Skip to content

Review

Bye bye Berlusconi!

»Ich hab gestohlen wie ein Rabe, und diese Idioten wählen mich trotzdem.«

Topolino

»Ich hab gestohlen wie ein Rabe, und diese Idioten wählen mich trotzdem.«

Irgendwie ist Italien wie Enten­hausen. Seit mit Silvio Berlus­coni in Rom eine Koalition aus Ein-Mann-Partei, Neofa­schisten und Euro­pa­geg­nern regiert und der Medien­ty­coon das Land führt, wie seinen Privat­be­trieb, gibt es zwar in Bezug auf Italien nicht mehr viel zu lachen, in eine Comicwelt hat man sich aber schon öfters versetzt gefühlt. In seinem Regie­debüt Bye bye Berlus­coni! setzt der Schau­spieler Jan Henrik Stahlberg diese Idee jetzt in die Tat um: Sein Berlus­coni heißt nämlich »Topolino«, wie die italie­ni­sche Mickey Maus, handelt statt mit Medien mit Melonen und bringt seine Polit-Propa­ganda durchs »Melonen-TV« unters Volk. Dafür gibt es persön­lich­keits­recht­liche Gründe: Denn Bye bye Berlus­coni! ist eine scharfe Polit-Satire über den italie­ni­schen Minis­ter­prä­si­denten. Der sagt darin Sachen wie »Ich hab gestohlen wie ein Rabe, und diese Idioten wählen mich trotzdem.« Im Gegensatz zu einer Doku­men­ta­tion, in der auch kontro­verse Meinungs­äuße­rungen über »Personen der Zeit­ge­schichte« erlaubt sind, kann man sich gegen eine Satire, also Kunst, gericht­lich wehren.

Aber jeder weiß natürlich, dass mit »Topolino« eigent­lich Berlus­coni gemeint ist, zumal Haupt­dar­steller Maurizio Antonini ein fast perfekter Doppel­gänger Berlus­conis ist. Glänzend imitiert er dessen Gesten, sein gefro­renes Lachen, seine Posen. Außerdem macht Stahlberg, der in der Rolle des Herrn Mux in dem Film Muxmäu­schen­still bekannt wurde, aus der Not eine Tugend, und baut die Unmög­lich­keit, eine Satire über Berlus­coni zu drehen, geschickt in den Film mit ein – genauso, wie die Versuche Berlus­conis, den Film im Vorfeld der Wahlen im April den Filme­ma­chern hinter den Kulissen Steine in den Weg zu legen, sie einzu­schüch­tern, zu schi­ka­nieren und zu bedrohen. So ist Bye bye Berlus­coni! quasi ein Making-off über sich selbst geworden, eine Fake-Doku darüber, wie aus einem geplanten Film etwas ganz anderes wurde.

Insofern ist die Geschichte der Produk­tion dieses Film nicht weniger inter­es­sant, als der Film selbst, in dem »Topolino« entführt wird, und ihm im Internet der Prozess gemacht wird. Nebenbei erfährt man viel über die Karriere Berlus­conis, der als Sänger und Allein­un­ter­halter auf Kreuz­fahrt­schiffen begann, und zum Multi­mil­li­ardär wurde. Je länger der Film dauert, um so mehr vermi­schen sich die verschie­denen Ebenen des Films. Der Zuschauer verliert ein wenig die Orien­tie­rung – aller­dings mit Absicht, denn Stahlberg möchte auf den Kern seines Themas, die tatsäch­li­chen poli­ti­schen Verhält­nisse zurück­führen. Was ist wahr, was ist Betrug? Wer so fragt, denkt bereits kritisch, und lässt sich nicht von Poli­ti­kern aufs Glatteis führen.

Stahlberg sprengt mit seinem Regie­debüt die Grenzen der Genres, und provo­ziert sogar höchste poli­ti­sche Kreise. Bye bye Berlus­coni! ist ein Film, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Ein Minus­punkt ist nur die miss­glückte Synchro­ni­sa­tion. Ein Film wie dieser lebt nicht zuletzt von der Direkt­heit seiner Sprache. Insofern wäre es besser gewesen, man hätte dem italie­ni­schen Original vertraut, und den Film nur unter­ti­telt ins Kino gebracht.