Review
Capernaum – Stadt der Hoffnung
Stadt der verlorenen Kinder
Stadt der verlorenen Kinder
Dreck, Armut, Gewalt. All das beherrscht das Leben von Zain, einem Kind, das in seinem jungen Leben mit Problemen zu kämpfen hat, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Capernaum – Stadt der Hoffnung, der soeben ins Oscar-Rennen geschickte Film der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki, zeigt uns die verstörende, traurige Realität einer heruntergekommenen Welt außerhalb unserer Wahrnehmungssphäre.
Zain wächst in Beirut mit zahlreichen Geschwistern auf. Seine Familie ist so arm, dass er, anstatt zur Schule zu gehen, jeden Tag in einem kleinen Supermarkt arbeitet, damit sie in einer kleinen Wohnung des Ladenbesitzers leben dürfen. Als ältestes Kind versucht er, seine Geschwister, besonders seine elfjährige Schwester Sahar zu beschützen. Diese wird aufgrund finanzieller Nöte an den Vermieter verheiratet. Nachdem Zain erfolglos versucht, dies zu verhindern, verlässt er seine herzlose Familie, in der der Gebrauch von Schimpfwörtern, Beleidigungen und Verachtung auf der Tagesordnung steht. Schließlich wird Zain seine Eltern verklagen, weil sie ihn in diese Welt gebracht haben, und fordern, dass Erwachsene keine Kinder bekommen sollen, wenn sie sich nicht um diese kümmern können.
Regisseurin Nadine Labaki hat in drei Jahren Recherche genug Material gesammelt, um die Lebensverhältnisse der Menschen realistisch darzustellen. Herausgekommen ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. Sie zeigt zwischen Müll und Wäscheleinen tobende Kinder in dreckiger, kaputter Kleidung und mit aus alten Holzlatten selbstgebauten Waffen. Ihr Treffpunkt sind die verlassenen Häuserruinen der Stadt, hier rauchen und trinken sie, obwohl sie noch nicht einmal die Pubertät erreicht haben. Alles wirkt authentisch und lebensnah, man fühlt sich unmittelbar von den Schicksalen berührt.
Als Zain von zu Hause ausbricht ändert sich die Kulisse. Er gelangt auf einen Jahrmarkt, der mit seinen Farben und seinen Attraktionen einen starken Kontrast zur grauen Stadt darstellt. Zum ersten Mal muss Zain für niemanden außer sich selbst die Verantwortung übernehmen. Nach einem Leben voller Gewalt, Verbrechen und Verzweiflung scheint es einen kurzen Moment der Ruhe zu geben. Schnell landet man jedoch wieder auf dem Boden der Tatsachen. Auf der Suche nach etwas Essbarem lernt Zain die Äthiopierin Rahil und deren Sohn Yonas kennen. Die beiden werden für ihn bald eine Art Ersatzfamilie. Als Rahil ihre Vergangenheit einholt, ist jedoch Zain abermals auf sich allein gestellt, mit der neuen Verantwortung, sich um Yonas zu kümmern. Immer wieder wird uns vor Augen geführt, unter welch schweren Verhältnissen Zain leben muss. Es gibt keine Zeit zum Aufatmen.
Mehrmals wird ein Gefühl der Hoffnung erzeugt, das im nächsten Moment aber wieder zunichte gemacht wird. So macht sich ein grundlegendes Gefühl der Ungerechtigkeit breit. All die aufgestaute Wut bricht schließlich in Form einer Gewalttat aus Zain heraus, woraufhin er verhaftet wird. Das Gefängnis konkretisiert sich als trauriger Höhepunkt der Misere. Es gibt keine Einzelzellen. Männer und Frauen befinden sich eingepfercht hinter Gitterstäben. Es ist laut und dreckig. Auch hier werden die Verhältnisse so authentisch wie möglich dargestellt.
Unter realen Umständen mag Zains Klage gegen die Elterngeneration wie eine nicht umsetzbare Phantasie eines naiven Kindes erscheinen. Hier jedoch wird sie durch und durch plausibel, nicht zuletzt durch die Entscheidung der Regisseurin, die Rollen mit Laiendarstellern zu besetzen, die ähnliche Geschichten am eigenen Leib erfahren haben. Besonders die Kinderdarsteller rühren daher zu Tränen: Vor dem authentischen Hintergrund wirkt alles noch dramatischer und kurbelt die Empathie und das Bewusstsein für die fremden Lebensumstände an, ein Umstand, der durch die stark zum Einsatz kommenden Violinen der Filmmusik teilweise über Maßen verstärkt wird.
Während Verzweiflung und Existenzprobleme beinahe den kompletten Film beherrschen, hält das letzte Bild Trost bereit. Zain blickt frontal in eine Fotokamera und über sie direkt die Zuschauer an. Und er lächelt. Zum ersten und einzigen Mal. Am Ende ist alles fast schon zu märchenhaft, um wahr zu sein. Und wirkt dann doch allzu aufgesetzt, als bräuchte es für die Fiktion unbedingt ein Happy End. Das wirkliche Leben, und das hatte der Film mit Bravour gezeigt, ist härter. Am Ende knickt er dann doch vor seinen eigenen Träumen einer besseren Welt ein.