Review
Come on, Come on
Sprache als Spatenstich
Sprache als Spatenstich
Der Meister des autofiktionalen US-Independent-Kinos überzeugt mit Come on, Come on erneut auf allen Ebenen – derartig kluges und zärtliches Kino gibt es viel zu selten
»Ich will nicht, dass mir jemand zu nahe kommt, ich will nicht, dass mich jemand sieht, und so ist es dann auch gekommen: Niemand kommt mir nahe und niemand sieht mich.«
― Karl Ove Knausgård, Min kamp. Første bok.
Man könnte fast glauben, dass die gegenwärtige Welle autofiktionalen Erzählens im Film etwas Neues ist. Doch das liegt höchstens an der dicht getakteten Frequenz der letzten Zeit, denkt man etwa an die Höhepunkte, an Nadav Lapids Aheds Knie, Paul Thomas Andersons Licorice Pizza, Paulo Sorrentinos Die Hand Gottes, Steve McQueens Small Axe, Édouard Bergeons Das Land meines Vaters oder Janna Ji Wonders Walchensee Forever.
Aber schon lange vor dieser Welle hat Mike Mills mit seinen beiden Filmen Beginners (2010) und Jahrhundertfrauen (2016) bahnbrechende Grundlagenarbeit geleistet, indem er die Biografien seiner Eltern kongenial mit seinem eigenen Leben und gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen verknüpfte. Mit Come on, come on schafft Mills nun so etwas wie ein filmisches Triptychon, denn dieses Mal ging die Inspiration nicht von seinen Eltern, sondern von seinem eigenen Sohn und den Badewannengesprächen mit ihm aus.
Mills' Alter Ego in Come on, come on ist der Radioreporter Johnny, den Joaquin Phoenix so dezidiert neugierig und gleichzeitig verschlossen spielt wie den Privatdetektiv in Paul Thomas Anderson Inherent Vice. Denn so verletzt und verschlossen er durch seine letzte Liebesbeziehung, den Tod der Mutter und die ins Stocken geratene Beziehung zu seiner Schwester Viv (Gaby Hoffman) ist, so sehr öffnet er sich der äußeren Welt, bereist mit seinem Team die USA, um Kinder für seine Radioessays nach ihren Lebensbedingungen und Wünschen für die Zukunft zu befragen. Erst als seine Schwester ihn bittet, auf ihren 9-jährigen Sohn Jesse (Woody Norman) aufzupassen, weil sie sich um ihren bipolaren, von ihr getrennt lebenden Mann kümmern muss, beginnt Johnny sich auch im Privaten wieder zu öffnen.
Diese Entwicklung, die Mills hier so zärtlich wie poetisch zeichnet, ist die vielleicht schönste Charakterstudie zwischen einem Erwachsenen und einem Kind seit Wim Wenders' Alice in den Städten, als die neunjährige Alice (Yella Rottländer) dem Journalisten Philip Winter (Rüdiger Vogler) die Augen für die Welt öffnete. So wie Robby Müllers Kamera damals die Widersprüche zwischen Städten wie New York und Wuppertal in kristallklarem, konzentriertem Schwarz-Weiß fixiert hat, so fixiert in Mills' Film Robby Ryan, der bereits in so großartigen Filmen wie American Honey, Sorry We Missed You und Marriage Story mit seiner so dokumentarischen wie lyrischen Kamera auffiel, die sozialen Widersprüche der USA und die Zerrissenheit ihrer Menschen, ihrer Hoffnungen und Verluste. Und das ebenfalls in einem Schwarz-Weiß, das den Fokus auf die Interaktion, auf die Menschen richtet.
Die Kamera geht dabei mit Mills' Plot und Regie eine fast schon unglaubliche Synthese ein. Selbst die vorgelesenen Zitate aus feministischer und soziologischer Gegenwartsliteratur werden von Robby Ryans Kamera derartig intensiv und kreativ umkreist, dass der Inhalt der Textstellen sich in den fotografierten Momenten zu konturieren beginnt und zu etwas ganz Neuem wird – großer Kunst. Denn das, was die Kamera macht, entsteht auch auf der narrativen Ebene, entsteht über die sich herausbildenden Beziehung zwischen Johnny und Jesse etwas Neues für beide, ist gewissermaßen das Private der Beziehung das Versuchsfeld, um sich im Umgang mit anderen Menschen (und der Welt) emanzipieren zu können und wirklich souverän, unabhängig zu werden.
Wie in Karl Ove Knausgards Hauptwerk steht auch hier die gesprochene Sprache im Zentrum, sie ist wie ein Spaten, mit dem die Wahrheit ausgehoben und gestochen wird, denn nur im Aufreißen der Erde und im immer tiefer Buddeln dringt man in unberührte und »wahrhaftige« Schichten vor, so wie mit totaler Transparenz und Ehrlichkeit zu neuen, aufrechten Beziehungen, nicht nur im eigenen Umfeld, sondern auch in der Beziehung zu sich selbst. Mills gelingen hier wunderbare Erkundungen, denn gnadenlos offen sprechen die Kinder hier über Tod, Leben, Familie, Liebe und Ängste, also basalste Themen, und verändern damit auch den erwachsenen Blick, wird durch das stetige Wechseln zwischen Mikro- und Makro-Ebene ― der privaten Beziehung zwischen Johnny und Jesse und den gesamtgesellschaftlichen Interview-Sequenzen ― auch deutlich, wie eine wirkliche emanzipierte Beziehung zwischen Eltern und Kindern aussehen könnte. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen, aber auch das Eingeständnis, dass nicht immer alles geht, dass es tagesformabhängige Tiefs geben muss, in dem das Kind den Erwachsenen genauso nervt wie der Erwachsene das Kind.
Es ist diese Ehrlichkeit, dieses Eingeständnis von Schwäche, diese so radikale wie empathische Suche nach Wahrheit und Identität – auch auf nationaler Ebene –, die Mills' Film zu einem so großartigen Erlebnis macht.
Dies liegt aber nicht nur an Mills' fantastischem Drehbuch und seiner Regie und der großartigen Kamera von Robby Ryan, sondern auch an den Schauspielern. Wer hier Woody Norman als Jesse zusieht, wie er sich Johnny nähert, wird Céline Sciammas Petite Maman mit einer neuen Sehnsucht sehen, was hätte sein können. Und wer Gaby Hoffman (die ja schon in Transparent Identitätsschwerstarbeit vom Feinsten leistete) hier zusieht, wie sie sich mit Joaquin Phoenix zu einer neuen Beziehung hinarbeitet und Joaquin Phoenix mit Jesse zu einem anderen Menschen wird, der hat das Gefühl, hier nicht Schauspielern in einem Film, sondern Menschen im Leben zuzusehen; Menschen, denen man wie in Sarah Polleys Stories We Tell am liebsten selbst begegnen möchte, um mit ihnen das eigene Leben zu leben und sich mit ihnen und durch sie zu verändern. Aber zum Glück ist das nicht notwendig, denn dafür gibt es ja Mike Mills' Film.