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Review

Coco – Lebendiger als das Leben

Die Vergangenheit ist ein mieser Betrüger

Besuch bei den lebenden Toten

Die Vergangenheit ist ein mieser Betrüger

»Take care of all your memories« said my friend, Mick »For you cannot relive them«. -Bob Dylan, Open the Door, Homer

»Aber plötzlich war es, als stammelte eine Leucht­schrift von Blitzen Nach­richten in die wilde Land­schaft hinaus, und sie erkannten die erstarrten, schwarz­weißen Gestalten. Und während sie auf den Donner warteten, hörten sie auch ihr leises Weinen und Klagen, das der Wind zu ihnen herüber­trug. Der Singsang an den Gräbern ihrer Lieben, ihre Gebete und ihr leises Gitar­ren­spiel klangen ihren Ohren wie gespens­ti­sches Geklingel, wie wind­ver­wehtes Glocken­läuten...« -Malcom Lowry, Unter dem Vulkan

So ganz traut Disney seinem eigenen Sub-Studio Pixar dann wohl doch nicht. Denn statt der üblichen maximalen sieben Minuten Vorfilm, die in den letzten Jahren vor jedem neuen Pixar-Film als Dreingabe inklu­diert waren, gibt es dieses Mal gleich 21 Minuten. Und nicht eine Geschichte aus dem Hause Pixar, sondern ein Spin-Off des bislang erfolg­reichsten Anima­ti­ons­films aller Zeiten, des Disney-Klas­si­kers Die Eiskö­nigin – wird geboten. Keine Frage, da muss etwas nicht stimmen, wenn derartig vorge­glüht wird und das Prinzip, dass gut geschmalzt bekannt­lich besser hält, in diesem Ausmaß angewandt wird.

Und es ist tatsäch­lich schade, dass Disney sich zu diesem radikalen »Entschärfer« hat hinreißen lassen, denn Coco – Leben­diger als das Leben ist nach WALL·E, Oben und Alles steht Kopf der viel­leicht ambi­tio­nier­teste und riskan­teste Film aus dem Hause Pixar. Zwar bietet Pixar wie üblich ausrei­chend Möglich­keiten für perfektes iden­ti­fi­ka­to­ri­sches »Sehen« aller Alters­gruppen, wird auch in Coco ein kultu­reller Raum – in diesem Fall Mexiko – liebevoll und mit akri­bi­scher Ethno­grafie erschlossen. Doch unter der Regie von Lee Unkirch entscheidet sich Pixar dieses Mal für ein zentrales Thema, das zwar bereits in Oben eindrucks­voll ange­rissen wurde, in Coco aber nun völlig ausge­reizt wird und in unserer nach ewiger Jugend stre­benden Gesell­schaft tabui­sierter nicht sein könnte: Alter und Tod.

Um diese Thematik kinder­taug­lich zu trans­for­mieren begibt sich Coco in die Feier­lich­keiten des »Día de Muertos«, den in Mexiko vom 31. Oktober bis 2. November gefei­erten »Tag der Toten«. An diesem Tag, an dem es in Mexiko nicht nur um die Toten, sondern auch um Musik geht, stellt sich der 12-jährige Miguel dem großen Trauma seiner Familie entgegen, das völlig undenk­bare Verhalten seines Ur-Ur-Großva­ters, der Frau und Kind für die Musik verlassen hatte. Seitdem ist nicht nur die Erin­ne­rung an Miguels Ur-Ur-Großvater tabu, sondern auch jegliche Art von Musik. Doch in seinem wilden Aufbe­gehren, »sein« Leben leben zu wollen und die Fami­li­en­ge­schichte hinter sich zu lassen, gelingt es Miguel auch, die Schwelle zum Reich der Toten zu über­winden und zu erkennen, dass Erin­ne­rung tatsäch­lich mehr als nur ein Wort, mehr als ein folk­lo­ris­ti­sches Fest ist und vor allem histo­ri­sche Wahr­heiten es verdient haben, immer wieder neu hinter­fragt zu werden.

Über diese immer wieder über­ra­schende und furios verschach­telte Geschichte gelingt es Coco nicht nur die Tragik gene­ra­ti­ons­über­grei­fender Traumata spie­le­risch und spannend zu erschließen – ohne dabei den Ernst der Sache zu verraten – sondern auch die schwer zu begrei­fende Tatsache mensch­li­cher Vergäng­lich­keit greifbar zu machen. Zwar wird dann und wann ein wenig zu stark der folk­lo­ris­ti­sche Tusche­kasten bedient, werden Grautöne dezidiert ausge­spart und haben gerade die für den Film geschrie­benen Songs, die gleich­be­rech­tigt neben tradi­tio­nellem, mexi­ka­ni­schem Liedgut stehen, grenz­wer­tiges Kitsch­po­ten­zial, vor allem in ihrem allzu eindeu­tigen Bemühen, über den Ernst des (Ab-) Lebens hinweg­trösten zu sollen. Doch da Coco gleich­zeitig die gefähr­liche Falle reli­giöser Verbrä­mung tadellos umschifft und dann ja auch so etwas wie ein poli­ti­sches Statement gegen Trump ist, in dem Mexiko einmal nicht durch eine Mauer abge­schottet werden soll, sondern in seiner kultu­rellen Einzig­ar­tig­keit umarmt wird, soll das nur Randnotiz bleiben.

Viel mehr sei deshalb die Betonung darauf gelegt, dass Pixar erneut ein wirk­li­cher »Fami­li­en­film« geglückt ist. Nicht nur, weil er Grund­schüler und Alten­heim­be­wohner glei­cher­maßen verblüffen sollte, sondern vor allem, weil er zwischen den Gene­ra­tionen, die sich den Film gemeinsam ansehen, also Eltern und Kindern und Groß­el­tern und Urgroß­el­tern einen Dialog über das Sterben und den Tod anregen dürfte; werden die Kinder allemal verun­si­chernde, knis­ternde, schwer zu beant­wor­tende Fragen stellen, ganz egal wie sehr sie im Vorfeld durch Die Eiskö­nigig – Olaf Taut Auf sediert worden sein sollten.