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Review

Comandante

»A Hell of an Actor«

Máximo Líder und Mr. Stone

»A Hell of an Actor«

Der Wolf ist alt geworden. Flecken auf den Händen, Falten im Gesicht, so tief, dass sie auch der fusselige Gueril­la­bart nicht mehr verbirgt. »Weil ich mich nicht rasiert habe, habe ich Monate Lebens­zeit gewonnen«, witzelt der Coman­dante. Fidel Castro ist ein alter Mann, aber ans Abdanken denkt er noch lange nicht. 20 Jahre könnten es schon noch werden, so lässt er durch­bli­cken.

Der kuba­ni­sche Revo­lu­ti­ons­führer hat Oliver Stone Audienz gewährt. Dass Fidel jederzeit das Recht hatte »cut!« zu rufen, um die Sequenz noch einmal neu drehen zu lassen, war der Deal. »Er hat nicht ein einziges mal einge­griffen«, sagt Stone.

Dafür hat der Regisseur wie erwartet um so eifriger geschnip­pelt: Unruhig zappelt die Kamera zwischen Gesicht und Händen des Diktators. Die Aufnahmen werden mit kuba­ni­schen Straßen­szenen und Doku­ma­te­rial gemix. Ein Atompilz steigt zum Himmel, Che Guevara liegt aufge­bahrt und Evita Peron schenkt ein wehmü­tiges Lächeln her. Wüste Bilder­or­gien, untermalt von nicht weniger turbu­lenten Tonse­quenzen, Spanisch und Englisch über­la­gern sich, wechseln mit kuba­ni­schen Rhythmen.

Daraus entsteht ein unter­halt­sames Treffen der Giganten, bei dem sich einer im Ruhm des anderen sonnt. In der 90-minütigen Essenz der Gespräche feuert der Regisseur heikle Fragen auf den Coman­dante ab: Wie war das mit der Schwei­ne­bucht, der Kubakrise, hat Fidel wirklich Russland aufge­for­dert, Atom­bomben auf Amerika zu feuern? State­ments wie, auf Kuba habe es nie Folter gegeben, lässt der Filme­ma­cher Castro wider­spruchslos durch­gehen. Fragen nach seinen Lieb­schaften weicht der Alte ohnehin aus, ja, die Namen der ein oder anderen Dame seien ihm bekannt. Ein Gentleman genießt und schweigt. Im übrigen dürften Brigitte Bardot und Sophia Loren ihn zu ihrer Fange­meinde zählen.

Statt­dessen philo­so­phiert er um so offen­her­ziger über Leben und Tod. Dass er ein Diktator ist, gibt er offen zu. Aber einer, der Sklave seines Volkes sei. »Dies ist meine Zelle«, sagt Fidel und durch­misst sein Büro mit langen Schritten von einer Wand zur anderen. Tatsäch­lich hat Castro einiges erreicht für die Kubaner, mehr, als in manch anderem soge­nannter Demo­kratie geboten wird: ein funk­tio­nie­rendes Gesund­heits­wesen, genug zu Essen für alle und vor allem Schul­bil­dung. »Bei uns haben sogar die Huren Abitur«, sagt er und meint das völlig ernst. Tatsäch­lich erfreut sich der alte Gueril­lero großer Sympa­thien vor allem bei den jungen Menschen. Wo immer er auftaucht, wird er wie ein Popstar bejubelt. Mehr als 70 Prozent der jungen Menschen stehen hinter ihm.

Der Coman­dante vertraut darauf, dass die Jugend den Geist der Revo­lu­tion weiter­trägt, wenn er einmal nicht mehr ist. Doch Castro steht in der Tradition der Máximo Líder, der charis­ma­ti­schen Führer­per­sön­lich­keiten Südame­rikas. Es gibt keinen, der seinen Platz ausfüllen könnte. Der Traum von Cuba als letzter sozia­lis­ti­scher Enklave auf dem südame­ri­ka­ni­schen Kontinent wird mit seinem Tod zuende sein. Auch Stone erliegt dem Charme von Macht und Charisma. Und so kippt das persön­liche Porträt immer wieder zur unkri­ti­schen Hommage.

In der anschließenden Diskus­sion bringt Stone die Quint­es­senz des Films noch einmal auf den Punkt: »He is a hell of an actor«, sagt der Regisseur über seinen Star. Und genau das ist es, was der Film letzt­end­lich zeigt: Die grandiose Vorstel­lung eines charis­ma­ti­schen Polit­mimen.