Review
Caótica Ana
Ana und der Sex
Ana und der Sex
Im Unterbewusstseinsstrom: Caótica Ana vom Kinozauberer Julio Medem
»O daß wir unsere Ururahnen wären/ Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor/ Leben und Tod, Befruchten und Gebären/ Glitte aus unseren stummen Säften vor.« So dichtete einst der Doktor Gottfried Benn, und der Rhythmus dieser Zeilen könnte auch der Takt sein zu diesem Psycho- und Mysterythriller.
Ein Countdown zählt in Julio Medems Film von Zehn an rückwärts. Ganz und gar im Zentrum steht eine junge Frau. Sie heißt Ana (Manuela Vellés) und ist in ausnahmslos jedem Bild zu sehen. Anfangs lebt sie auf Ibiza in einer Künstlerkolonie als Tochter von Späthippies, der Vater ist Deutscher (Matthias Halbich). Ana möchte selbst Künstlerin werden. Bald trifft sie eine rätselhafte Frau, die sich als Kunstförderin (Charlotte Rampling) vorstellt. Die lädt sie nach Madrid ein. Ana nimmt an, lebt bald in der Großstadt auch unter Künstlern. Mehr und mehr kommt dieser jungen Frau die Realität, oder das, was man gemeinhin dafür hält, abhanden. Und sie reist in die chaotischen Abgründe des Bewusstseins.
Wir sehen sie, wie sie sich in einen hübschen Molekularbiologen verliebt, wie sie, als der verschwindet, andere Lover hat, wie sie mit ihrer besten Freundin, der radikalen Feministin Linda Bewusstseinsexperimente unternimmt. Ana ist eine Prinzessin, aber gleichzeitig auch ein Monster. Bei aller Lebenslust trägt sie ein dunkles Geheimnis in sich.
Bald schon nimmt sie auch Kontakt auf mit jenen Persönlichkeiten, die sie in früheren Leben einmal war. Oder ist sie einfach verrückt und traumatisiert? Vielleicht handelt Caótica Ana vom Wahnsinn. Vielleicht handelt er aber auch vom Ewig-Weiblichen, von Urmüttern und bösen Vätertyrannenmännern, von Tod und Wiedergeburt, von Taumel und Trance. In jedem Fall handelt er von einer Reise ins Innere.
Neben Pedro Almodóvar ist der 50jährige Julio Medem (Das rote Eichhörnchen, Die Liebenden des Polarkreises) der international bedeutendste und für viele Beobachter sogar weitaus bessere spanische Gegenwartsregisseur: Vier seiner bisher sechs Spielfilme (zuletzt Lucia und der Sex) liefen erfolgreich auch in Deutschland. Caótica Ana, der jetzt in die Kinos kommt, ist sein neuster Film. Medems Filme sind Märchen für Erwachsene, komplexe, psychologisch tiefschürfende und dabei poetische Traumspiele die ebenso an Traditionen des katholischen Mittelalters und der spanischen Barockliteratur anknüpfen, wie an den in Medems Heimat besonders einflussreichen Surrealismus.
Gerade in Caótica Ana bewegt sich Medem direkt auf den Spuren Bunuels. Mehr als einmal kommen einem dessen Filme in den Sinn, vor allem Dieses obskure Objekt der Begierde. Dort wurde die weibliche Hauptfigur je nach deren innerem Zustand von zwei verschiedenen Darstellerinnen gespielt. Hier nun trifft sie ihre früheren Identitäten wieder.
Medem selbst sagt, sein neuer Film sei eine »Erzählung über die Schreckensherrschaft des weißen Mannes«. Die bestehe in der »männlichen Tyrannei gegen die Weiblichkeit«. Aber es geht auch um künstlerische Initiation.
Was in der Form der Beschreibung ein wenig konstruiert klingen mag, ist im Kino ein Feuerwerk der Sinne: Mitreißend, stellenweise atemberaubend, jedenfalls unbedingt romantisch. Dabei beweist der Regisseur, dass das Kino selbst dort, wo es kitschig wird, und dem Unterbewußtseinsstrom eines Drogenrauschs ähnelt, immer noch klug sein kann: Medems Filme sind Erscheinung gewordene Philosophie mit einer ganz eigenen, sehr spanischen Note; doppelbödige Vexierspiele voller Einfallsreichtum, Energie und Zauber. Denn auch das weiß Medem von Bunuel: Die Wahrheit, so es überhaupt eine gibt, ist jedenfalls schön.