer verdeckten Ermitt­lung mitmacht. Sie soll mit ihrem früheren Geliebten Robert im Milieu eines Dark-Net-Drogen­dea­lers und Ex-DJs Victor Arth ermitteln, der zur Tarnung einen Club betreibt und für den sie früher als Tontech­niker gear­beitet hat. Doch der homo­se­xu­elle Ex-Koch Robert kommt nicht damit klar, dass Leni, die früher Lennart hieß, ihre Geschlechts­iden­tität verändert hat, und behandelt sie ziemlich ruppig. Und Leni ist sauer, weil Robert sie im Knast kein einziges Mal besucht hat.
Um das Vertrauen von Victor zu gewinnen, nehmen beide an einem Tanzkurs teil, den Victor gerade mit seiner Freundin Nicole (Ioana Iacob) besucht. Tatsäch­lich engagiert der Drogen­händler Robert für Chauf­feurs­dienste – und er bringt ihn dazu, sich seinen zwie­späl­tigen Gefühlen für Leni zu stellen. Doch dann melden sich andere Frank­furter Gangster, die verhin­dern wollen, dass Victor mit seiner Plattform ihre konven­tio­nellen Drogen­ge­schäfte aushöhlt.

Bis ans Ende der Nacht spielt nicht zufällig in Frankfurt. Die Banken­me­tro­pole bietet sich mit ihrem schil­lernden Image als Amalgam aus Banken­me­tro­pole mit glit­zernden Hoch­haus­fas­saden, berüch­tigtem Rotlicht­viertel und Hotspot der orga­ni­sierten Krimi­na­lität geradezu an. Und sie liefert genug passende Halbwelt-Locations für einen düsteren Krimi, der großen­teils nachts spielt.
Hoch­häus­lers neues Werk lässt sich zudem als Hommage an Rainer Werner Fass­binder deuten, dessen Melodram In einem Jahr mit 13 Monden (1978) ebenfalls in Frankfurt am Main spielt und von einer trans­se­xu­ellen Figur handelt, deren Passi­onsweg zu Ende geht, während ein Schall­plat­ten­spieler den Schlager »Schöner fremder Mann« der US-Schlä­ger­sän­gerin Connie Francis erklingen lässt.

So realis­tisch manche Gangs­ter­szenen in Frankfurt auch wirken, der Regisseur und der Kame­ra­mann Reinhold Vorschneider legen großen Wert auf arti­fi­zi­elle Über­höhungen. In einer Szene fährt die Kamera immer wieder von links nach rechts an Leni und Robert vorbei, die sich auf einer Couch näher­kommen, und lenkt die Blicke der Zuschau­enden damit auf die Fiktio­na­lität des Gezeigten. Ein anderes Mal filmt die Kamera nur die Hüft­par­tien der Figuren. Gerne foto­gra­fiert Vorschneider durch Scheiben und in Spiegel und wieder­holt greift er zu Zeit­raf­fern, Wisch­blenden oder Ton-Bild-Scheren, etwa wenn nost­al­gi­sche Schla­ger­me­lo­dien mit harten Bild­in­halten kolli­dieren.

Zum Film Noir-Look passt das Figu­ren­ar­senal, das zumeist aus gebro­chenen, oft ambi­va­lenten Figuren voller Wider­sprüche besteht. Robert flüchtet vor seinen Gefühlen und macht Leni das Leben schwer, während sie als vorläufig Frei­ge­las­sene unter enormem Druck steht. Gegen alle Wahr­schein­lich­keit verlieben sie sich doch wieder, die Leiden­schaft kehrt zurück und findet doch keine Erlösung. »Ein Mehr­fron­ten­krieg der Gefühle entbrennt, in dem jede Entschei­dung mindes­tens eine Seite gefährdet.« Para­dig­ma­tisch für diese uner­füllte Passion ist eine starke Schlüs­sel­szene, in der sich die beiden, nur von einer Auto­fens­ter­scheibe getrennt, küssen und sich beim Mastur­bieren zusehen.

Hoch­häusler hat für sein queeres Krimi-Melodram auf promi­nente Darsteller für die Haupt­rollen verzichtet und statt­dessen wenig bekannte Gesichter bevorzugt. Der versierte Thea­ter­schau­spieler Timocin Ziegler punktet als innerlich zerris­sener Under­cover-Cop mit expres­siver Gestik und Körper­sprache an der Grenze zum Exal­tierten. Die öster­rei­chi­sche Schau­spie­lerin und Trans-Akti­vistin Thea Ehre (Luden) erweist sich als verletz­liche, aber selbst­be­wusste Transfrau, die in der Schluss­pas­sage das Heft des Handelns an sich reißt, als große Entde­ckung. Für diese Leistung wurde sie auf der Berlinale 2023 mit dem Silbernen Bären ausge­zeichnet, kurio­ser­weise aber nur als beste Neben­dar­stel­lerin.

Auch wenn die ambi­tio­nierte filmische Versuchs­an­ord­nung mit ihren Wech­sel­spielen von Wahrheit und Täuschung, Liebe und Verrat zuweilen zu manie­riert daher­kommt, die Neben­fi­guren allzu sche­ma­tisch gezeichnet sind und der finale Sinnes­wandel des Ermitt­lers etwas zu abrupt erscheint, so verdienen Hoch­häus­lers Mut zum unge­wöhn­li­chen Genre-Mix und sein sensibler Umgang mit dem Themen­kreis Trans­se­xua­lität ange­sichts der gängigen deutschen Kino-Magerkost doch ein Lob. Aller­dings hätte seine Bigger-than-Life-Narration am Ende mehr Verve und Wucht gut getan.