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Review

Civil War

Geschossen wird durch die Kamera

Filmszene »Civil War«
Die Fotografen schießen zurück (Foto: DCM)

Geschossen wird durch die Kamera

In Alex Garlands Civil War trifft der Schrecken des Krieges auf seine mediale Darstellung – das verschiebt die ästhetischen Kategorien der Grausamkeit

Der Brite Alex Garland kann auf eine umfang­reiche Karriere zurück­bli­cken. Zunächst beginnend als Roman­autor fasste er durch Dreh­bücher zusehends Fuß in der Film­in­dus­trie. 2015 folgte dann mit dem beju­belten Ex Machina sein Debüt als Spiel­film­re­gis­seur. Seitdem folgten mehrere Projekte, sowohl für den Kino- als auch Strea­ming­markt. Seine Filme behandeln grund­sätz­lich unter­schied­liche Themen und Ästhe­tiken, bleiben dabei stets dem Genre-Film treu. Haupt­säch­lich insze­niert er Science-Fiction, zuletzt auch Folk-Horror in dem von den Kritiken regel­recht vernich­teten Men. Bereits dieser Film wurde vom ameri­ka­ni­schen Inde­pen­dent-Label A24 produ­ziert, die nun erneut mit Garland zusam­men­ar­beiten, um ihren bislang teuersten Film zu veröf­fent­li­chen: Civil War.

Dieser ist also nicht nur für den Regisseur ein wichtiger Film, kamen nach Men doch ernste Zweifel über dessen Können auf. Civil War stellt wirt­schaft­lich einen besonders inter­es­santen Punkt im zeit­genös­si­schen Kino dar. Nach den ganzen kleineren A24-Produk­tionen, die zwar große Fange­meinden und Kriti­ker­lob­ge­sänge mit sich brachten, wird jetzt ein völlig neuer finan­zi­eller Raum erschlossen. Speku­la­tionen über eine Annähe­rung an den Main­stream waren die Folge und wurden durch das Marketing des Films, das ihn als Kriegs­film mit Verweisen auf die derzei­tige poli­ti­sche Situation in den ameri­ka­ni­schen Staaten anpries, noch zusätz­lich unter­s­tützt.

Ein solcher Film ist es nun aber nur bedingt geworden.

Die inter­es­sante Heran­ge­hens­weise Garlands zeigt sich in der Wahl der Genres, die in Civil War kulmi­nieren: Kriegs­film, ja, aber nur ober­fläch­lich, ohne einen akuten Bezug zu einem realen Krieg. Science-Fiction, ja, auch, aber auch hier nicht so ganz, der Film spielt in einer nicht näher zu bestim­menden Zukunft, die unserer gleicht und nur durch einen die USA beherr­schenden Bürger­krieg gebrochen wird. Und dann – wir sind ja schließ­lich in den Staaten – das ameri­ka­nischste Genre überhaupt: Das Road-Movie.

Diese Zusam­men­set­zung lässt es bereits anklingen: Einen ganz klas­si­schen Film, der auf Nummer sicher geht, liefern mit Civil War weder Garland noch A24 ab. Der Eindruck verstärkt sich, wenn das eigent­liche Thema des Films ins Auge genommen wird: Die Foto­grafie, genauer gesagt Kriegs­fo­to­grafie, und das damit verbun­dene – man muss es so nennen – Business.

Wir folgen der Kriegs­be­richt­erstat­terin Lee (gespielt von Kirsten Dunst), die mit drei ihrer Kollegen durch das zerrüt­tete, umkämpfte Amerika zieht, um in Washington D.C. den Präsi­denten zu inter­viewen (und zu foto­gra­fieren). Das Team setzt sich neben Lee, die mit eigenen Traumata zu kämpfen hat – sie verar­beitet, was sie in ihrem Job sehen musste –, aus dem über­mü­tigen Joel, dem erfah­renen Jour­na­listen-Veteran Sammy und der jungen, noch uner­fah­renen Jessie zusammen (gespielt von Cailee Spaney, der großen Entde­ckung aus Coppolas Priscilla). Ihr Road Trip führt sie vorbei an verschieden Gefahren und Konfron­ta­tionen, lässt sie streiten, sich versöhnen und als Gruppe wachsen. Ganz so also, wie man es sich vorstellt: Das Hand­lungs­gerüst verläuft in altbe­kannten Hollywood-Gefilden, zu denen sich die Figuren gesellen. Jessie ist die Schülerin, sie wird von der Mentorin Lee trainiert und bekommt von ihr die Welt erklärt – damit wird sie zur Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur, denn sie nimmt die Welt auf dieselbe Weise wahr und entdeckt sie wie wir als Zuschauer. Jessie ist der Dreh- und Angel­punkt des Films, das neutrale Medium, das nach und nach ideo­lo­gisch geschult wird, und dadurch auch ihre umlie­genden Figuren erklärt.

So weit so gewöhn­lich, doch gar so einfach macht es uns der Film nicht. Das Setting ist nämlich unan­ge­nehm vertraut, handelt von Kriegs­schau­plätzen und ihrer Doku­men­ta­tion, wie es seit Monaten in den Nach­richten beob­achtet werden kann. Genau diese Media­lität nimmt sich Garland auch in seinem Film vor: Um den entbrannten Krieg geht es nur in zweiter Linie, im Zentrum steht der Umgang mit ihm, sowie seine Spie­ge­lung nach außen. So wird auch nie völlig klar, wer genau, warum und wozu gegen wen kämpft, eine genaue Posi­tio­nie­rung seitens des Films wird ausge­spart. Statt­dessen der Fokus auf die Kriegs­fo­to­grafen, die das Geschehen verfolgen und doku­men­tieren. Die zentrale Frage dabei ist, was dieses Prozedere denn genau zur Folge hat. Dient es tatsäch­lich der reinen (aufklä­re­ri­schen) Infor­ma­tion über das Welt­ge­schehen, oder ist es nicht schon Teil davon geworden, befeuert den Krieg, hat seine außen­ste­hende, beob­ach­tende Position aufge­geben?

Susan Sontag spricht vom Foto­grafen als Touristen. Diese Funktion haben die Jour­na­listen im Film aber längst überholt, wenn sie aktiv in Krisen­herde eingreifen, die Soldaten nicht nur begleiten sondern regel­recht unter­s­tützen, ihnen Türen öffnen oder helfen, in belagerte Gebiete einzu­bre­chen. Die Kamera wird in diesen Situa­tionen selbst zur Waffe: Die Anweisung »shoot« lässt sich auf Soldaten wie auf Foto­grafen über­tragen. Kame­ra­ob­jek­tive werden verwendet wie Ziel­fern­rohre von Scharf­schüt­zen­ge­wehren, die Aufnahme eines bren­nenden oder ster­benden Menschen wirkt wie der endgül­tige Abschluss dessen Lebens. Der tatsäch­liche Tod tritt in der Folge nur noch ein, wenn er fest­ge­halten, doku­men­tiert und verbreitet werden kann.

Der hier gezeigte – moderne – Krieg ist so gesehen auch ein ästhe­ti­scher, seine Doku­men­ta­tion verläuft nicht nüchtern und anklagend, sondern hebt ihn auf die formale Ebene. Was nicht gefilmt wird, findet so gesehen nicht statt, erst das Fest­halten, das ästhe­ti­sche Ausstellen gibt den Taten die nötige Form, um real zu werden. Der Krieg ist schon längst ein medialer, richtet sich nach den dort entste­henden Kate­go­rien, und ahmt jene nach.

Ein fast schon essay­is­ti­scher Ansatz also, der durch gele­gent­liche Verfrem­dungen wie den rockigen Sound­track oder ausge­fal­lene Kostü­ment­schei­dungen (Jesse Plemons knallrote Sonnen­brille etwa), sowie die zu Grunde liegende Holly­wood­struktur aufge­lo­ckert wird. So wirkt der Film nie erschla­gend, ist und bleibt eine Produk­tion für den Main­stream, ist sich dessen aller­dings angenehm bewusst, und genau über diese Ausrich­tung entwi­ckelt er seinen Subtext. Dieser könnte zwar gele­gent­lich konkreter sein, oder noch stärker ins Zentrum gerückt werden, es bleibt aber stets eine Freude, Garland bei seinem Spiel mit filmi­schen Erzähl­weisen beizu­wohnen.

All das macht Civil War zu seinem bis dato besten Film.