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Review

Blue End

Das Leben vor der Präparation

Filmszene »Blue End«
Das Ende eines Menschen

Das Leben vor der Präparation

Durch das Visible Human Project in den USA hat man im Internet die Möglich­keit, einen mensch­li­chen Körper in allen anato­mi­schen Einzel­heiten zu betrachten, geradezu durch ihn hindurch zu sehen und in seinem Inneren umher zu reisen. Es wird von verschie­denen medi­zi­ni­schen Studi­en­pro­jekten als Daten­basis genutzt und bietet einen bis dato unmög­li­chen Einblick in einen wirk­li­chen mensch­li­chen Körper.

Als »Daten­grund­lage« der Digi­ta­li­sie­rung wurde ein gesunder, unver­letzter Mann in den besten Jahren benö­tig­tein großes Problem, denn gesunde Menschen sterben im frag­li­chen Alter selten ohne Verlet­zungen. Es bedurfte zwei­jäh­riger Recherche, bis die Leiter des Projektes sich darauf vers­tän­digen konnten: der ideale Kandidat ist ein Mann, der kontrol­liert umge­bracht wird, ein zum Tode Verur­teilter. Mittels ausge­klü­gelter Technik konnten die Wissen­schaft­lern hauch­dünne Scheiben ihres Präpa­rates herstellen, foto­gra­fieren und ein drei­di­men­sio­nales Menschen­mo­dell als anato­mi­schen Atlas veröf­fent­li­chen.

Entgegen der ursprüng­li­chen Absicht kommt schon bald die Identität des »Visible Man« ans Licht: Es handelt sich um den am 5. August 1993 hinge­rich­teten Joseph Paul Jernigan, der als »Massen­mörder« durch die sensa­ti­ons­hei­schenden Medien gemangelt wird. Zum Schrecken seiner Familie, die wie der Verur­teilte selbst davon ausge­gangen war, dass die Unter­schrift, mit der Jernigan seinen Körper der Medizin widmete, einer Organ­spende dienen sollte. Zwölf Jahre lang wurde um den Widerruf des Todes­ur­teils, dass auf frag­wür­dige Weise zu Stande gekommen war, gerungen – nach der Voll­stre­ckung ist diese mediale Aufmerk­sam­keit das letzte, was die Angehö­rigen sich wünschen.

Als der Schweizer Doku­men­ta­rist Kaspar Kasics durch eine Reportage von Erwin Koch auf die Geschichte Jernigans aufmerksam wird, dauert es deshalb lange, die Familie des Toten ausfindig zu machen und insbe­son­dere seinen Bruder Bobby als Inter­view­partner zu gewinnen. Was der, seine Schwä­gerin und deren Tochter erzählen, wirft ein ganz anderes Bild auf die Geschichte von Tat und Täter als der Bericht des Staats­an­waltes über Verbre­chen und Urteils­fin­dung.

Daraus ist ein packender Film entstanden. Unkom­men­tiert montiert Kasics die tech­ni­schen Erläu­te­rungen der Wissen­schaftler, die Einschät­zungen der Juristen und die Eindrücke der Angehö­rigen zu einem faszi­nie­renden Bild über die Hinter­gründe des Visible Man und wirft dabei Fragen um Moral, Ethik und Gedenken auf, die niemals mit vorder­grün­digen Antworten abge­funden werden. Ist dem Einbre­cher, der einen alten Mann brutal tötete, die Hölle gewiss oder hat eine Gesell­schaft dabei versagt, einem benach­tei­ligten Menschen eine faire Chance zu gebendie Ohnmacht vor der Maschi­nerie der Justiz und der Tech­ni­zität der Medizin erschüt­tert glei­cher­maßen.

Der Zufall will es, dass der vom Verleih fest­ge­legte Start­termin von einer ähnlichen Diskus­sion überholt wurde: Hat Körper­welten-Schau­steller von Hagen hinge­rich­teten Chinesen plas­ti­niert? Woher stammen seine Präparate? Ohne diese Kontro­verse vertiefen zu wollen: die Einstel­lung eines in Heidel­berg gegen von Hagens Firma eröff­neten Verfah­rens ist keine Antwort auf die mora­li­schen Fragen, mit denen Anatomie von jeher zwischen Sensa­tions- und wissen­schaft­li­chem Wert schwan­kend zu ringen hatte.