Review
Brother
Zum Sterben schön
Zum Sterben schön
Takeshi Kitanos grandioser Gangsterfilm
Es gibt auch eine lakonische Art, ein Auto gegen einen Mast zu fahren. Man sieht den Wagen, hört den dumpfen Knall, und die Stille davor und danach ist ebenso laut, wie er. Die Stille, der Knall und das Bild erzählen mehr, als dass ein Auto gegen einen Mast gefahren ist. Diese Lakonie ist das Prinzip von Takeshi Kitanos Filmen.
Staunen, heißt es, sei der Anfang der Philosophie. Doch Staunen ist auch der Anfang des Sterbens. Viele Momente in Takeshi Kitanos neuem Film Brother bleiben im Gedächtnis. Doch nichts ist so schwer zu vergessen, wie die staunenden Gesichter, die aufgerissenen Augen der Menschen in dem Augenblick, in dem sie erkennen, dass dies ihr letzter sein wird. Wer zu lange und zu genau hinsieht, wird bestraft. Im Kino wie im Leben. Doch ebenso ist wahr, dass nur derjenige überlebt, der mehr sieht, als andere.
Ein rätselhafter Film. Dabei ganz einfach. Ein Film über das Sterben; eine Reise in den Tod von Anfang an. Im Mittelpunkt: Ein Todgeweihter. Yamamoto (den Kitano selber spielt) ist ein Angehöriger der Yakuza; er ist »a pain in the ass« und muss verschwinden. Wenn er nicht sterben will, bleibt nur ein Ausweg: Übersee. Mit kaum einem Wort Englischimmerhin versteht er, wie wir bald erfahren, was »fucking Japs« bedeutet –, aber einer Tasche voller Geld kommt er an in Los Angeles. Ein
Japaner in Amerika. Dort tut er bald wieder das, was er eben kann: Mit seinem Bruder Ken, einem Straßendealer, gründet er eine Gang, und dreht schnell das größtmögliche Rad. Denn mit den kleineren weiß er nicht umzugehen. Zu der Gang gehört auch Danny, ein Schwarzer. Schon bei seiner ersten Begegnung mit Yamamoto schaut er zu genau hin.
Mit viel Gefühl inszeniert Kitano diese ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Asiaten und einem Schwarzen. Überhaupt ist Brother (der Titel spielt mit mindestens drei Bedeutungen dieses Worts) ein Film über die Begegnung zwischen Fremden. Ein multikulturelles Amerika der anderen Art wird vor unseren Augen ausgebreitet, in dem die Konflikte zwischen Kulturen keine Kulturkonflikte sind, und in dem der Erfolg japanischer Geschäftsmethoden und die »Undurchsichtigkeit« der Japaner vor allem ein guter Witz ist.
Es gibt auch eine lakonische Art, Leute zu erschießen. Und erschossen wird viel in Brother, schließlich ist es ein Gangsterfilm. Aber wie Kitano das zeigt, ist immer auch sehr witzig, und oft merkt man dem Film an, dass Kitano in seiner Heimat ein gefeierter Stand-Up-Comedian ist. Es ist eine Art von Witz, wie man sie auch bei Scorsese findet, und bei der einem das Lachen plötzlich im Hals stecken bleibt. Aber nur kurz. Denn in all der Brutalität des Gezeigten liegt auch eine unbegreifliche Schönheit.
Brother erzählt vom Töten mit der Intensität und Hingabe eines französischen Liebesfilms. Es gibt zu wenig solche Filme, Filme, in denen Männer weinen. In denen sie nicht um Frauen kämpfen, sondern mit sich selber. Und in der die Kamera so lange auf einem einzigen Gesicht liegt, wie diesmal am Ende. Staunen, wie gesagt, ist der Anfang der Philosophie. Und Philosophieren heißt Sterben lernen.