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Review

Captain Fantastic – Einmal Wildnis und zurück

I Shall Be Released

Großartiger Lehrer oder übergriffiger Vater?

I Shall Be Released

Erzie­hungs­me­thoden sind heute so zahlreich wie die indi­vi­dua­lis­ti­schen Nischen, die sich ein jeder im Glauben an das einzig Wahre in sich erkämpft hat. Die gesell­schaft­li­chen Schnitt­mengen werden dabei immer geringer. Allein der Versuch, den Geburtstag seines Kindes mit einem Film zu feiern, kann einen in den schieren Wahnsinn treiben. Mit ziem­li­cher Sicher­heit melden sich im Vorfeld zwei Drittel der Eltern der einge­la­denen Kinder und wollen wissen, um welchen Film es sich handelt. Und hat man die Katze aus dem Sack gelassen, ist Murren und Gähnen glei­cher­maßen groß. Die einen schicken ihre Kinder erst nach dem Film zum Kuchen­essen, weil ihre Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren Medi­en­verbot hatten und von da an jeder Film trau­ma­ti­sie­rend sein könnte, die anderen lachen nur müde und beklagen sich über die altba­ckene Film­aus­wahl. Aber weder über das eine noch das andere kann man sich wirklich ärgern, denn die Freiheit, keinem gesell­schaft­li­chen Kanon folgen zu müssen und die reifen Früchte der 68er-Bewegung sammeln zu dürfen, ist im Grunde unan­tastbar.

Wie weit wir mit dieser eigenen Erlösung dabei gehen können, ist uns selbst meist kaum bewusst, es sei denn, wir haben Freunde, die die Grenzen des »Normalen« über­schreiten. Oder wir sehen uns einen Film wie Captain Fantastic an. Matt Ross, der für die Regie seines Films im Rahmen von »Un Certain Regard« in Cannes (2016) den Preis für die beste Regie bekam, erzählt in Captain Fantastic die Geschichte von Ben Cash (Viggo Mortensen), der seine sechs Kinder in der Abge­schie­den­heit der Wälder des ameri­ka­ni­schen Nord­os­tens groß zieht und dabei ein beein­dru­ckendes pädago­gi­sches Spektrum abdeckt: weder werden wissen­schaft­liche Ideen wie die von Chomsky vernach­läs­sigt, noch musische Quali­täten oder ein extremes körper­li­ches Survival-Training. Diese immer wieder über­ra­schend präsen­tierte Idylle wird jedoch recht schnell in einen »Culture Clash«-Road-Movie überführt, als Ben erfährt, dass sich seine Frau umge­bracht hat; wegen bipolarer Störungen hatte sie sich aus den Wäldern verab­schiedet und in eine Klinik über­weisen lassen. Der Weg zum Begräbnis ist auch eine Reise in ein anderes Amerika; eines, das vor allem den Wert der Freiheit zunehmend dem Wert der Sicher­heit unter­ordnet. Damit scheint sich Captain Fantastic ideo­lo­gisch einem poli­ti­schen, das Gefängnis des virtu­ellen Alltags anpran­gernden Block­bus­ters wie Jason Bourne über­ra­schend anzun­ähern, doch geht Matt Ross erheblich weiter.

Denn Captain Fantastic zeichnet sich neben seinen über­ra­genden schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen vor allem dadurch aus, dass er sich bis kurz vor Ende fast jeder fixen ideo­lo­gi­schen Zuordnung entzieht. Immer wieder über­rascht der Film mit Kehrt­wen­dungen und einer Ambi­guität, die ein wenig an Maren Ades Toni Erdmann erinnert, und es wird nie ganz ausge­deutet, was Ben wirklich ist: ein großar­tiger Lehrer, der seinen Kindern das Geschenk von ewiger Neugier und Freiheit mitgibt oder ein über­grif­figer Vater, der auf Kosten seiner Frau und seinen Kindern den irren Traum einer verqueren Hippie-Moral lebt. Diese Dynamik verstärkt Ross zum Ende noch einmal, um sie mit einer viel­leicht etwas zu leicht­füßigen, einem emotio­na­li­sierten Happy End geschul­deten letzten Wendung aufzu­lösen. Aber im Grunde ist auch das stimmig, ist selbst der Kompro­miss, den Ross in seinem wunder­schönen und klugen Film andeutet, eine Über­ra­schung und nicht das Ende vom Lied: I see my light come shining / From the West unto the East / Any day now, any day now / I shall be released... (I Shall be Released, The Last Waltz-Version)