Review
Blutsauger
Untote Revolutionäre
Untote Revolutionäre
Julian Radlmaiers marxistische Vampirkomödie Blutsauger wirft einen grotesken Blick auf die Fallstricke des Klassenkampfes
Bei Vampiren kann man es mit der Zeit eh nie so genau nehmen. Sie sind doch meist schon gar nicht mehr richtig im Diesseits, irgendwo hängengeblieben vor Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten. Die Unsterblichkeit bringt so manches Maß durcheinander! Im Sommer 1928 soll Julian Radlmaiers Blutsauger-Komödie spielen. Und weil Kino dazu in der Lage ist, reicht die bloße eingeblendete Zahl zunächst aus, dass man ihre Behauptung schluckt, obwohl etwa am Horizont Windsurfer und Kreuzfahrtschiffe aus unserer Gegenwart vorbeiziehen.
Zwischen hier und dort, damals und heute ist Blutsauger angesiedelt. An der Ostsee, wo Zeit und Raum durcheinandergeraten. Radlmaier liebt das Anachronistische. Nach Ein Gespenst geht um in Europa, Ein proletarisches Wintermärchen und Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes führt er erneut die Irrungen und Wirrungen ideologischer Systeme und politischer Bestrebungen aufs Glatteis und befragt deren Gegenwärtigkeit. Mit dem vermeintlichen Siegeszug des Kapitalismus ist das bekanntlich so eine Sache, denn sie sind ja insgeheim immer noch da: die Ideen und Alternativen. Sie sind Gespenster, wie etwa Jacques Derrida für den Kommunismus herausgearbeitet hatte. Radlmaier nimmt solche Gedanken quasi beim Wort, genau wie Marx' Metapher der blutsaugenden Kapitalisten.
Unter jene Blutsauger gerät hier ein sowjetischer Trotzki-Darsteller nach seiner Flucht aus der Heimat. Für Eisenstein hat er gearbeitet, jetzt bleibt ihm nur noch Hollywood. Als Aristokrat verkleidet er sich und plant im Transitraum des Ostseebades die Überfahrt. Im Herrenhaus der reichen Fabrikbesitzerin Octavia, einer Vampirin, darf er verweilen. Währenddessen macht sich unter den Arbeitern in der Gegend Unbehagen breit, als man Ausgesaugte findet. Eine chinesische Floh-Plage soll dafür verantwortlich sein, das tischt man ihnen zumindest auf.
So nutzt Radlmaier das Szenario, um wieder einmal munter (Klassen-)Klischees und Rollenbilder zu zerlegen. Lilith Stangenberg mimt die sehnsuchtsvoll fabulierende Vampirin. Der Luxus des Schwelgens ist ihr Reichtum. Doch alles gar nicht so schlecht bei den Kapitalisten? Ihrem Bediensteten, pardon, persönlichen Assistenten (Alexander Herbst) bietet sie sogar das freundschaftliche Du an. Mit Bezeichnungen, Anreden lässt sich schließlich so manches schönreden. Und bei den Arbeitern? Dort herrschen vor allem Lethargie, Überforderung, Planlosigkeit.
Radlmaier hat schon vor Blutsauger das Komplizierte der Revolution thematisiert. Wenn sie dann doch einmal losbricht, erscheint sie als unkoordinierte Kinderei, steht auf dem Schlauch, zerbricht an den eigenen Ambitionen. Mittendrin: Alexandre Koberidze als Ljowuschka, der ausgestoßene Trotzki-Schauspieler, der sich mal in diese, mal in jene Welt verirrt und seinen Platz zwischen Aufbegehren und Konformismus sucht. Der Marx-Lesekreis am Strand weiß jedenfalls auch keinen Ausweg aus dem ganzen Dilemma. Und die Kunst, das Filmemachen fürchtet sich bei Radlmaier vor einer Vereinnahmung und dem Privilegierten.
Verlorene der Geschichte
Gespenstergleich sind Radlmaiers Figuren, aus der Zeit gefallen. Insofern sind sie alle Vampire. Hilflose noch dazu. In gestelztem Theatersprech schwadronieren sie vor sich hin. Selbstverständlich gilt es, mal schlecht, mal recht den angeeigneten Habitus zu wahren. Wörter erscheinen ihnen wie von außen in den Mund gelegt. Gefühle werden nicht gefühlt, sondern vor allem blumig geschildert. Trist und kühl ist das Miteinander, schließlich sind offenbar alle schon nicht mehr richtig am Leben.
Das Absurde, Slapstickhafte ist den Filmbildern dabei immer schon eingeschrieben. Als pittoreske Tableaus sind sie gedacht, gezügelt in ihren Kamerabewegungen, wenn die Kamera nicht ohnehin stillsteht. Radlmaier zeigt erstarrte Strukturen in ebenso starren, nüchternen Aufnahmen. Irritierend lang verweilen sie auf ihren trügerischen Ordnungen, als würden sie lauern, dass etwas Unvorhergesehenes, Absonderliches geschieht. Und die Figuren tapsen nicht minder irritiert durch diese Bildkader. Man wartet auf eine Panne, doch Radlmaier ist ein geduldiger Regisseur. Das Witzeln in seinen Filmen ist eines des Abwartens und der beobachteten Orientierungslosigkeit. Es sucht das Be- und Verfremden im eigenen Philosophieren.
Damit hält der Autorenfilmer sein Publikum natürlich bewusst auf Abstand. Jenem Fremdartigen, dem Grotesken, das seiner Form und dem porträtierten Kosmos innewohnt, den Unterbrechungen und dem gekünstelten Spiel liegt einzig und allein daran, etwas zu demonstrieren, systemische Zustände vorzuführen. In diesem Sinne arbeitet Radlmaier durchaus im Brecht’schen Geiste. Doch, wenn man ehrlich ist, sonderlich langlebiges Kino ist das nur bedingt geworden. Dafür ist es trotz seiner Ambitionen und sperrigen Absurdität zu selbsterklärend, repetitiv und aufdringlich in seinen Seitenhieben.
Radlmaier hat sich nach nunmehr vier originellen Filmen eher mäßig von der Stelle bewegt. Kein Wunder! Insbesondere an Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes knüpft man so leicht nicht an, weil das ein (thematisch sehr ähnlich gestrickter) Film war, der die eigene Dekonstruktion gleich mitgeliefert hat. In Blutsauger bleibt Radlmaier nur, die verbliebenen Einzelteile des schier aussichtslosen Klassenkampfes in weitere Bruchstücke zu zerschlagen. Ist das nun clever beobachtet oder berechnende Süffisanz? So oder so: Eigensinniges Kino kommt dabei heraus, im besten Sinne, aber auch eines, das sich etwas in seinen Selbstbespiegelungen und Details verliert. Es kann einfach nicht lassen, mit sich selbst statt mit dem Publikum zu diskutieren, und so gerät das Spielerische fortwährend ins Zwanghafte.
Wo bleibt das Chaos?
Das Wundersame von Radlmaiers Vorgängerfilmen erscheint in Blutsauger allzu verkopft in seiner Literarisierung, suhlt sich verträumt und langatmig in der eigenen Schrulligkeit und traut sich doch kaum, dem ganzen Rundumschlag endlich die dringend benötigte Hemmungslosigkeit zuzugestehen. Seiner heraufbeschworenen Gesellschaftslethargie begegnet er mit gestalterischen Fesseln, die sich zu offensiv in schrägen Kult zu verwandeln versuchen. Blutsauger fehlt in seinem vorgeführten Scheitern schlichtweg die Note einer gewissen Bodenständigkeit, einer Lust am Intuitiven, Chaotischen, gerade als Komödie.
Alles erscheint perfekt durchdacht in diesem intellektuellen Salonkino. Alles verweist mit großer Geste auf die eigene Metaebene, füttert die spätere Feuilleton-Rezeption bis zum Platzen und plappert sich dabei um Kopf und Kragen. Jede Pointe ist geschliffen, jede Fährte und Anspielung säuberlich ausgelegt, doch ihre Diskurse erschöpfen sich im immergleichen Kreislauf, weil der kluge Zeremonienmeister natürlich längst das ganze Spiel überblickt hat. Und er weiß, dass seine historisierende Gegenwartsanalyse nur im andauernden, sich verdunkelnden Wirrwarr enden kann. Also bleibt ihm die Flucht in Fatalismus, Ironie und irgendwie beides zugleich. Aber wie ironisch und doppelbödig kann all das Flickwerk aus Referenzen, Formspielereien und eigentlich klugen Fragestellungen werden, bis es sich selbst entleert? Man will Radlmaier für all die Widerspenstigkeit loben, sein Filmemachen ist ein herausragendes, doch das latent Neunmalkluge und aufgesetzt Naive seiner Gothic-Polit-Burleske provoziert damit nicht seltener Augenrollen. Blutsauger funktioniert wie ein perfekt ausgetüfteltes, geöltes und kunterbunt angemaltes Räderwerk. Es birgt zahlreiche, erstaunliche Wunder, zugegeben, doch gerade der Humor, den sein Nachdenken produziert, ist ein ebenso mechanischer, kein befreiender. Ein austrocknender, blutleerer, um in den Bildern des Films zu bleiben.