Skip to content

Review

Capote

Truman Capote – zwischen Genie und Monströsität

Präzise schneidet die Schere durchs Papier. Eine altmo­di­sche Schere mit gerun­deten Klingen. Exakt auf jener Linie entlang, die einen Zeitungs­ar­tikel vom nächsten trennt. Der da schneidet ist Truman Capote. Gefei­erter Schrift­steller. Selbst­ver­liebter und geist­rei­cher Mittel­punkt der New Yorker Party­szene Ende der 50er. Ein Meister der Selbst­in­sze­nie­rung. Ein häss­li­cher Para­dies­vogel mit näselnder Kastra­ten­stimme und wedelnden Händen.

Die kurze Notiz, die er so sorgsam ausschneidet, berichtet von dem spek­ta­ku­lären und sinnlosen Mord an einer Farmer­fa­milie in Kansas. Die Mörder sind noch nicht gefasst. Und Capote beschließt spontan: Das soll seine nächster Story für den »New Yorker« werden. Doch statt einer Reportage schreibt er schließ­lich ein ganzen Buch »In Cold Blood« – »Kalt­blütig« soll sein größter Erfolg werden – und das letzte Buch, dass er je beenden wird.

Regisseur Bennett Miller fokus­siert für sein Portrait auf jene sechs Jahre, die Capote brauchen wird, um den Roman zu schreiben – einen Zeitraum, den schon die Biogra­phie von Gerald Clarkes beschreibt, auf der der Film basiert. Capotes ehrgei­ziges Projekt ist, eine neue lite­ra­ri­sche Form zu begründen, mit einem Roman, der detail­ge­treu auf Tatsachen basiert. Damit wird Capote der Vater des »New Jour­na­lism«.

Doch zunächst macht er sich auf in das Kaff, in dem der Mord geschah. Ihn inter­es­siert weniger die Tat, sondern wie die Kata­strophe das Leben der Menschen verändert hat – der Verlust des unschul­digen Glaubens an die eigene Sicher­heit. Ihn begleitet seine Jugend­freundin, die Schrift­stel­lerin Nelle Harper Lee. Zum Glück, denn anfangs zeigt ihm die Provinz die kalte Schulter und »Nelle« muss die Mittels­frau spielen zwischen dem komischen Vogel aus Manhatten und den Leuten vom Land. Doch dann siegt doch die Neugier auf den berühmten Schrift­steller, und als die Täter gefasst sind, erhält Capote Zugang zu den zwei Mördern. Ein Wende­punkt: Denn für sein Buch braucht er dringend die Erin­ne­rungen der Täter – den einzigen Augen­zeugen.

Eine seltsame Szene ist dies, in der Capote sich Perry Smith, einen der Täter, nähert, der bizar­rer­weise in einem Käfig hockt, der in der Küche des Sheriffs aufgebaut ist. Tatsäch­lich gelingt dem Schrift­steller das Kunst­stück des Brücken­schlags zwischen dem gefei­erten lite­ra­ri­schen Genie und dem Outlaw. Instinkt­si­cher setzt er auf das, was sie verbindet: »Es ist, als hätten wir im selben Haus gelebt, nur dass er irgend­wann durch die Hintertür hinaus­ging und ich durch die Vordertür«, beschreibt Capote seine Beziehung zu Perry in einer späteren Szene. Zwei Außen­seiter der Gesell­schaft, zwei Menschen, die schon als Kind verlassen wurden, zwei Männer mit Talent – denn Perry ist ein begabter Zeichner. Viel­leicht nur eine Laune des Schick­sals, die sie in so unter­schied­liche Leben kata­pul­tiert hat.

Grandios gelingt es Capote-Darsteller Philip Seymour Hoffman, die Figur in der Schwebe zu halten. Stets bleibt der Zuschauer im Unge­wissen – ist es homo­ero­ti­sche Anziehung, die Capote an dem india­nischs­täm­migen Mörder faszi­niert? Oder doch nur bloßes Kalkül? »Wenn ich daran denke wie gut das Buch wir, stockt mir der Atem«, sagt er in einer Sequenz mit scho­ckie­render Offenheit – und doch will sich eine echte Aversion gegen den Schrift­steller nicht einstellen. Tatsäch­lich besorgt er den zweien einen guten Vertei­diger – doch tut er das nur, um seine Geschichte zuende erzählen zu können? Dass er die Mörder ausbeutet und belügt, um an die Story zu kommen, ist klar. Dass nicht auch andere, weniger kalt­her­zige Motive eine Rolle gespielt haben könnten, schwingt dennoch immer mit.

Letztlich siegt der lite­ra­ri­sche Ehrgeiz: Capote ist – ganz der Egoman – verzwei­felt, weil der Termin der Hinrich­tung so lange auf sich warten lässt – und vorher, soviel ist klar, wird er sein Buch nicht beenden können. Doch mit der Hinrich­tung scheint auch Capotes Schicksal besiegelt: »Kalt­blütig« wird sein letzter und zugleich sein größter Wurf. Was der Film nicht mehr erzählt: Capote entzweit sich mit Nelle, die sich mit »Wer die Nachtigal stört« lite­ra­ri­schen und cine­as­ti­schen Ruhm als Gegnerin der Todes­strafe erwirbt. Mit seinem auto­bio­gra­fi­schen Roman verprellt Capote Fans und Freunde aus der High Society. Schließ­lich stirbt er an den Folgen von Tabletten und Alko­hol­miss­bruch. Ob dies die Folge eines über­strap­zierten Gewissens war, wie der Film es nahe legt, oder Konse­quentz eines künst­le­ri­schen Selbst­aus­beu­tung, wird sich nicht mehr klären lassen.

Offen­sicht­lich ist jedoch: Mönströs sind nicht nur die Killer. Ein Monster ist auch Capote selbst. Berech­nend. Skru­pellos. Falsch. Kurzum: kalt­blütig. Und dann doch wieder in all seiner Eitelkeit charis­ma­tisch, verletz­lich, allzu mensch­lich – und letztlich uns selbst ganz unbe­hag­lich nah.