Review
Böse Zellen
Zwischen Hyperrealismus und dem Unerklärlichen
Zwischen Hyperrealismus und dem Unerklärlichen
Gibt es so etwas wie ein Schicksal? Vorsehung? Steht der Zeitpunkt des Todes fest und kann nicht beeinflusst werden? Und was ist es überhaupt, für dass es sich zu Leben lohnt?
Dieser Film erzählt viele Geschichten, die raffiniert mit einander verknüpft sind: Schülerliebe, Ehebruch, Todessehnsucht, Einsamkeit, verlorene Mutter oder nie gekannte Vaterdie Suche nach Erklärungen im Zwischenmenschlichen und im Übersinnlichen führt nicht immer zu letzten Wahrheiten, doch oft genug zu Antworten, mit denen die Protagonisten weiter leben können. Alltägliche Menschen, die über Zufälle und Lebensumstände verbunden sind, und ein Film über die ganz großen Themen des Kinos: den Tod und die Liebe.
Was spektakulär und weltoffen beginnt ein Urlaub in Rio, ein Flugzeugabsturz führt uns in den Mikrokosmos einer niederösterreichischen Kleinstadt zwischen Einkaufszentrum und Landdisco, Schule und Fernseher. So unterschiedlich die Protagonisten, ihre Herkunft und ihre Geschichte auch sein mögen, vom Chaos-theoretisierenden Lehrer, der das Leben nur aus Büchern kennt, zur allein stehenden älteren Frau zwischen Puzzle und Chor, von der verachteten Mitschülerin zum beziehungsunfähigen Vertreteralle sehnen sich nach Nähe und Geborgenheit, auch wenn die »klassische Lösung« der Paarbeziehung vom Rückzugsgebiet schnell zur Falle werden kann.
Zurückhaltend und überlegt inszeniert Barbara Albert ihre Geschichten von ganz normalen Leuten, und den seltenen Glücksmomenten gilt die gleiche genaue Beobachtung wie den alltäglichen Katastrophen. Meisterhaft reduziert ist die Darstellung des Flugzeugabsturzes, wenige Bilder genügen, den Eindruck des Geschehens wiederzugeben, und auch ein Autounfall kann unspektakulär und doch nahe gehend gezeigt werden. Dazu beweist sich wieder einmal die hohe Kunst der Tonmischung: wie allein auf der Ebene der Geräusche Personen isoliert oder betont werden können, wie Musik Bilder hervorruft, weiß die Regisseurin geschickt einzusetzen.
Dabei gewinnt der Realismus eine neue Ebene: wenn es um die Perspektive aus dem Jenseits geht, um Geisterbeschwörung und die Ahnung einer Parallelwelt, suggeriert die Kamera wirkliches Geschehen. Religion ist zu Symbolen geronnen, und die nicht unumstrittene Familienaufstellung steht mitten zwischen rationaler Weltsicht und der Ahnung verborgener Abläufe. So stellt der Film eine Versuchsanordnung dar, zeigt Möglichkeiten, dem Leben zu begegnen und mit Verlusten umzugehen.
Das Österreichbild, das Alberts Film ähnlich wie Ulrich Seidls Hundstage, Jessica Hausners Lovely Rita und Peter Payers Untersuchung an Mädeln vermitteln, ist nicht gerade schmeichelhaft, doch man sollte sich hüten, die gezeigten Menschen nur in Österreich zu vermuten. Kleinbürgerlichen Mief und erstarrte Strukturen gibt es hier genauso, und die Tatsache, dass Barbara Albert als Österreicherin einen Film über eine Gesellschaft macht, die ihr vertraut ist, bedeutet nicht, dass die Charaktere nicht ebenso in Bielefeld oder Pforzheim leben könnten. Manchmal tut es gut, vorgeführt zu bekommen, worüber man sonst nicht nachdenkt.