Review
Cold War – Der Breitengrad der Liebe
Bipolare Liebe
Bipolare Liebe
Zwei unzerstörbar Liebende, die sich aufgrund widriger äußerer wie innerer Umstände nicht kriegen können: Davon wird schon so lange erzählt, wie es Geschichten gibt.
In Pawel Pawlikowskis neuem Film Cold War geht es um zwei »Königskinder«, Wiktor und Zula, die sich im kommunistischen Nachkriegs-Polen kennenlernen. Er leitet eine Folkloregruppe und sucht auf dem Land nach Talenten, sie ist eine charismatische junge Sängerin, die nach ihrem Glück sucht. Sie verlieben sich ineinander, werden jedoch bald wieder getrennt: Wiktor widersetzt sich der Instrumentalisierung seiner Truppe durch den Stalinismus, Zula folgt ihm trotz des gemeinsamen Fluchtplans nicht in den Westen. Es folgt eine über 15 Jahre dauernde Liebes-Odyssee, über die politischen Systeme und persönlichen Eitelkeiten hinweg, die quasi unmöglich und letztendlich unauflöslich bleibt.
Nicht jedoch um das »Was« geht es Pawlikowski so sehr, sondern vor allem um das »Wie«, betrachtet man die durchdachte Komposition seines Films. Sein Film besitzt eine formale und narrative Strenge, die, unerwartet antithetisch, dem Zuschauer eine große Freiheit ermöglicht. Pawlikowski schreibt keine Emotionen vor und erschlägt seine Geschichte nicht etwa mit Pathos und Überwältigungsdramaturgie. Vielmehr lässt er seinen Figuren und den Bildern von Łukasz Żal konzentrierten Raum.
Den visuellen Stil – 4:3, Schwarzweiß – etablierte der Regisseur gemeinsam mit seinem Kameramann in Ida (2013), seinem ersten nach langjähriger Abwesenheit in Polen realisierten Film. In Cold War erscheinen die Bilder jedoch ungleich kontrastreicher, lange und klar kadrierte Einstellungen werden von elegischen Kamerabewegungen abgelöst. Die Ästhetik spiegelt die Nüchternheit des Kalten Kriegs wider, aber auch die Melancholie einer vergeblichen Liebesgeschichte. Man spürt analogen Film statt der in Wirklichkeit benutzten Digitaltechnik. Gerade im jazzenden und swingenden Paris der 50er Jahre zitiert die Kamera zudem eine Bildtradition von der Nouvelle Vague bis hin zu Fotografen wie Brassaï.
Die handlungstragenden Musikdarbietungen markieren Veränderungen in Zeit und Raum, führen Wiktor und Zula als Kollaborateure in Ost und West zusammen, werden zugleich Ausdruck ihres immer stärker werdenden Zerwürfnisses. Unschuldige Volkslieder bekommen plötzlich politischen Charakter, werden abgelöst von gebrochenen Jazzrhythmen, die die in der Freiheit aufkommenden Liebes-Dissonanzen hörbar werden lassen, die Musik veräußerlicht das Innenleben der Figuren.
Bild- und Tonebene sind also nicht nur schöner Selbstzweck, sondern unterstreichen die zwei Pole der Geschichte sowie der unterschiedlichen Weltentwürfe und emotionalen Gefasstheiten. Exzess und Nüchternheit, Freiheit und Restriktion stehen stellvertretend für die sich gegenüberstehenden politischen Systeme. Man kann diesen entfliehen, jedoch nur schwer der Gefangenschaft von inneren Mechanismen, wie es sich im zerstörerischen Zusammenleben der Figuren in der »Freien Welt« zeigt. Spätestens dann findet der Kalte Krieg tatsächlich zwischen den Liebenden statt. Die reduzierte Erzählform wirkt umso mehr wie ein Brennglas für ihre Konflikte und betont die Widersprüchlichkeit ihrer Liebe.
Pawlikowski und seinem Co-Autor Janusz Głowacki gelingt es so trotz aller Subtilität, eine Verbundenheit zu den Figuren aufzubauen, die man bereitwillig auf ihrem merkwürdig unerfüllt-erfüllt bleibenden Weg durch die Jahre begleitet. Am Schluss jedoch wird die Strenge der Erzählung zum Selbstzweck, als gäbe es nun keinen anderen Ausweg mehr aus dem Drehbuch. Nicht die autonomen Figuren wählen sich hier den Schlusspunkt, sondern ein von den Autoren diktierter Fatalismus. Lieber wäre man den Figuren weiter gefolgt, denn auf diesen Wanderern zwischen den Welten gründet Cold War seine Faszination.