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Review

Crimes of the Future

Körperunterwelten

Immer noch neuere Organe (Foto: Weltkino Filmverleih)

Körperunterwelten

Was David Cronenberg mit Crimes of the Future auf das Publikum niedersausen lässt, ist ein Spektakel, das an die Organe geht. Sofort einordnen muss man das alles nicht

Man denkt, es ist klar, worauf man sich einlässt. Wenn Cronen­berg drauf­steht, wird auch Cronen­berg drin sein. Und wenn es wie bei Crimes of the Future um die Rückkehr zu den blutigen Body-Horror-Wurzeln von Die Brut und Die Fliege geht, dann scheint die Amour fou zwischen Mensch und Technik, die in psycho­sexu­ellem Gemansche gipfelt, schon program­miert. Doch trotzdem lassen einen schon die ersten Minuten ratlos zurück. Da mampft ein Kind einen Plas­tik­mül­l­eimer und wird von der Mutter mit einem Kissen erstickt. In der nächsten Szene erwacht Viggo Mortensen in einem riesigen Apparat, der aussieht wie eine Walnuss aus Fleisch, und erklärt Léa Seydoux, dass dieses Bett eine neue Software brauche. Will­kommen im Wahnsinn.

Auch wenn es in Video­drome und eXistenZ noch so abstrus zuging, diese Filme hatten zumindest noch ein Bein in unserer wirk­li­chen Welt, bevor es bizarr wurde. Von der sind in Crimes of the Future nur Ruinen übrig geblieben. Diese nahe Zukunft ist herun­ter­ge­kommen und verödet, lediglich ihre Bewohner haben sich in eine vermeint­lich fort­schritt­liche Richtung entwi­ckelt. Das »Beschleu­nigte Evolu­ti­ons­syn­drom« sorgt dafür, dass der mensch­liche Körper immer neue unglaub­liche Stadien erreicht. So ist es für die meisten nicht mehr möglich, Schmerz zu empfinden. Auch Saul Tenser (Viggo Mortensen) und Caprice (Léa Seydoux) sind Exemplare der weiter­ent­wi­ckelten Gattung. Wobei Saul wieder ein ganz beson­derer Fall ist: Dauernd wachsen ihm neue, doch sinn­lo­sere Organe. Das Paar macht aus diesem Überwuchs Kunst in Gestalt von aufse­hen­er­re­genden Perfor­mances, bei denen Caprice die neuen Innereien noch in Sauls Körper tätowiert und sie vor begeis­tertem Publikum heraus­ope­riert.

Ganz klar, nur wenige Regis­seure können es sich trauen, mit solchen Ideen um die Ecke zu kommen. Und irgendwie ist Crimes of the Future der Film, den man von David Cronen­berg schon lange sehen wollte. Für allzu Zart­be­sai­tete ist das Ganze natürlich nichts, dennoch ist der Ekel­faktor bei aller expli­ziten Organ­be­schauung relativ niedrig. Dieses Werk ist kein effekt­ha­sche­ri­sches Splatter-Event, vielmehr eine ästhe­ti­sche Einladung in faszi­nie­rende Körper­welten, der einzigen Sinnes­freude in dieser post­apo­ka­lyp­ti­schen Welt. Die Gefühls­wal­lungen beim Zusehen sind schwer zu beschreiben. Auf der einen Seite ist das Gezeigte natürlich verstö­rend, geht es doch im wahrsten Sinne an die Substanz, auf der anderen Seite ist die Sinn­lich­keit des Ganzen wirklich nicht zu leugnen. Mitunter wirkt Crimes of the Future wie ein verfilmtes Francis-Bacon-Gemälde, zu dem J.G. Ballard und William S. Burroughs das Drehbuch schrieben (beide hat Cronen­berg ja bereits verfilmt).

Was jedoch wirklich anstren­gend sein kann, ist der Versuch, dieser wahn­wit­zigen Handlung zu folgen. Neben den Kunst­ken­nern haben Saul und Caprice noch ganz andere Inter­es­senten auf sich gezogen. Da gibt es noch die National Organ Registry mit ihren beiden Beamten Wippet (Don McKellar) und Timlin (eine herrlich aufge­kratzte Kristen Stewart), die eine über­trie­bene Begeis­te­rung für Sauls Innen­leben hegen. Als Krönung des Ganzen tritt eine myste­riöse Unter­grund­or­ga­ni­sa­tion auf, angeführt von Lang Dotrice (Scott Speedman), die bereits die nächste Stufe der mensch­li­chen Trans­for­ma­tion vorweg­nimmt und von der Bekannt­heit des Künstler-Duos profi­tieren will. Und die Polizei in Gestalt von Cope (Welket Bungué) steht natürlich auch bereit.

Hier irgend­etwas zu verstehen, wird mitunter zur Zerreiß­probe. Wie bereits gesagt, Cronen­berg schmeißt das Publikum ohne Gnade ins kalte Wasser und lässt es ohne Kompass in seiner Dystopie umher­irren. Erst nach und nach ergeben sich Zusam­men­hänge, die man selbst zu einem Ganzen verweben muss. Natürlich kommt auch immer mehr die Frage auf, was Crimes of the Future eigent­lich sein will. Eine surreale Satire oder doch nur eine obsessive Tech-noir-Fantasie, die um ihrer selbst willen verstört? Die Verzwei­gungen zum Hier und Jetzt sind in dieser Melange aus Trans­hu­ma­nismus und Maso­chismus gegeben. »Opera­tionen sind der neue Sex« und Tumore die neue Kunst. Ohne Rücksicht auf sich selbst zerren die Haupt­fi­guren ihr Innerstes an die Öffent­lich­keit, nicht nur das Schmerz­emp­finden, sondern auch die Scham­grenze scheint in der rasanten Evolution zu verwäs­sern. Eine Medi­ta­tion über Kunst oder Social Media? Der Mensch wächst auf jeden Fall über sich hinaus, während die Welt um ihn herum verkommt. Letzten Endes ist das Innen das neue Außen und dessen schöner Schein täuscht wunderbar über jegliche Verfalls­er­schei­nungen hinweg. Ach ja, Plastik und seine neue Beziehung zum mensch­li­chen Körper spielt irgend­wann auch eine sehr spannende Rolle.

Daneben funk­tio­niert Crimes of the Future aber auch als düster-roman­tisch in Szene gesetzter Körper­horror, als ein Film, der kompro­misslos er selbst ist, und aus den tiefsten Löchern der Krea­ti­vität schöpft. Ob man in ihm verwirrt taumelt oder genuss­voll lust­wan­delt, muss man mit sich selbst ausmachen. Auf der Leinwand tut sich ein Gemälde auf, das erst nach längerem Hinsehen seine Details preisgibt. Crimes of the Future provo­ziert Fragen im Gehirn des Zuschauers, welche das jedoch sind, kann man zuvor – und auch direkt danach – schwer sagen. Kurzum, dieser Film ist ein hervor­ra­gendes Alters­werk Cronen­bergs, bei dem er noch mal alle Register zieht, für die sein Name steht.