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Review

Colette

Außen Frau, innen Frau, ganz Frau!

Auf dem Weg zu einem neuen Menschen

Außen Frau, innen Frau, ganz Frau!

Viel­leicht mag es ein wenig verfrüht klingen, schon jetzt von der Post-#MeToo-Ära zu sprechen, doch da die Film­in­dus­trie gesell­schaft­liche Entwick­lungen oft schneller verar­beitet als der gemeine Mensch, befinden wir uns viel­leicht nicht gefühlt, aber tatsäch­lich bereits im Übergang von einer Phase des Wider­stands und der Analyse zu so etwas wie einer Neupo­si­tio­nie­rung, die mit einer Reihe von Filmen einen Sog entwi­ckelt, der fast unwi­der­steh­lich ist. Am charak­te­ris­tischsten an dieser Filmwelle ist viel­leicht die Neuschrei­bung von Geschichte, die Auto­rInnen in einem völlig neuen Licht bewertet und #MeToo gewis­ser­maßen um ein paar Jahr­hun­derte oder auch nur Jahr­zehnte vorda­tiert. Ich denke hier an schon in den Kinos laufende oder in Kürze startende Biobics wie Haifaa Al Mansours ein wenig zu konven­tio­nelles Porträt über die Autorin von »Fran­ken­stein«, Mary Shelley, oder Marielle Hellers großar­tige Suche nach der erfolg­losen Autorin Lee Israel in CAN YOU EVER FORGIVE ME.

Auch Wash West­mo­re­lands viel­schich­tiges Biopic Colette über die fran­zö­si­sche Autorin, Varie­tékünst­lerin und Jour­na­listin Sidonie-Gabrielle Colette (1873-1954) bewegt sich in diesem Fahr­wasser. Idea­ler­weise läuft West­mo­re­lands Film zeit­gleich mit einem der wenigen fiktiven Filme – also ohne biogra­fi­sche Elemente zur Erhärtung der neuen histo­ri­schen Posi­tio­nie­rung – an. Obwohl ein halbes Jahr­hun­dert vor Björn Runges anlau­fender Meg Wolitzer-Verfil­mung Die Frau des Nobel­preis­trä­gers spielend, werden in beiden Filmen sehr ähnliche Geschichten erzählt. Was im Grunde nicht weiter über­rascht, finden sich doch auch noch heute, weitere 50 Jahre später nicht auszu­mer­zende Gender­s­te­reo­typen in fast allen Lebens­lagen. Erstaun­lich dabei ist vielmehr, dass es in West­mo­re­lands Colette der Autorin, die wie in Runges Film ebenfalls für ihren Mann im Geheimen die Bücher schreibt, tatsäch­lich gelingt, sich zu eman­zi­pieren. Und das nicht nur lite­ra­risch, sondern auch auf Bezie­hungs- und sexueller Ebene.

Anders als Runge, der sich im Kern für ein verdich­tetes Kammer­spiel entscheidet, bettet West­mo­re­land sein Coming-of-Age einer Autorin aller­dings in weitaus größere gesell­schaft­liche Bezüge ein. Wir sehen nicht nur Colette und ihren klein­bür­ger­li­chen, länd­li­chen Hinter­grund, sondern werden auch Zeuge des neu anbre­chenden Jahr­hun­derts und seines Verspre­chens neuer gesell­schaft­li­cher Utopien. Zwar heiratet Colette (Keira Knightley) noch ganz konform den viel älteren Schrift­steller Henry (Dominic West), doch als Gattin eines Autors – und schnell auch Co-Autorin – sozia­li­siert das Leben der Pariser Bohème auch Colette rasch zu einem neuen Menschen. Erst fügsam, eman­zi­piert sie sich nicht nur über das Schreiben, sondern auch den Tanz und schließ­lich auch über Bezie­hungen, die das klas­si­sche Mann-Frau-Bindungs­muster hinter sich lassen.

West­mo­re­land verfällt dabei jedoch nie propa­gan­dis­ti­scher Weich­zeich­nerei. Statt­dessen wandelt West­mo­re­lands Colette auf einem ähnlich schmalen Grat zwischen Sieg und Nieder­lage, Stärke und Schwäche, Selbst­be­wusst­sein und Selbst­zweifel wie die Prot­ago­nistin seines letzten Films Still Alice (2014). Und ähnlich ambi­va­lent und komplex wie damals Julianne Moore in Still Alice darf auch Keira Knightley ihre Rolle inter­pre­tieren und wird damit wohl auch am ehesten der histo­ri­schen Vorlage gerecht.

Ähnlich diffe­ren­ziert – und das ist viel­leicht die eigent­liche Stärke an West­mo­re­lands Colette – wird auch der histo­ri­sche Komplex behandelt, wird doch schnell deutlich, dass jedem Öffnen der Gesell­schaft für Neue­rungen ein Schließen folgt und es damit gar nicht mehr so erstaun­lich ist, dass das, was Colette möglich war, Runges Heldin in Die Frau des Nobel­preis­trä­gers verwehrt bleibt.