Review
Blade Runner 2049
Goldener Schuss
Goldener Schuss
»Alles ist gut, alles. Für alle die ist es gut, die da wissen, dass alles gut ist. Wenn sie wüssten, dass sie es gut haben, dann hätten sie es gut, aber so lange sie das nicht wissen, so lange werden sie es auch nicht haben. Das ist der ganze Gedanke, der ganze Sinn, einen weiteren gibt es überhaupt nicht!«
– Fjodor Dostojewski, Die Dämonen
Es gab genug Bedenken vor dieser Fortsetzung. Eine Fortsetzung, die eigentlich nicht hätte sein dürfen. Denn wer hat je daran gedacht, eine Fortsetzung von Dostojewskis Brüder Karamasow oder Arnos Schmidts Zettels Traum zu schreiben? Aber die vertrackte Sehnsucht der Babyboomer- und Danach-Generationen wenn nicht schon nach Unsterblichkeit des Körpers, dann doch wenigstens nach der Unsterblichkeit der Gefühle hat eh schon die verrücktesten Remakes und Sequels provoziert, warum also nicht auch eine der großen ikonografischen Blaupausen unseres postmodernen, technoiden Zeitalters in Angriff nehmen, Ridley Scotts 1982 erschienenen Blade Runner? Doch Scotts auf Philip K. Dicks Roman basierender Film war schon damals mit inhaltlicher Ambiguität, visionärem Sound, schauspielerischer Finesse und dystopischen Gedankenspielen derartig aufgeheizt und dementsprechend vom produzierenden Studio mit zahlreichen Schnitten runtergekühlt worden, dass er es bis zum Jahre 2007 auf sechs Versionen und einen abschließenden »Final Cut« gebracht hat.
Wie also mit unserer kümmerlichen Zukunft an ein derartiges Visionsraumschiff andocken und vor allem mit wem als Piloten und welcher Crew? Die beste aller Ideen schien gleich am Anfang die Wahl des Regisseurs zu sein, die auf Denis Villeneuve fiel, der nicht nur zuletzt mit Arrival bewiesen hatte, dass er nicht nur zu innovativem, intelligentem Science Fiction, sondern auch mit seinen Filmen davor immer wieder gezeigt hatte, dass er zu überraschenden Grenzüberschreitungen fähig ist. Dass dann auch noch Ridley Scott als Produzent und Harrison Ford in seiner alten Rolle als Rick Deckard mit an Bord dieses Zubringers durften und auch einer der Autoren des alten Blade-Runner Scripts, Hampton Fancher, mit dabei war, gab eigentlich genug Sicherheit, dass nichts schief gehen konnte. Und Ryan Gosling als neuer Androidenjäger schien diesen Kurs zu bestätigen: denn ähnlich wie seinerzeit Harrison Ford zeichnet sich auch Goslings Spiel gerade durch sein Nicht-Spiel, seine schauspielerische Muffligkeit aus, wirkt doch selbst eine leidenschaftlich angelegte Tanzrolle wie in La La Land bei Gosling eher so, als ob er – wie in fast jeder seiner Rollen – ein wenig neben sich steht und wie ein Replikant wirkliche Gefühle erst noch lernen bzw. eingestehen muss, dass er für so etwas nicht geschaffen wurde. Für einen Blade Runner also tatsächlich erste Wahl.
Und tatsächlich fühlt man sich gleich schon in den ersten Sequenzen von Blade Runner 2049 in sicheren Händen. Die Musik aus der Hans Zimmer & Benjamin Wallfisch-Factory erzeugt mit der Kamera von Roger Deakins ein Los Angeles 30 Jahre nach den Ereignissen des ersten Blade Runner, dass das Original an düsterer Dystopie locker in den Schatten stellt. Wummernde, experimentelle Stakkato-Sounds, architektonische Superlativ-Inszenierungen und mittendrin Ryan Gosling als Replikant K der neuesten Androidenversion, der die letzten Androiden aus dem Hause Tyrell jagt, damit endlich Frieden auf einer Erde ist, die eigentlich keinen Frieden verdient hat. Denn schnell wird klar, dass auch die Nachfolger der Tyrell-Corporation und erst recht nicht das LAPD irgendetwas aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Villeneuve unterlegt diesen Kriminal-Plot wie damals auch schon Scott mit Philipp K. Dicks über allem stehender Frage, die auch der Titel von Dicks Roman im englischen Original war: »Do Androids dream of electric sheep?«
Villeneuve verstärkt diesen Diskurs allerdings noch einmal. Eine großartige Sex-Szene etwa macht da weiter, wo Ridley Scotts Blade Runner damals aufhörte und die gegenwärtige VR-Industrie heute dran arbeitet. Und auch sonst bettet Villeneuve seine Fortsetzung immer wieder da ein, wo Scotts (und Dicks) Zukunft damals aufhörte. Immer wieder liebevoll, fast zärtlich wird bei allen Transformationen der Vorgänger zitiert: mal tritt das neue Sounddesign zurück und verwandelt sich zu dem vom damaligen Soundtrack-Geber Vangelis, taucht ein Origami auf oder die Audiospuren des alten Films. Villeneuve hat mit 163 Minuten viel Zeit dafür und er lässt sich die Zeit für diese kleinen Zeitreisen und Zitate, die so dezent eingestreut sind, dass sie mituner schwer zu dechiffrieren sind. Mal ist es einfach nur banales Product-Placement für Sony, dann referenzieren sie wie das PanAm-Label auf den alten Film, und dann wieder sind sie ein Konglomerat aus Altem und Neuem und erweiterten Gedankenspielen: so erinnern die »Made in USSR«- Signs einerseits an die 1980er, dann aber auch an die von Philip K. Dick durchexerzierte Parallelwelt-Möglichkeit seines »Man on the High Castle«. Und dann ist da natürlich K. alias Ryan Gosling der sich irgendwann Joe nennt, also die englische Abkürzung für Joseph – wer sollte sich hier also nicht für die Assoziation zu Kafkas Joseph K. aus »Der Prozess« bedanken?
Aber dann taucht in diesem wabernden Mäandern Harrison Ford auf und all die fein polierten, dumpf und dunkel vernebelten Oberflächen und vertrackten Soundsets, das Rätseln, Andeuten und Verklausulieren – wie anregend es bis dahin auch gewesen sein mag – hat endlich ein Ende. Denn spätestens hier spürt man, dass die scherenschnittartig angelegten Charaktere – Menschen wie Replikanten – ihre Geschichte kaum tragen können: Robin Wright agiert genauso stock und steif wie Gosling und die übrigen Protagonisten. Betrachtet man für eine Stunde allein nur ihre Mimik und lässt allen äußeren Brimborium mal weg, könnte man glauben, Villeneuve sei nur an einem großen, eingefrorenen Standbild, aber keiner Fortsetzungsgeschichte interessiert gewesen. Denn mit Ford wird nicht nur die die ganze Zeit schon heraufbeschworene Vergangenheit des ersten Blade Runner präsent, nein, sie schlägt zurück und zeigt, dass es auch anders geht und ging: dass Ford im Vergleich zu Gosling taufrisch wirkt und endlich Leben in die Bude dieses überlangen Films bringt, Leben, dass man bislang gar nicht vermisst hatte, weil man es nicht für möglich gehalten hatte. Aber mit Ford tauchen halt auch die Erinnerungen an Rutger Hauer und Daryl Christine Hannah und Sean Young auf. Und die zahllosen Momente, mit denen Blade Runner damals überraschte.
Blade Runner 2049 überrascht hingegen an fast an keiner Stelle. Er erzeugt ein Staunen – wie es halt gerade so üblich ist – über seine milchig schimmernde Oberfläche, die erlesenen Designs – sei es Sound, Musik, CGI oder Kamera. Aber er emanzipiert sich nicht von seinem Vorgänger und kann deshalb vielleicht nur jene überraschen, die den alten Blade Runner nicht kennen.
Aber vielleicht sind Überraschungen auch überbewertet, sind nichts als Kindergeburtsagswunschdenken, zählt vielmehr ein Gefühl der Kontinuität, ein Funken von Unsterblichkeit, dürfte also der Zuschauer, der vom ersten Teil bereits angefixed war, die Sequel wie eine Überdosis seiner eigenen seligen Erinnerung empfinden, und diesen goldenen Schuss auch genießen können – allerdings mit den bekannten Nebenwirkungen.
Geht man jedoch von der Prämisse aus, dass eine gelungene Fortsetzung jene ist, die den Vorgänger vergessen lässt, ist Blade Runner 2049 ein gescheiterter Film. Das Gefühl des Scheiterns verstärkt sich noch einmal, je weiter Villeneuve sich in seinen Stilisierungen und Posen verliert, in denen selbst die Kampfszenen in ihrer erstarrten, designtechnisch hochgezüchteten Attitüde wie Kunstwerke aus Eis, Wasser, Staub und Nebel wirken. Vor allem dieser Nebel geht einem irgendwann auf die Nerven. Selbst der hinterfotzigste Dreck und die abgefuckteste Gewalt dieser scheiss Zukunft werden von Villeneuves Alles-ist-schön-ästhetisch-und-gut-Schleier eingelullt und damit ein an sich schon schlechtes, kitschiges Ende gleich noch einmal verstärkt.
Spätestens hier in diesem fast schon absurden Schwulst aus Regen, zarter Nebel Dunkelheit und Goslings und Fords großen finalen Posen keimt so etwas wie Hoffnung auf: das kann nicht Ernst gemeint sein! Wenn schon Kafka im Spiel ist, muss sich Villeneuve hier erst Recht einen Jux erlauben und vielleicht augenzwinkernd auf einen anderen Meister des Nebels und der soften Erotik verweisen, den während der Dreharbeiten zu Blade Runner 2049 verstorbenen David Hamilton, für den die Oberfläche mindestens genauso wichtig war wie für Villeneuve.