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Review

Casino

Helden und Händler

Filmszene »Casino«

Helden und Händler

Robert de Niro als Mafiosi, das ist nichts Neues. Aber de Niro im rosa­far­benen Anzug schon. Und dann Sharon Stone in ihrem besten Film, in ihrer schönsten Rolle – zwei Gründe, genug, um sich Casino anzu­schauen. Der dritte Grund ist der Regisseur, Martin Scorsese, dem hier ein weiteres Highlight seiner Karriere gelang. Der vierte Grund heißt Joe Pesci. Der spielt Nicky Santoro, einen der fiesesten, gemeinsten Mafia-Killer, den die Film­ge­schichte je gesehen hat. Er spielt ihn fantas­tisch, denn er zeigt auch diesen Widerling als Menschen. Damit sind wir beim fünften Grund.

Wenn es die Mafia nicht gäbe, dann müßte man sie erfinden. Kaum eine zweite Insti­tu­tion zeigt die Schat­ten­seiten des Kapi­ta­lismus in ähnlicher Deut­lich­keit. Die Mafia hat das freie Unter­neh­mertum auf seine Ursprünge zurück­ge­stoßen: unter der roman­ti­schen Ober­fläche des Händlers als Helden verbergen sich Macht und Gewalt­ver­hält­nisse.
Kein Wunder, daß dieser Wirt­schafts­zweig eine Film­in­dus­trie immer schon inter­es­siert hat, die nach großen roman­ti­schen Bildern und spek­ta­ku­lären Taten dürstet. In den Geschäften der Mafia läßt sich das Geschäf­te­ma­chen als solches in Bilder fassen, das Bilan­zieren von Soll und Haben, und die brutalen Konse­quenzen, die solche Abre­chungen nach sich ziehen.

Und kaum ein Regisseur hat den schönen Schein der Mafia ähnlich entmy­tho­lo­gi­siert wie Martin Scorsese. An der Ober­fläche ist der Mafiosi ein Rebell, irgendwie auch ein kleiner Robin Hood, und überdies ein Fami­li­en­vater, der seinen Clan zusam­men­hält. Oft genug sympa­thi­siert der Zuschauer mit ihm, schon weil in Hollywood am Ende doch Staat und Polizei gewinnen müssen. Diese falsche Haut zieht Scorsese der Mafia syste­ma­tisch vom Leib.
Und in keinem Film gelingt ihm das besser, als in Casino, das in den Film­helden die spießigen Händler entlarvt. Fast wie in einem Doku­men­tar­film zeigt Scorsese, wie die Spiel­höllen von Las Vegas funk­tio­nieren, und wie die Mafia ihre Gewinne sichert. Der jüdische Mafioso Sam »Ace« Rothstein (Robert De Niro) – der auf der realen Geschichte des Frank (Lefty) Rosenthal basiert – ist ein solid-gewöhn­li­cher Geschäfts­mann par excel­lence. Er setzt auf Effizienz und möchte keinen Ärger. Den bekommt er erst, als er auf die Luxus-Hure Ginger McKenna (Sharon Stone) trifft. Was hier symbo­lisch an den drei Haupt­fi­guren – der dritte ist eben Nicky Santoro, der für Rothstein die Dreck­ar­beit macht und alle »compli­ca­tions« aus dem Weg räumt – erzählt wird, ist Aufstieg und Fall der ameri­ka­ni­schen Mafia, jeden­falls ihrer roman­ti­schen Phase.

Casino zeigt eine Industrie unter Ratio­na­li­sie­rungs­zwängen, er zeigt, was sich unter den feinen Anzügen und Smokings, die auch die Mafiosis tragen, verbirgt. Er beschreibt, wie dieses System, das jahr­zehn­te­lang wie geschmiert läuft, auf einmal kolla­biert. Innere Konflikte und Wider­sprüche sind schuld, aber auch der Beginn einer Globa­li­sie­rung, die Las Vegas den großen Konzernen auslie­fert, und in ein Disney­land verwan­delt.
Mehr als alles andere ist Casino ein Hohelied auf das alte Spieler-Mekka Las Vegas, das in den 70er Jahren unter­gangen ist. Las Vegas gehört zur Mafia wie die Utopie zur Wirk­lich­keit. Dieser Ort ist der real­ge­wor­dene Traum eines Lebens jenseits der Regeln. Man kann als Bettler kommen, und als Millionär wieder gehen. Gäbe es diese Hoffnung nicht, dann hätte der Kapi­ta­lismus keinen Sinn.