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Review

Born in Evin

Film als therapeutischer (und politischer) Prozess

Auf der Suche nach der verlorenen Vergangenheit und einer neuen Gegenwart

Film als therapeutischer (und politischer) Prozess

Sie war die Patho­login im Berliner Tatort und ist noch die Ehefrau vom Neuköllner Clanboss in 4 Blocks; jetzt hat die Schau­spie­lerin Maryam Zaree ihren ersten eigenen Film fertig­ge­stellt, eine Doku­men­ta­tion über ihre Geburt. Denn erst spät im Leben hat Zaree von einer Tante erfahren, dass sie im berüch­tigten irani­schen Gefängnis Evin geboren worden ist, wo nicht nur gefoltert, sondern auch regel­mäßig Todes­ur­teile voll­streckt worden sind. Zarees Eltern waren in den später 1970ern und frühen 1980ern Oppo­si­tio­nelle, erst gegen die Schah-Monarchie, dann gegen die isla­mi­sche Republik unter Khomeini und wurden schließ­lich inhaf­tiert – und Zaree 1983 in Haft geboren. Grund genug für Zaree, sich zu fragen, wie die Geburt und Jahre in Haft aussahen und warum ihre Mutter schließ­lich entlassen wurde, um dann nach Deutsch­land zu emigrieren.

Weil ihre Mutter, eine bekannte Grünen­po­li­ti­kerin, sich weigert, über diesen Abschnitt ihres Lebens zu reden und auch ihr Stief­vater, ein Trau­ma­the­ra­peut, keine große Hilfe ist, entschließt sich Zaree, den Anfängen ihrer Lebens­linie selbst auf die Spur zu kommen und viel­leicht etwas besser ihr eigenes Ich, aber auch das Schweigen ihrer Mutter und die erste Gene­ra­tion irani­scher Migranten zu verstehen.

Mit sehr persön­li­chen Fragen und einer umwer­fenden Offenheit recher­chiert Zaree über mehr als drei Jahre in der irani­schen Diaspora aus, fliegt auf Kongresse, spricht mit einer persi­schen Thera­peutin und exilierten Iranern, und ist dabei nicht nur auf der Suche nach Frauen, die mit ihrer Mutter in Haft hätten gewesen sein können, sondern auch nach einer Gleich­alt­rigen, die wie sie in Haft geboren ist. Und sie dockt bei Verwandten und ihrem leib­li­chen Vater an, um mit allen darüber zu sprechen, worüber keiner reden will.

Das erinnert in den besten Momenten an Sarah Polleys großar­tige familiäre Spuren­suche Stories We Tell (2012), in der Polley zwar keine Traumata bewäl­tigen musste, aber auf der Suche nach ihrem leib­li­chen Vater mit sehr ähnlichen Mitteln wie Zaree versucht, das Schweigen der Menschen in Worte und filmische Geschichte zu verwan­deln. Und wie bei Polley hat man auch bei Zaree das Gefühl, dass all die Menschen, die sie trifft, von einer kaum fassbaren, wohl­wol­lenden, empa­thi­schen Mensch­lich­keit erfüllt sind, eine Mensch­lich­keit, die ihr letzt­end­lich auch vermit­telt, warum Schweigen nicht immer schlecht sein muss.

Doch neben dieser stillen, privaten Spuren­suche eines verlo­renen, poli­ti­schen Kampfes und seiner Opfer, die damit zu leben gelernt haben, ist Zarees Born in Evin, der bei der Berlinale 2019 in der Sektion »Perspek­tive Deutsches Kino« den Kompass-Perspek­tive-Preis erhielt, auch ein sehr aktueller, wichtiger, poli­ti­scher Film geworden. Nicht nur weil er die Vergan­gen­heit eines Regimes porträ­tiert, das immer noch an der Macht ist, sondern auch, weil Zaree fast nebenbei ein diffe­ren­ziertes Porträt migran­ti­scher Realität erzählt. Sie zeigt nicht nur die immer wieder bewe­genden Geschichten hinter jedem Exilierten, den sie trifft, sondern auch deren aufrich­tiges Ringen um Assi­mi­la­tion, ohne dabei die eigene Identität und Heimat ganz zu verlieren.