Review
Bugonia
Die Frau als Alien und Vorstellung
Die Frau als Alien und Vorstellung
Lanthimos entfesselt in BUGONIA einen Thrill im gewaltvollen Spiel der Zeichen – und entpuppt sich einmal mehr als posthumanistischer Nihilist
Bugonia, das ist eine mythische Kulturtechnik der alten Griechen. Wenn ein Bienenvolk gestorben ist, wie es dem mythischen Hirten Aristaeus passierte, kann er einen jungen Ochsen opfern, aus dessen Blut dann Bienen entstehen. Bos-Genium ist das, die Bienenzucht aus Ochsenblut. »Man sucht ein Stierkalb… schlägt es mit Keulen tot und zerstampft und zermürbt seine Eingeweide … indes gärt der Saft, der sich in den zarten Knochen erwärmt hat, und Wesen von wunderlichem Anblick wimmeln herum, erst noch ohne Beine, doch bald sogar mit schwirrenden Flügeln.« So beschreibt Vergil das gewalttätige Ritual, das die Metamorphose einleitet.
Für den Griechen Yorgos Lanthimos, der seit The Lobster seine Filme mit englischsprachiger Besetzung realisiert, scheint der antike Terminus technicus so geläufig zu sein, dass er ihn zum Titel seines neuesten Films erhoben hat, eigentlich ein Remake der Science-Fiction-Öko-Komödie Save the Green Planet des Südkoreaners Jang Joon-hwan aus dem Jahr 2003. Lanthimos adaptiert die Vorlage zusammen mit Ari-Aster-Drehbuchautor Will Tracy in die USA der Jetztzeit – mit einer Frau in der Rolle des entführten CEO, was doch einige Folgen für die Lesart hat.
Mit dem mythischen Titel akzentuiert er überdies eine weitaus abstraktere Ebene als die vom Original mitgebrachte krude Handlung. Zentral wird das Opfermotiv, während das Bienensterben als Horizont des moralischen Handelns herhalten soll. Und damit auch die – für Lanthimos vergebliche – Frage nach der Richtigkeit unseres Tuns aufwirft. Zu Beginn füllt eine Honigbiene in Makroaufnahme die Leinwand, während sie von Blüte zu Blüte fliegt. Die Bestäubung sei wie Sex, kommentiert eine Stimme aus dem Off, nur cleverer und: »Niemand wird verletzt.« Der Ton ist gesetzt. Teddy (Jesse Plemons) ist der Urheber dieses infantilen Aufklärungsunterrichts.
Mit seinem zurückgebliebenen Cousin Don (Aidan Delbis) lebt er als Imker in einem heruntergekommenen Haus am Wald. Nicht nur die Lebensform ist alternativ, auch ihr Denken: Sie sind Anhänger einer Verschwörungstheorie, nach der angeblich Aliens aus der Andromeda-Galaxie die Menschheit auslöschen wollen. »Zuerst die Bienen, dann uns«, weiß Teddy frei nach dem Bonmot, das Albert Einstein zugeschrieben wird. Jesse Plemons gibt Teddy als Getriebenen, mit schlonzigem Haar und Madness-Blick, in seiner paranoiden Bedrängung ist er für die Außenwelt mental unerreichbar. Keine Frage: Er ist der Irre, der Kranke unserer Gesellschaft.
Eines der Aliens soll sich seiner Ansicht nach schon auf der Erde befinden: die CEO eines in die Opioid-Epidemie verwickelten Chemie- und Pharmakonzerns. Emma Stone spielt Michelle Fuller wahrlich als ein der Erde enthobenes Wesen. Im Selbstoptimierungsgestus absolviert sie harte Trainingseinheiten, bevor sie auf Louboutin-Highheels in die Vorstandsetage eilt, um Greenwashing-Videos zu drehen. Äußerlich ein perfektes Wesen, ist sie gemäß Geschäftsbericht moralisch zersetzt.
Diese Ambivalenz zwischen dem Schein und dem Sein, dem Äußeren und dem Inneren, dem Erfolg und den tugendhaften Werten inszeniert Lanthimos als Kippfigur, bei der man sich nie ganz sicher sein kann, was die Wahrheit ist und wo die Wirklichkeit beginnt sich aufzulösen. Und ob nicht die Frage nach der Realität dann doch nur an die jeweils eigene Ideologie gekoppelt ist. Das sind Social-Media-Diskussionen, die wie Flipperkugeln auf die Diskursbahn geschleudert werden, hin- und hergeflippt durch den Schlagabtausch zwischen dem Verschwörungspraktiker Teddy und der selbstbewussten Geschäftsfrau Michelle, die in ihrem ochsenblutroten Kostüm von den Imker-Cousins entführt wird. Vielmehr: zuerst gejagt, dann als Beute in den Keller verschleppt und gefoltert. Sie ist der Ochse im Bugonia-Opfer – die gewaltvollen Imker arbeiten an der rituellen Heilung des Ökosystems.
Die Enthumanisierung von Michelle als Beute (und womöglich als Alien) ist der Auftakt für ein weiteres Gesellschaftsspiel im Werk von Lanthimos, der stets an anthropologischen Versuchsanordnungen interessiert ist. In Bugonia errichtet er einmal mehr einen Raum der Gefangenschaft – das lässt auch an Dogtooth und die im Haus eingesperrten Kinder denken, oder an Poor Things und das Gefangensein der Kindfrau im erwachsenen Körper. Schließlich, in der Coda des Films, findet Lanthimos zu einem der Menschheit abdankenden Nihilismus – der aber auch ironisch unterfüttert wird.
Die schillernde Inszenierung von Emma Stone, die mit festem Blick den Angriffen auf ihren Körper und dem Hinterfragen ihrer Identität standhält, bereitet das eigentliche Vergnügen von Bugonia. Hier wird hintergründig das Wechselspiel von Mensch/Nicht-Mensch dekonstruiert wie auch der Geschlechterverhältnisse, deren vielsagenden Fixpunkt die Louboutins mit ihren roten Schuhsohlen darstellen – als Symbol des Erfolgs und als Fetisch des kapitalistischen und erotischen Begehrens. Was Michelle von ihren Füßen kickt, als sie entführt wird, um barfuß davonzulaufen, sind die Insignien des Superweibs wie auch dessen Vortäuschung. Doch dann wird sie von Teddy im Gebüsch zu Fall gebracht, während die blanken Beine hilflos aus dem geschlitzten Bleistiftrock herausragen.
Eine beklemmende Vergewaltigungsfantasie, die uns Lanthimos hier en passant serviert, nur ohne finalen Akt: die Imker-Cousins haben sich vorsichtshalber »chemisch kastriert«, wie es in einer Anfangsszene heißt. Um den erotischen Reizen nicht zu erliegen.
Es folgt nun, so könnte man es umstandslos formulieren, die Kastration des Weiblichen. Als Michelle die rosskastanienbraune Mähne abrasiert wird, verliert sie in der Vorstellung der Alien-Experten die Möglichkeit, mit ihrem außerirdischen Mutterschiff zu kommunizieren. Indem sie ihr die langen Haare stehlen, nehmen sie Michelle ihre Potenz und entweiblichen sie außerdem visuell, neutralisieren sie jedoch auch für ihren eigenen Blick. Sie muss nun anstelle des sexy Business-Looks ein unförmiges Blumenkleid der opioidkranken und abwesenden Mutter anziehen – als Büßergewand für die schlechten Taten und als Stellvertreterfigur. Die Verschwörungsangst verdankt sich der Regression ihrer Anhänger, so Lanthimos’ symbolschwere Pointe – und sagen nicht ohnehin Kinder und Narren wie Teddy die Wahrheit?
So ergibt sich der Thrill von Bugonia im gewaltvollen Spiel der Zeichen und als Zugriff auf die Integrität des weiblichen Körpers, dem die Öko-Folterer auch Schaden im Body-Horror-Ausmaß zugefügen. Dank der herausragenden Emma Stone und dem erfolgreichen Widerstand ihrer Figur gegen die Unterwerfung darf man sich jedoch am Ende sogar über einen höchst sonderbaren Strickanzug erfreuen.
- Vergil, Georgica. Vom Landbau. Übersetzt und herausgegeben von Otto Schöneberger. Reclam 1994.