Skip to content

Review

Border

Wenn wilde Trolle tollen

Begegnung im Wald

Wenn wilde Trolle tollen

Irgend­etwas stimmt nicht mit dieser Frau, das ist schon früh klar. Aber was genau? Ist Tina einfach nur pott­häss­lich? Unglück­lich ausge­stattet von der Natur mit ihrer gedrun­genen Statur, den deutlich hervor­ste­henden Zähnen ihres Ober­kie­fers, dem sträh­nigen Haar unter dem Rund­schädel, der dicken Nase und den eng stehenden, leicht schie­lenden Augen? Aber woher kommen dann ihre schlechten Manieren, der Schmutz unter ihren Fingernä­geln, ihre ziemlich eklige Art zu essen? Und woher kommt ihr erstaun­li­ches Talent, ihre Geruchs- und Spürgabe, ein sechster Sinn, mit dem diese Frau, die als Poli­zistin als Spezia­listin der schwe­di­schen Grenz­kon­trolle arbeitet, zum Beispiel Drogen­schmuggler entlarvt, aber auch Menschen, die Kinder­pornos über die Grenze bringen wollen?
Kann man tatsäch­lich Gefühle von Menschen riechen? Scham, Schuld, Wut? Tina kann so was spüren.

Irgend­etwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Es sind großar­tige Szenen, in denen Tina, deren Alter schwer zu schätzen ist, anfangs die Neuan­kömm­linge an der Grenze zunächst mustert, dann im Wortsinne schnüf­felt und Witterung aufnimmt. Tina scheint mehr Tier als Mensch zu sein.
Dazu passt, dass sie ein inniges Verhältnis zu Tieren hat, besonders gut mit ihnen kommu­ni­zieren kann.

»Als Kind dachte ich, ich wär' was Beson­deres. Hatte tausend Ideen, was ich sein könnte. Aber seit ich erwachsen bin, ist mir klar, dass ich einfach nur ein häss­li­cher Mensch bin.« Tina selbst weiß nicht, was sie ist, sie fühlt sich einfach nicht wohl in ihrer Haut, wird von den Menschen gemieden und gehänselt. Ein Chro­mo­so­men­fehler, sagen ihr alle. Sie ist als Außen­sei­terin stig­ma­ti­siert.

+ + +

Bis hierin ist der Film angenehm rätsel­haft. Er lässt uns im Unge­wissen, erschüt­tert und irritiert die Gewiss­heiten des Zuschauers.

Als Film ist Border oder Gräns, wie er im schwe­di­schen Original heißt, von Anfang bis Ende ziemlich banal. Ginge es nicht um Phan­tas­ti­sches, wäre dies ein Para­de­bei­spiel für sozi­al­rea­lis­ti­sche Arte Povera, in der hässliche Menschen hässliche Dinge tun, ohne jeden Glamour – und ich meine hier nicht Stars, sondern jene Aura, die Kamera, Schnitt, Musik, Licht, Farben, kurzum die Haltung des Filme­ma­chers herstellen. Und die natürlich auch der Neorea­lismus eines Rossel­lini oder De Sica und später eines Olmi und Visconti jederzeit hatte. Es geht – bitte hinhören!! – nicht darum, wer und was hier gezeigt wird, sondern wie. Regisseur Ali Abbasi ist (wie auch sein Kame­ra­mann Nadim Carlsen) einfallslos und bieder, er hat ein gutes Thema, er zeigt einfach, und macht sich sonst nicht weiter Gedanken.

+ + +

Eines Tages lernt sie einen Mann kennen. Er heißt Vore, und er ähnelt ihr nicht nur äußerlich, er eröffnet ihr auch das Geheimnis ihrer Herkunft.
Die Erklärung für alles ist so einfach wie phan­tas­tisch: Tina ist tatsäch­lich ein Grenz­wesen, sie ist ein Troll, also jenes Etwas aus der nordi­schen Mytho­logie, das an die Nacht­seite des Mensch­li­chen rührt, sein Verdrängtes nach Außen trägt. Und so erfahren wir von einer Gegenwelt: Trolle gebe es überall, aber die Menschen würden sie ausgrenzen. In Schweden gebe es regel­rechte Lager für Trolle. Das wird mit größter Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mit sozi­al­rea­lis­ti­schen Kulissen verknüpft. So erinnert alles auch an ein Märchen. Denn erst im Wald, bei den Tieren entdeckt Tina sich selbst. Realismus und skan­di­na­vi­sche Fantasy verei­nigen sich in diesem schrägen Film, einem seltsamen Werk, das Genre­grenzen über­schreitet, und selbst die Grenzen der Natur auslotet, der Wildheit, der Freiheit, der Zivi­li­sa­tion und dies mit sehr zeit­geis­tigen Fragen nach Identität, Ausgren­zung, Fremdheit und Schönheit verbindet.

Auch Trolle können glücklich sein. Zugleich entfremdet Vore Tina auch den Menschen, mit denen sie bisher lebte: »Du solltest nicht auf das hören, was die Leute sagen. ... Du weißt so vieles nicht. Viel­leicht bist du nicht wie alle anderen. Aber nur weil du besser bist, wie sie.«

An Vore zeigt sich die Arroganz der Trolle, der Anderen, zeigt sich, was viel­leicht eine Schutz­hal­tung ist, aber warum man mit ihnen nicht zusam­men­leben kann: »Humans are parasites« sagt er, »Vengeance is coming«. Seine Rache liegt in der Idee, die Welt der Menschen mit hunderten von Troll-Wech­sel­bäl­gern, soge­nannten Hisits, zu unter­wan­dern.

Wir sollen Tina mögen. Die Einfüh­rung des Themas Kinder­porno wirkt etwas gewollt, wie ein bewusst gewähltes Mittel, damit man die Figur auch wirklich schätzt – und insofern ist das alles kalku­liert und ein bisschen zynisch, auch in seiner stereo­typen Zeichnung der Nicht-Trolle, äh: Menschen.

Insgesamt auch mehr als ein bisschen aufge­setzt. Und im unver­hoh­lenen Verlangen nach Partei­nahme mit der Haupt­figur steckt – maskiert vom Plädoyer gegen die Ausgren­zung von Minder­heiten, gegen die Abweisung des Fremden – das Lob des Häss­li­chen, des Abnor­malen, das schon fast wieder normativ ist in Zeiten, die alles Normale und Normie­rende, die die Existenz von Normen selbst unter Gene­ral­ver­dacht stellen.

Zudem wird hier einmal mehr das elfte Gebot unserer Gegenwart exeku­tiert: Du musst deine Identität finden. Und du musst deiner Identität folgen.
Aber ist »Identität«, die ja, wenn von ihr die Rede ist, immer als kollek­tive gedacht und gemeint ist, eigent­lich etwas anderes, als ein schöneres Wort für »Gott« und »Tradition«, Volk und Blut und Boden?

So oder so: Tina ist das Über-Ich und der Wet-Dream aller Kultur­re­la­ti­visten.