Review
Club Zero
Schule der Achtsamkeit
Schule der Achtsamkeit
Jessica Hausner hinterfragt in ihrem dystopisch-realistischen Essstörungsfilm mal souverän, dann wieder ein wenig vorhersehbar, aber ästhethisch überragend unsere influencer-geprägte Gegenwart
Der Kaspar, der war kerngesund,
Ein dicker Bub und kugelrund,
Er hatte Backen roth und frisch;
Die Suppe aß er hübsch bei Tisch.
Doch einmal fing er an zu schrei’n:
»Ich esse keine Suppe! Nein!
Ich esse meine Suppe nicht!
Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!«
– Die Geschichte vom Suppen-Kaspar; in: Der Struwwelpeter v. Heinrich Hoffmann
Die Idee, über den eigenen Körper Identitätsbildung zu betreiben, und sei es mit autoaggressivem Impetus, ist nicht neu; dafür reicht ein Blick in Heinrich Hoffmanns auch heute noch allzu lehrreiche Darreichung zur schwarzen Pädagogik. Was damals die Schule der schwarzen Pädagogik war, ist heute mehr und mehr die neue Schule der Achtsamkeit. Seien es die Heilsversprechen ganzheitlicher Yoga-Schulen oder fundamentalistischer Ernährungsleitlinien wie die Makrobiotik – um völlig wahllos, also aus rein privater Betroffenheit, nur zwei von vielen Möglichkeiten herauszugreifen –, am Ende steht immer die Drohgebärde, dass der Mensch verliert, sollte er nicht gewinnen wollen.
Jessica Hausner, die österreichische Filmemacherin, deren Filme (Lourdes, Amour Fou, Little Joe – Glück ist ein Geschäft) regelmäßig Einladungen auf die großen Festivals der Welt erhalten haben, nimmt sich dieser heute in unzählige soziale Blasen aufgespaltenen Entwicklung an und fokussiert wie Hoffmann vor bald 200 Jahren auf das Essverhalten.
Dafür entwirft sie einen kompakten, kurzfilmartigen Plot, der eine elitäre, höhere Schule für reiche Jugendliche beschreibt, deren Eltern darauf vertrauen, dass die Schule die erzieherischen Notwendigkeiten übernimmt, für die sie selbst keine Zeit haben. Diese Tendenz findet sich heute in fast jedem Kindergarten und in jeder Schule, also trifft Hausner allein damit schon einen sehr wehen Nerv unserer Zeit.
Doch wer anderen das Feld der Erziehung überlässt, muss mit den Folgen im eigenen Haus leben, wie unangenehm sie auch seien. Diese Folgen entwickelt Hausner, wenn auch nicht subtil, so doch sehr langsam, denn die von Mia Wasikowska großartig verkörperte Miss Novak ist neu an der Schule und es braucht Zeit, bis sie ihre pädagogische Raffinesse in Bezug auf das Essverhalten ganz entfalten kann.
Diese Zeit nutzt Hausner, um die familiären Hintergründe der jugendlichen Gruppe, die Miss Novak zu folgen beginnt, näher zu beschreiben und auch das Prinzip Guru, das sich seit über 50 Jahren kaum geändert hat und das schon Eric Burdon in seinem Klassiker Year of the Guru (1968) so schwarzhumorig wie Hausner dechriffierte, einzuführen.
Vor allem dieser süffisante, schwarze Humor macht Spaß, ist der Thematik angemessen, um nicht gleich einen dogmatischen Gegenwind zu entfachen. Und Hausner gelingt es auch, durch ein steriles, artifizielles Kostüm- und Szenenbild, dessen grünliche Farbschemata so anziehend wie abstoßend sind, der Thematik die notwendigen Ambivalenzen zu verleihen. Das erinnert ein wenig an Kubricks Uhrwerk Orange, aber mehr noch an die große »Ess-Dystopie« in Soylent Green, einer ebenfalls an Überoptimierungsanforderungen leidenden Gesellschaft der Zukunft im Jahr 2022, die ihre moralischen Grenzen fast ebenso unmerklich überschreitet wie jene in Hausners Film.
Man kann zwar darüber streiten, ob es sich Hausner etwa bei der dann doch recht stereotypen Darstellung der Elternhäuser nicht ein wenig zu einfach macht, ein Erzählstrang, der dann auch unaufgelöst im Nichts versandet. Und auch die Moral der Geschichte ist so wenig überraschend wie die Entwicklung des Plots. Von Anfang ist vorhersehbar, was passiert und auch wie es passiert, was den dann doch eher negativen Kritikerspiegel bei der Premiere im Wettbewerb von Cannes erklären dürfte.
Aber Hausners Film besticht dann letztlich mehr als er enttäuscht, weil er mit einem eindrücklichen Ensemble, so lasziven wie klugen Dialogen und eindrücklichen Szenen – allein die Kotz- und »Nahrungszuführungsszenen« sind den Film schon wert – konzentriert neue Körperkonzepte und das heute ja schon fast selbstverständliche Influencer-Verhalten souverän demaskiert und gerade auch ästhetisch souverän und unbeirrt seinen Weg geht.