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Review

Climax

Godard auf LSD

Filmszene »Climax«
Filmäs­t­he­tisch hoch­in­ter­es­sant

Godard auf LSD

Der in Frank­reich lebende gebürtige Argen­ti­nier Gaspar Noé ist neben dem depres­siven Dänen Lars von Trier das bekann­teste Enfant terrible des zeit­genös­si­schen europäi­schen Kinos. Bereits der Kurzfilm Carne (1991) und sein erster Langfilm Menschen­feind (1998) – beide mit einem namen­losen psycho­pa­thi­schen Pfer­de­schlachter als Haupt­person – vers­törten zahl­reiche Zuschauer. 2002 legte Noé mit dem nihi­lis­ti­schen Verge­wal­ti­gungs­drama Irrever­sibel noch eine kräftige Skandal-Schippe oben drauf. 2009 schuf er mit dem hallu­zi­na­to­ri­schen Bewusstsein­s­trip Enter the Void sein bis dato bestes Werk. Doch nach der post­mor­talen Seelen­reise folgte 2015 mit Love der harte Aufschlag: Mit seinem unver­hoh­lenen Skan­dal­streben kam Noé diesmal um schlappe 40 Jahre zu spät. Denn ein Cumshot-Close-up in 3D wirkt heut­zu­tage nur noch lächer­lich.

Nun präsen­tiert sich der umtrie­bige Skan­dal­re­gis­seur mit Climax erneut in Höchst­form: Dieses Mal ist es Gaspar Noé hervor­ra­gend gelungen, seinen zwang­haften Drang zum unbe­dingten Skandal und zur ganz großen Geste so stimmig in die Handlung zu inte­grieren, dass dabei nicht wie zuletzt ein höchst pein­li­ches Machwerk, sondern große Filmkunst heraus­kommt. Der Kniff dabei ist, dass Noé genau diese frag­wür­digen zwang­haften Bestre­bungen zum inte­gralen Teil der Geschichte gemacht hat.

Und diese ist schnell erzählt: 1996 versam­meln sich die 21 Mitglieder einer ehrgei­zigen fran­zö­si­schen Tanz­gruppe am Vorabend ihrer Tournee durch die Heimat und in die USA in einem leeren Veran­stal­tungs­zen­trum, um dem Anlass entspre­chend ausge­lassen zu feiern. Bei einer faszi­nie­rend choreo­gra­fierten Probe zeigen alle, was sie in Sachen Voguing, Krumping, Waacking und Electro so drauf haben. Die ausge­las­sene Stimmung wird von Alkohol und Kokain noch zusätz­lich befeuert. Doch unver­mit­telt weicht die Ekstase einer sich immer stärker ausbrei­tenden Paranoia. Irgendwer hat LSD (oder irgendein anderes starkes Hallu­zi­nogen) in die Bowle gemischt. Die Droge lässt unter­schwel­lige Animo­sitäten immer stärker hervor­treten. Die Party wird zum Horror­trip.

Climax erhebt sich bereits inhalt­lich über einen gewöhn­li­chen Horror­reißer, indem Noé zeigt, wie die gänzlich unter­schied­li­chen Charak­tere der Tänzer und deren latente Konflikte unter­ein­ander in dieser Grenz­si­tua­tion zu jeweils komplett vonein­ander abwei­chenden Reak­tionen führen. Sprich: Climax bricht das Phänomen Massen­panik und allge­meine Eska­la­tion auf die indi­vi­du­elle Ebene herunter.

Daneben ist Climax auch filmäs­t­he­tisch hoch­in­ter­es­sant. In dem Film zeigt Gaspar Noé auf eindrucks­volle Weise, was wahre Kreative aus einem nur einsei­tigen Dreh­buch­ent­wurf und einem geringen Budget heraus­holen können. Dies beginnt bei den verblüf­fenden tänze­ri­schen Leis­tungen. Denn die meisten Darsteller sind keine ausge­bil­deten Schau­spieler, sondern einfach die besten Tänzer, die Noé für den Dreh gewinnen konnte. Dementspre­chend wird bei der anfäng­li­chen Auffüh­rung so herum­ge­zap­pelt und mit Verren­kungen expe­ri­men­tiert, dass dem Zuschauer vor Staunen die Kinnlade herun­ter­fällt.

Das wilde Treiben wird mit langen Plan­se­quenzen und virtuosen Kame­ra­schwenks von Noés Stamm­ka­me­ra­mann Benoît Debie adäquat ins Bild gesetzt. Der Belgier stand nicht nur seit Irrever­sibel bei jedem Film von Noé hinter der Kamera, sondern beispiels­weise auch bei dem visuell ähnlich berau­schenden Crime-Drama Spring Breakers von Harmony Korine. All diese Filme tragen sehr deutlich seine Hand­schrift.

In Climax tritt zudem ein unver­mu­teter künst­le­ri­scher Einfluss von Noé so deutlich zutage wie selten zuvor: Sehr viel verdankt der argen­ti­ni­sche Skan­dal­re­gis­seur und Wahl­fran­zose dem gebür­tigen Schweizer und einstigen Wahl­fran­zosen Jean-Luc Godard:

Den Anfang machen Video­auf­zeich­nungen von Tänzer­inter­views. Zu sehen ist ein Fernseher, neben dem links wichtige Werke der Welt­li­te­ratur und rechts Video­kas­setten berüch­tigter Skan­dal­filme liegen. Eine ähnlich aufdring­liche Darstel­lung seiner intel­lek­tu­ellen Refe­renzen zeigt auch Godard in Filmen wie Die Chinesin. Aller­dings wirkt die Auswahl an Literatur in Climax weit weniger passend als die der Filme. Damit entlarvt sich Noé ungewollt selbst als ein zutiefst narziss­ti­scher Selbst­dar­steller.

An Godard erinnert ebenfalls deutlich die aufdring­liche Zurschau­stel­lung der fran­zö­si­schen Flagge sowie die offensive Kampf­an­sage an die USA: »Dieser Film ist stolz darauf, ein fran­zö­si­scher Film zu sein.« Hinzu kommt auf inhalt­li­cher Ebene die Tatsache, dass die Tänzer in den Verei­nigten Staaten unbedingt beweisen wollen, dass sie mehr als die Amis drauf­haben. Die Farben der Trikolore ziehen sich bei Godard beispiels­weise durch den gesamten Film Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß. Dort gibt es zudem eine Szene, in der ein Ameri­kaner auf unver­blümte Weise lächer­lich gemacht wird. Auch die aufdring­liche Einblen­dung prägnanter Mottos in Form poppiger Zwischen­titel geht auf Godard zurück. Sogar die Eska­la­tion einer gewöhn­li­chen Alltags­si­tua­tion hin zu einem infer­na­li­schen Exzess findet sich in Godards Weekend. Alle diese drei sehr unter­schied­li­chen Nouvelle-Vague-Filme stammen übrigens aus dem Jahr 1967.

Dies verdeut­licht, über was für eine über­bor­dende Krea­ti­vität Godard auf dem Höhepunkt seines Schaffens verfügte. Wenn man bedenkt, dass sich Gaspar Noé nur alle Jubel­jahre einen neuen Spielfilm abringt, ist ganz klar, wer von beiden der größere Filme­ma­cher ist. Aber dieser Vergleich ist wahr­schein­lich auch etwas ungerecht, obwohl Noé ihn ganz bewusst provo­ziert. Für sich genommen ist Climax ein ausge­zeich­netes Werk der Filmkunst, in dem der Argen­ti­nier alle seine Stärken voll ausspielt.