Skip to content

Review

Crimson Peak

Das grässliche Gesicht der Liebe

Mehr optische als inhaltliche Facetten

Das grässliche Gesicht der Liebe

Schon der Titel verweist auf die starke Farb­dra­ma­turgie, die diese Schau­er­ro­manze zusam­men­hält. Karme­sinrot (crimson) ist der Lehm, der das imposante, aber herun­ter­ge­kom­mene Anwesen Allerdale Hale umgibt. Eine riesige Villa, die mitten im engli­schen Nirgendwo auf dem Gipfel (peak) eines Hügels über einer Mine errichtet wurde. Tiefrot ist auch das Blut, das an ausge­wählten Stellen das Bild befleckt. Der mexi­ka­ni­sche Horror­lieb­haber Guillermo del Toro demons­triert mit seiner jüngsten Regie­ar­beit einmal mehr, dass er ein visueller Virtuose ist. Mit Blick für eindrucks­volle Kompo­si­tionen und betörende Details. Crimson Peak erweist sich als ein köst­li­cher Augen­schmaus, noch bevor wir überhaupt in das besagte Grusel­haus eintau­chen.

Bereits der erste Akt, der uns in das Buffalo zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts führt, sprüht nur so vor Opulenz und optischen Spie­le­reien. Pracht­volle Kostüme und stau­nens­werte Requi­siten wie das Minia­tur­mo­dell einer Lehm­för­der­ma­schine lassen eine längst vergan­gene Epoche wieder aufer­stehen. Fast jede Einstel­lung hält Über­ra­schungen bereit, die man auf einen Blick gar nicht in Gänze erfassen kann. Und doch stellt sich nie Ernüch­te­rung ein. Denn hier ist ein Filme­ma­cher am Werk, der das Publikum mit seiner Detail­ver­ses­sen­heit in eine andere Welt entführt. Der dem Zuschauer stilvolle Bilder schenkt und selbst­be­wusst den Zauber klas­si­scher Gothic-Horror-Arbeiten beschwört inklusive altmo­di­scher Kreis- und Schie­be­blenden.

Im Mittel­punkt von Crimson Peak steht eine schaurige Liebes­ge­schichte, die ihren Anfang in Amerika nimmt und im engli­schen Hinter­land zu einem traurigen Ende findet: Akribisch bastelt die Schrift­stel­lerin Edith Cushing (Mia Wasi­kowska) an ihrem großen Durch­bruch, während die Damen der feinen Gesell­schaft von Buffalo über die Bestre­bungen der jungen Frau belustigt herziehen. Als der britische Adelige Thomas Sharpe (Tom Hiddelston) bei ihrem Vater, dem einfluss­rei­chen Indus­trie­pio­nier Carter Cushing (Jim Beaver) um finan­zi­elle Unter­s­tüt­zung für eine selbst­ent­wor­fene Erfindung bittet, erliegt Edith dem Charme des Edelmanns und gibt schritt­weise ihre Selbst­be­stim­mung auf. Die Anziehung ist so groß, dass sie Thomas von einem plötz­li­chen Aufbruch abhält und sich auf eine Beziehung einlässt. Nachdem die neue Liebe durch den grausamen Mord an Ediths Vater über­schattet wurde, beschließt das Paar, Amerika den Rücken zu kehren und gemeinsam nach Allerdale Hall zu ziehen, auf den Fami­li­en­sitz der Sharpes, den auch Thomas‘ unter­kühlte Schwester Lucille (Jessica Chastain) bewohnt. Schon bald wird Edith hier von geis­ter­haften Geschöpfen bedrängt, die ein schreck­li­ches Schicksal verbindet.

Zeichnet das von del Toro und Koautor Matthew Robbins verfasste Drehbuch die Prot­ago­nistin zunächst als starke, eman­zi­pierte Persön­lich­keit, wandelt sich dieses Bild mit dem Auftau­chen des galanten Thomas immer mehr. Die Liebe macht Edith blind für die Gefahr, die von dem Gentleman und seiner geheim­nis­vollen Schwester ausgeht. Und mit dem Umzug in die englische Provinz begibt sie sich in eine trostlose, fremde Welt, in der das Unheil auf sie wartet. Anders als der Zuschauer, der schon früh über finstere Absichten der Shores Bescheid weiß, taumelt die Schrift­stel­lerin, den Geis­ter­er­schei­nungen folgend, durch die schumm­rigen Gänge des alten Gemäuers und muss ihre Selbst­si­cher­heit mühsam wieder­finden. Nicht zufällig rückt del Toro immer wieder die Motten und Schmet­ter­linge ins Bild, die das Herren­haus bevölkern und Ediths Ausbruch aus dem Liebes­ge­fängnis, ihrem neuen Kokon motivisch vorbe­reiten.

Nicht nur das proble­ma­ti­sche Drei­ecks­ver­hältnis der Bewohner von Allerdale Hall erzeugt eine bedrü­ckend-morbide Stimmung. Auch das Aussehen und der Zustand des gigan­ti­schen Anwesens befeuern die düstere Atmo­s­phäre. Obwohl die riesige Villa noch in der kargen Land­schaft thront, ist ihr Verfall allge­gen­wärtig. Langsam, aber beständig versinkt der Fami­li­en­sitz in der blutroten Lehmerde. Und durch ein großes Loch im Dachwerk rieseln Laub und später Schnee­flo­cken in die Eingangs­halle. Das marode Gebäude gleicht einem leben­digen Orga­nismus. Nicht zuletzt, weil sich in den Fluren und Zimmern die unheim­li­chen Erschei­nungen aus dem Toten­reich mani­fes­tieren. Ein wenig enttäu­schend ist der Umgang mit eben diesen Wesen, die del Toro letztlich nur als Spuk­ob­jekte und Hinweis­geber „ausbeutet“, anstatt Ediths lang­jäh­rige Beziehung zum Jenseits – ihre tote Mutter verfolgt sie seit der Kindheit – genauer zu beleuchten. Die von der jungen Frau anfangs aufge­stellte These, bei den Geistern handele es sich im Grunde um Metaphern, gerät schnell aus dem Blickfeld. Und auch die tragi­schen Schick­sale der gequälten Seelen von Allerdale Hall bleiben bloß eine Randnotiz.

Überhaupt ist der Inhalt des Films bei weitem nicht so facet­ten­reich wie seine optische Gestal­tung. Der Plot, den del Toro und Robbins ersonnen haben, vermengt zahl­reiche konven­tio­nelle Versatz­stücke und vertraut vor allem auf die Wirkung des Hitch­cock­schen Suspense. Nerven­kitzel wird durchaus geboten, verwun­dern muss der über­ra­schungs­arme Verlauf der Handlung aber doch, da Crimson Peak ständig so tut, als lauerten im Hinter­grund außer­ge­wöhn­liche Geheim­nisse. Am Ende fügt sich alles so zusammen, wie man es erwartet hat, ohne dass der Showdown zu einer lang­wei­ligen Farce verkommen würde. Vielmehr lässt der Regisseur dem Wahnsinn im blut­ge­tränkten Finale freien Lauf und unter­streicht auf diese Weise die zerstö­re­ri­sche Kraft der Liebe. Trotz der beschrie­benen erzäh­le­ri­schen Schwächen ist die stili­sierte Horror­ro­manze den Kino­be­such wert. Dafür sorgen ihre bild­ge­wal­tige Aufma­chung und die deutlich über dem Genre-Standard agie­renden Haupt­dar­steller, von denen insbe­son­dere Jessica Chastain einen furcht­ein­flößenden Eindruck hinter­lässt.