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Review

Borat

Bowling for Jackass in South Park

Borat oder Frau Antje?

Bowling for Jackass in South Park

Mir ist nicht bekannt, ob es so etwas wie eine Hype-Forschung gibt, aber wenn sie existiert, dann dürfte für sie der Film Borat ein ähnlich wichtiges Ereignis darstellen, wie der Fund des Ötzis für die Archäo­logie oder eine totale Sonnen­fins­ternis für die Astro­nomie.

Da bläst man eine gar nicht mehr so neue Fern­seh­show um den fiktiven kasa­chi­schen Reporter Borat auf Spiel­film­länge auf, packt das ganze voll mit aber­wit­zigen Aktionen und Pein­lich­keiten wie bei »Jackass«, vulgär-subver­sivem Humor wie bei »South Park« und sarkas­ti­scher Satire wie bei Michael Moore und plötzlich über­schlagen sich die Medien, strömen die Menschen über­ra­schend zahlreich ins Kino und selbst das seriöse Feuil­leton begeis­tert sich und disku­tiert freudig über Humor, Amerika und Vorur­teile. Das Phänomen Borat bewegt scheinbar alle Schichten und Klassen, vom schwer­pu­ber­tären 15jährigen bis zum intel­lek­tu­ellen Kultur­jour­na­listen.

So schwierig es ist, die Ursprünge eines solchen Hypes zu ergründen, so einfach ist es, seinen weiteren Verlauf vorher­zu­sagen.
Die Unter­hal­tungs­in­dus­trie wird versuchen, mit ihren üblichen Werk­zeugen (Sequels, Rip-Offs, etc.) einen maximalen Gewinn daraus zu ziehen, das wankel­mü­tige Massen­pu­blikum wendet sich bald der nächsten Sensation zu, das Feuil­leton widmet sich wieder dem »klas­si­schen« Kultur­be­trieb und die Karawane der Kult-Freaks, Hype-Sucher und »First Adopter« ist ohnehin schon lange weiter­ge­zogen, um die nächste große Sache aufzutun.

Zurück bleibt der Cineast, der sich verwun­dert die Augen reibt, wie viel Aufmerk­sam­keit seinem ansonsten so stief­müt­ter­lich bzw. ober­fläch­lich behan­deltem Medium zu Teil geworden ist und der sich nun in Ruhe fragen kann, was Borat jenseits von Staats­af­färe, intel­lek­tu­ellen Diskursen und allge­meiner Begeis­te­rung als schlichter Film zu bieten hat.

Grund­sätz­lich nichts Neues, denn gefälschte Doku­men­ta­tionen und Späße mit versteckter Kamera zählen zu den alten Hüten des Show­busi­ness, verschärfte Satire am Rand zur Belei­di­gung ist ohnehin schon fast Standard und wer glaubt, dass es heute noch Tabu- oder Geschmacks­grenzen gibt, die noch nicht (mehrfach) über­schritten wurden, der hat in den letzten Jahr(zehnt)en wohl sehr zurück­ge­zogen gelebt.

Ist also Borat (wie der Jackass-Film) nur eine verlän­gerte Clipshow mit den Szenen, die zu heftig für das Fernsehen waren, ummantelt mit einer dürftigen Rahmen­hand­lung und garniert mit zusätz­li­cher Amerika-Häme und Political Correct­ness-Kritik?
Dem ist entschieden nicht so, weshalb Borat dies­be­züg­lich weniger Jackass als vielmehr Gernstls Reisen – Auf der Suche nach dem Glück (der Vergleich ist nur auf den ersten Blick abwegig) gleicht.

So wie Gernstl durch Kommen­tare und Montage sein fürs Fernsehen entstan­denes Material zum kino­t­aug­li­chen Film umbaut, sind es bei Borat die keines­wegs plumpe, sondern ziemlich hinter­sin­nige Rahmen­hand­lung und die darin sehr geschickt einge­be­teten und insze­nierten »pranks«, die einen durchaus eigen­s­tän­digen Kinofilm entstehen lassen.

Man könnte sogar so weit gehen, für Borat ein voll­kommen neues Genre zu kreieren; die Semi-Fake Mock­u­m­en­tary.
Es ist eine der größten Stärken dieses Films, dem Zuschauer weit­ge­hend die Gewiss­heit darüber zu nehmen, was hier insze­niert ist und was nicht bzw. was in welchem Umfang insze­niert wurde.
Denn neben den ganz klar gespielten Szenen der fiktiven Doku für das kasa­chi­sche Fernsehen und den ebenso eindeutig realen Streichen, gibt es hier zahl­reiche Abstu­fungen und Formen der Insze­nie­rung, die zu einem großen, angenehm verwir­renden Bild verschwimmen.
Somit ist hier manches, was real erscheint, nur bravourös erfunden und gespielt, während anderes, das man kaum glauben mag, die unge­schönte Realität ist, wobei nicht auszu­schließen ist, dass dieser Realität hin und wieder auf die Sprünge geholfen wurde.

So derb und laut der Film nach außen hin auch oft ist, so fein ist gleich­zeitig sein Gespür für gelungene Komödie und des dafür notwen­digen Timings. Es empfiehlt sich deshalb, auch auf die Klei­nig­keiten zu achten, etwa die sprach­li­chen Unge­nau­ig­keiten (ein »terrorwar« ist eben etwas anderes als ein »war on terror«) oder die oft ganz beiläufig in Szene gesetzten Gags (ich sage nur: der Bär im Kühl­schrank).

Sacha Baron Cohen, dem Mann hinter der Maske von Borat, muss man dabei drei Dinge hoch anrechnen.
Erstens sein nicht zu unter­schät­zendes schau­spie­le­ri­sches und komö­di­an­ti­sches Talent.
Zweitens seinen unglaub­li­chen Mut.
Und drittens sein eindrucks­volles Statement gegen den im (Doku­mentar)Kino immer häufiger auftre­tenden »linken Popu­lismus«, der sich zur Umsetzung seiner hehren Botschaften höchst zwei­fel­hafter Techniken bedient.

Cohens Borat beweist dagegen, dass sich ein liberal denkender Mensch nie zu solchen Methoden herab­lassen muss, denn statt des Popu­lismus steht ihm das Mittel der Satire zur Verfügung (darauf sollte sich z.B. auch Michael Moore nach seinem grenz­las­tigen Fahren­heit 9/11 wieder zurück­be­sinnen).
Deshalb ist Borat, trotz allem Klamauk, aller derber Komik und all der Späße, reicher an unbe­quemen Wahr­heiten, als manch anderer Film, der dies mit großem Ernst für sich in Anspruch nimmt.