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Review

Cascadeur

In der Grund­schule hatte ich einen Freund, der konnte mit seinem Kett-Car ganz tolle Kunst­stücke aufführen. Und immer, wenn ihn seine Eltern abends im Fernsehen mal einen ameri­ka­ni­schen Krimi mit spek­ta­ku­lären Auto­ver­fol­gungs­jagden anschauen ließen, bretterte er am nächsten Tag mit dem Kett-Car auf zwei Rädern durch den Gara­genhof und fühlte sich wie der weltbeste Stuntman aus Hollywood. Ich mußte oft an diesen Freund denken, bei Cascadör.

Der Held des Filmes heißt zwei­fels­ohne Hardy Martins. Der läßt norma­ler­weise für Proleten-Serien auf RTL diverse Vehikel auf teutschen Auto­bahnen kame­ra­wirksam inein­an­der­kra­chen – denn er ist der bekann­teste Stuntman unseres herr­li­chen Heimat­landes.
Aber nebenbei träumt er auch schon immer von einem deutschen Action­film fürs Kino, und nach langen Jahren hat er es dank seiner Beharr­lich­keit geschafft, einer ganzen Armada von Geld­ge­bern DM 7 Mio. abzu­schwatzen.
Die hat er nun inves­tiert in ein Projekt, bei dem er nicht nur für die Stunts verant­wort­lich zeichnet, sondern auch für »Story« und »Regie« (Begriffe, die nicht so wirklich passen wollen ange­sichts von Cascadör), bei dem er die Haupt­rolle spielt – und bei dem er, hätte man ihn nur gelassen, wahr­schein­lich am liebsten auch noch alle anderen Rollen selbst gespielt, die Kamera bedient, die Kostüme genäht und für das Team täglich Wurst­brote geschmiert hätte.

Schade, daß von dem ganzen Geld offenbar nichts übrig­ge­blieben ist für ein Drehbuch. Was die zwei Uwes (Wilhelm & Kossmann) da aus ihren Text­ver­ar­bei­tungs­pro­grammen hervor­ge­quält haben wirkt jeden­falls wie das Ergebnis einer Feri­en­schreib­werk­statt für minder­be­gabte Erst­klässler: Tausend Versatz­stücke aus ameri­ka­ni­schen Action­filmen, wahllos gestreute Selbst­ironie, dumm­dreiste Klischees, und Dialoge, von denen man Tage später noch Bauchweh hat – alles ohne erkenn­bares Gespür für Drama­turgie und Rhythmus zusam­men­stop­selt zur glat­zen­sträu­benden Story um den Zapfen­pflü­cker (fragen sie nicht!) Vincent und die Kunst­his­to­ri­kerin Christin (Regula Grau­willer, die, so entnehmen wir begeis­tert dem Pres­se­heft, »Natur, Skifahren und Mountain-Biking« liebt und Cello spielt) auf der Jagd nach dem Bern­stein­zimmer, bei der sie auch gleich noch die Überreste von Onkel Addi samt Eva Braun und Schä­fer­hund finden.

Auf dem Niveau des Skripts gründelt der Film schlim­mer­weise auch in so ziemlich jeder anderen Hinsicht dahin. Selbst zwei Co-Regis­seusen und Hannes Nikel als Berater beim Schnitt konnten nichts mehr retten (haben aber wahr­schein­lich noch Schlim­meres verhin­dert): filmisch ist Cascadör ein Fall für die Vollkasko, unter dem die gele­gent­lich aufblit­zenden guten Ansätze sang- und klanglos verschüttet gehen.
Zu allem Überfluß schafft es Martins nicht einmal, das eine, was er unbe­zwei­felbar beherrscht, vernünftig in Szene zu setzen: ein Gutteil der Stunt-Szenen sind dermaßen konfus insze­niert und geschnitten, daß jeglicher Überblick abhanden kommt, wer hier gerade wo, wie, warum und mit welchem Gefährt was macht.

Aber das ist natürlich alles nur die Meinung eines gries­grä­migen Intel­lek­tu­ellen, der sich einbildet, gerade Genre-Kino sei nicht einfach zwangs­läufig dumm, primitiv und unüber­legt – wie die Macher des Films zu ihrer Vertei­di­gung anführen. Cascadör hat, in seiner unend­li­chen Subti­lität, freilich schon längst erkannt: »So ist das mit den Intel­lek­tu­ellen, es ist kein Verlaß auf sie.« Die Volks­seele empfindet ganz anders: Immerhin konnte der Film bei Sneak-Previews zu solch begeis­terten Kommen­taren wie (abermals Zitat Pres­se­heft) »Der lang­haa­rige Mann geht nie kaputt« hinreißen.
Vermut­lich haben da bei den Probe­vor­füh­rungen die Verant­wort­li­chen das Johlen des Publikums ob der unfrei­wil­ligen Komik des Films mit inten­diertem Unter­hal­tungs­wert verwech­selt. Viel­leicht leben sie aber auch schon unan­tastbar in ihrer eigenen, kind­li­chen Vorstel­lungs­welt, wo jeder sie so toll finden muß wie sie sich selbst. Hardy Martins jeden­falls fühlt sich im Gara­genhof der deutschen Film­land­schaft ganz offen­sicht­lich wie der König von Hollywood.