Review
Born to Be Blue
Jazz & Heroin
Jazz & Heroin
1966. Ein Mann hockt auf dem steinernen Boden einer dreckigen Gefängniszelle. Neben ihm liegt eine Trompete, aus der eine dicke Spinne kriecht. Chet Baker (Ethan Hawke) hat Halluzinationen. Die Gefängnistür öffnet sich. Ein Mann will ihn sprechen. Er ist Filmproduzent. Baker soll in einem Film über sein Leben sich selbst spielen.
1954. Rückblende in Schwarz-Weiß. Chet Baker spielt zum ersten Mal im legendären New Yorker Jazz-Club Birdland. Im Publikum sitzen Dizzy Gillespie und Miles Davis. Letzter ist sichtlich angepisst, dass ausgerechnet dieser weichlich wirkende weiße Jüngling von der Westküste als die neue trompetende Jazz-Sensation gilt. Nach dem Konzert setzt ein Groupie Baker den ersten Heroin-Schuss. Als Bakers Frau (Carmen Ejogo) die beiden erwischt, ist sie alles andere als begeistert.
Diese Rückblende entpuppt sich als eine Szene im besagten Biopic über Baker. Es ist ein Film im Film innerhalb des Baker-Biopics Born to Be Blue des Kanadiers Robert Budreau. Jane, die in jenem Film im Film Bakers Frau spielt, wird später Bakers Freundin im realen Leben. Doch all dies ist fiktiv. Zwar wollte Dino De Laurentiis tatsächlich einen Film über und mit Chet Baker drehen. Doch der kam niemals zustande. Auch Jane ist eine fiktive Figur, welche mehrere Frauen in Bakers Leben in sich vereint.
Born to Be Blue ist nur auf den ersten Blick ein klassisches Biopic über einen berühmten Musiker. Zwar bedient sich Robert Budreau der gediegenen Ausstattung und der oftmals an Kitsch grenzenden Bildsprache und Melodramatik entsprechender Hollywoodfilme. Doch immer wieder durchbricht der Kanadier die klassische Form mit freien Improvisationen. Sein Film orientiert sich nur sehr lose an verbürgten Tatsachen. Dies liegt auch daran, dass Baker seine eigene Geschichte immer wieder anders erzählt hat. Anstatt wie üblich die wichtigsten Stationen im Leben des Musikers abzuklappern, entwirft Budreau mit Born to Be Blue ein Stimmungsbild, das Baker auf eine mehr intuitive Weise nahezukommen versucht.
Dass dies erstaunlich gut gelingt, liegt zu großen Teilen auch an einem überraschend guten Ethan Hawke als Chet Baker. All die Sensibilität, Unsicherheit und Getriebenheit Bakers bringt Hawke mit großer Intensität zum Ausdruck. Teilweise wirkt sein Spiel dabei ein wenig zu manieriert. Aber ähnlich manieriert wirkt es, wenn Baker in Stücken, wie »My Funny Valentine« neben der Trompete auch den Gesang übernimmt. Da vereinen sich tiefe Empfindsamkeit mit gefühlsduseligem Kitsch. Es ist genau diese Ambivalenz, die Bakers besonderes Charisma ausmacht. Am Anfang seiner Karriere galt der gutaussehende junge Trompeter als der James Dean des Jazz. Dreißig Jahre später war Baker vorzeitig gealtertert, zu einer von Heroin ausgezehrten Mumie mutiert. Aber die Trompete spielte er weiterhin wie ein junger Gott. Die Konzertaufzeichnung »Chet Baker in Tokyo« von 1987 gilt als ein absoluter Höhepunkt der Spielkunst des trompetenden Junkies.
Born to Be Blue stilisiert Baker nicht zu einem Helden, sondern stellt gerade die Widersprüchlichkeit dieses Musikers heraus. Durchaus heroisch wirkt Bakers Comebackversuch, als er mit gebrochenem Kiefer und ausgeschlagenen Zähnen erneut das Spielen zu erlernen versucht. Aber auch Bakers Griff zur Nadel wird nicht einfach mit frühkindlichen Traumata wegpsychologisiert. Bei seinem ersten Date mit seiner späteren Freundin Jane bemerkt der Trompeter lakonisch, dass er sich Heroin aus dem einfachen Grund heraus spritzt, weil er darauf steht, high zu sein. Da ahnt Jane allerdings noch nicht, wie weit Bakers Liebe zu dieser Droge tatsächlich reichen wird.
Das semi-fiktionale Biopic Born to Be Blue ist kitschig und brutal, feinfühlig und klischeebeladen, klassisch brav und frei improvisiert. Aber genau diese Widersprüchlichkeit vereint sich zu einem stimmigen Porträt der ambivalenten Persönlichkeit Chet Bakers.