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Review

Burning

Vom großen Hunger

Dreiergespann

Vom großen Hunger

Eine mit leichter Hand hinge­wor­fene Kurz­ge­schichte Murakamis bildet die Grundlage des Drehbuchs für Lee Chang-dongs neuen Film Burning, lange acht Jahre nach seinem letzten Film Poetry (2010) entstanden. Ist die große Pause Symptom einer Schaf­fens­krise? Brauchte Lee Chang-dong zum Neustart den Anlass einer von außen kommenden Idee, die Geschichte des welt­berühmten japa­ni­schen Lite­ra­tur­no­bel­preis­an­wär­ters? Gegenüber den mehr der trüge­ri­schen Alltags­idylle zuge­wandten Vorgän­ger­filmen Secret Sunshine (2007) und Poetry (2010) mit ihren mühsam nach innerem Ausgleich suchenden Prot­ago­nis­tinnen, die von schweren privaten Schick­sals­schlägen getroffen waren, über­rascht der neue Film jeden­falls durch düstere Thriller- und Mystery-Elemente.

Murakamis beiläufig plau­dernder Ich-Erzähler taucht im Film Lee Chang-dongs auf als junger Mann, der Schrift­steller werden will und sich mit anspruchs­losen Gele­gen­heits­jobs durch­schlägt: Jong-su, ein etwas tumb wirkender, maul­fauler Bursche, begegnet beim Auslie­fern von einem Bündel von Klamotten an einen Billig­dis­counter zufällig Hae-mi, einer Bekannten aus Jugend­tagen, wieder. Sie stammt aus derselben Provinz wie er und lockt nun als Anima­teurin Kunden von der Straße in den Klei­der­dis­count. Mit präzisem Gespür für die Figuren und den Raum um sie herum zeichnet Lee Chang-dong in wenigen Einstel­lungen hier zwei in der Großstadt Seoul Gestran­dete, die einmal gehofft haben, ihre Chance zu kriegen und viel­leicht immer noch von Glück und Erfolg träumen. Bei Jong-su scheint das weniger der Fall zu sein als bei Hae-mi, die mit einer nach wie vor naiven Begeis­te­rung vom spiri­tu­ellen großen Hunger der Buschmänner in Afrika spricht. Dorthin wird sie bald für mehrere Monate hinreisen, und Jong-su steht nach der kurzen Liebes­be­geg­nung schon wieder zurück­ge­worfen auf sich da. Immerhin darf er in Hae-mis Wohnung während ihrer Abwe­sen­heit für die Katze sorgen, die sich ihm aber einfach nicht zeigen will.

Lee Chang-dong lässt anhand dieser beiden jungen Leute sehr prägnant das Bild einer enttäuschten, betro­genen Gene­ra­tion im gegen­wär­tigen Südkorea aufscheinen, die sich ziemlich allein­ge­lassen fühlt. Hae-mi hat keinerlei Bindungen zu Angehö­rigen, Jong-su hat sich um den abge­wirt­schaf­teten Bauernhof seines Vaters an der Grenze zu Nordkorea zu kümmern, der nach einem Angriff auf einen Gemein­de­be­amten mit seiner Umwelt gebrochen hat und unver­söhn­lich ins Gefängnis geht.

Eine weitere Ernüch­te­rung erwartet Jong-su, als Hae-mi endlich aus Afrika zurück­kehrt: Sie bringt einen Begleiter namens Ben mit, den einzigen Südko­reaner, der ihr in Nairobi begegnet ist und dem sie sich ange­schlossen hat. Er stellt das Gegenbild zu dem Loser Jong-su dar: er ist reich und selbst­si­cher und gibt sich ganz seinem kulti­vierten Luxus hin, ein souver­äner Spieler des Lebens, der über den Dingen zu stehen scheint und mit seinem schwarzen Porsche und seinem geschmack­voll einge­rich­teten Penthouse den Lebens­stil der neurei­chen Schicht verkör­pert. Jong-su ist faszi­niert und irritiert, er ordnet ihn als einen der großen Gatsbys ein, von denen es zu viele gebe in Korea.

Eine narziss­ti­sche Erschei­nung, in der sich die Wünsche und Träume auf einer undurch­dring­lich glatten und schönen Ober­fläche spiegeln, ohne dass man weiß, ob etwas darunter oder dahinter steckt. Dieses unzu­gäng­liche Dahinter des uner­gründ­li­chen Wesens von Ben wird zum geheimen Kraft­zen­trum, auf das Hae-mi und Jong-su fixiert sind. Eine eigen­artig gelassene Ménage-à-trois entsteht, in der alles offen scheint, aber nichts sich entscheidet. Man traut diesem Ben tatsäch­lich alles zu, so unbe­stimmt und schil­lernd und verfüh­re­risch wird er insze­niert.

Einmal, nach einem Joint, gesteht er Jong-su seine geheime Leiden­schaft, aufge­ge­bene Gewächs­häuser aufzu­spüren und nieder­zu­brennen. Ein Vertrau­ens­be­weis, von dem man nicht weiß, ob er eine raffi­nierte Finte oder ein unver­mu­teter Moment der Wahr­haf­tig­keit ist, und der einen obses­siven Sog in Jong-su auslöst und den gesamten Film in eine neue, deli­rie­rende Phase eintreten lässt, in der es nur noch um Jong-sus Blick auf Ben geht. Denn Hae-mi ist urplötz­lich verschwunden und Jong-su hat einen Verdacht…

Geschickt werden Indizien gestreut, die den Zuschauer bereit­willig das Phantasma teilen lassen, in das sich Jong-su hinein­stei­gert. Als würde er nun jenen meta­phy­si­schen großen Hunger ausleben, den er bislang nur im vagen Wunsch, schreiben zu wollen, kannte. Ob die dämo­ni­schen Züge, die Lee Chang-dong in der strikt sich an Jong-sus Blick heftenden inten­siven Darstel­lung herauf­be­schwört, nicht einer zu gewalt­samen Tour de force geschuldet sind, muss man beim Zuschauen selbst erfahren.

Die von Murakamis Kurz­ge­schichte und den losen Verbin­dungen zu Faulkners gleich­be­ti­telter Story »Barn burning« (deutsch als »Brand­stifter« übersetzt) ausge­henden Bezüge knüpfen ein Netz, dem man sich schwer entziehen kann. Die sugges­tiven Leer­stellen, die den Zuschauer in Bann schlagen, könnten sich aber auch bloßen trüge­ri­schen Ober­flächen­ef­fekten verdanken. Die eindring­lich-subtilen Alltags­be­ob­ach­tungen jeden­falls, die in Secret Sunshine und Poetry zu zwin­genden Psycho- und Sozio­grammen auskris­tal­li­sierten, fallen in Burning letztlich dem Hang zu einer großen Mystery-Beschwö­rung zum Opfer.