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Review

Bottled Life – Das Geschäft mit dem Wasser

Wie man aus 10 Dollar 50.000 Dollar macht

Auch dieses Wasser kommt vermutlich aus einem Brunnen. Muss aber teuer bezahlt werden.

Wie man aus 10 Dollar 50.000 Dollar macht

Wasser. Wasser ist Leben. Noch elemen­tarer als jedes Essen ist es DAS Grund­nah­rungs­mittel der Erde. Wer kein Wasser hat, führt darum Kriege. Wasser braucht jeder, wer das Wasser hat, der hat die Macht. Darum gilt: Wasser gehört jedem.

Denkste! Das zeigt jetzt der Schweizer Regisseur Urs Schnell, der in seinem Film Bottled Life der welt­weiten Wasser­pro­ble­matik nachgeht, und zeigt, wie selbst dieses subtan­ti­ellste Gut der Natur, wie Leben selbst zur Handels­ware geworden ist.

»Irgend­wann bin ich auf Wasser gekommen.« So Peter Brabeck, Chef des Schweizer Nestle-Konzerns. Für ihn und Nestle ist dieser Film bereits in der Schweiz zum PR-Super-Gau geworden – und man wird sich nicht wundern, wenn die Verbrau­cher nun auch in Deutsch­land Nestle-Produkte schmutzig und ekelhaft finden, wenn sie einen Konzern boykot­tieren, der den Verdacht nicht von sich weisen kann, seine Geschäfte auf dem Rücken von Menschen zu machen, auszu­beuten und dabei buchs­täb­lich über Leichen zu gehen.

Der Film erzählt die Geschichte dieses geheim­nis­vollen Konzerns der bereits im 19. Jahr­hun­dert Mine­ral­wasser »produ­ziert« hat, seit 1878, und heute zum Welt­markt­führer des Wasser­han­dels geworden ist. Ein Unter­nehmen, dem 70 verschie­dene Wasser-Labels gehören, darunter vermeint­lich autonome Nobel­marken wie Perrier, San Pelli­grino, Contrex, und in den USA »Poland Spring«.

Maude Barlow, Träger des alter­na­tiven Nobel­preises sagt im Film über Nestle: »They don’t stick with something unless it’s profi­table ... they are big trans­na­tional company ... they will never stay with something for huma­ni­ta­rian reasons ... they dont get into it for huma­ni­ta­rian reasons ... and they dont stay with it for huma­ni­ta­rian reasons. ... one of the most profi­table companys ever.«

Nestle, so argu­men­tiert dieser vom deutsch-fran­zö­si­schen Kultur­kanal Arte copro­du­zierte Film, ist das Para­de­bei­spiel für einen bösen Kapi­ta­lismus. Jährlich allein 10 Mrd. Schweizer Franken verdient dieser weltweit größte Lebens­mit­tel­kon­zern mit 70 Sorten Mine­ral­wasser. Die übelste Sorte von allen ist die neue Marke »Pure Life«, ein einfaches Wasser das mit zwei­stel­ligen Wachs­tums­raten auf den globalen Markt geschossen wird.

Pakistan, wo sauberes Trink­wasser knapp ist, diente als Test-Markt. Jetzt dominiert Nestle den Markt und schraubt die Preise hoch. Lokale Inter­essen werden an den Rand vertrieben. Der Grund­was­ser­spiegel sinkt, und Nestle braucht konse­quent immer neues Wasser. Sie kaufen dafür private Wasser­rechte in Gegenden wo sie billig sind, und versuchen Gesetze zu verändern. Sie nehmen das Wasser aus der Leitung, machen ihr Label drauf, und verkaufen es als Quell­wasser.

Im US-Bundes­staat Maine pumpt Nestle die gleiche Menge Wasser ab, die im ganzen Staat von der kompletten Land­wirt­schaft verbraucht wird: 3,5 Billion Liter pro Jahr, die Zahlen sind anstei­gend. Für eine Tank­la­dung, zahlt Nestle 10 Dollar, verkaufen tun sie es für 50.000 Dollar. – So macht man aus 10 Dollar 50.000 Dollar.

Je kapi­ta­lis­ti­scher die Gesell­schaft, um so mehr boomen anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Film-Doku­men­ta­tionen. So könnte man ein bisschen allzu abgebrüht und nahe am Zynismus resü­mieren. Aber auch wenn Bottled Life klar Partei ergreift, ist er keines­wegs partei­isch. Nestle und die Sicht ihrer Führungs­etage kommen ausgiebig zu Wort. Sie manche Argumente für sich. Denn sterben nicht nur in Pakistan viele Menschen an verseuchtem Wasser. Führt nicht die Kapi­ta­li­sie­rung des Wassers zur Qualitäts­ver­bes­se­rung? Der Film zeigt beide Seiten.

Viel­leicht aber sind solche Filme ja auch ein Vorschein einer zukünf­tigen Revo­lu­tion unseres Wirt­schafts­sys­tems? Oder es handelt sich in Wahrheit um Übungs­ein­heiten in Fata­lismus. Denn die kluge Analyse allein bleibt folgenlos.

Die Wahrheit, wenn man sich mit ihr konfron­tiert, lautet: Die böseste Form des Kapi­ta­lismus siegt zur Zeit. Man kauft sich Politiker, kauft sich Richter, kauft sich Gesetze. Wird alles schwierig kauft man sich eine Bevöl­ke­rung. Und ganz zur Not – siehe Pakistan – kauft man sich eine Armee. Man möchte drauf­hauen.

Man fragt sich, warum die Taliban nicht Nestle atta­ckieren, denn das ist noch viel mehr Impe­ria­lismus, als ein paar Düsen­jäger für die Regierung. Aber viel­leicht hat Nestle ja auch die Taliban gekauft?