Review
Dämonen und Wunder – Dheepan
Ein Flüchtling sieht Rot
Ein Flüchtling sieht Rot
Man lernt in diesem Film, dass Flüchtlinge lügen und betrügen. Man sieht und lernt, dass Flüchtlinge nicht die sind, für die sie sich ausgeben. Man sieht, dass sie gewalttätig sind, dass sie die Kriege, vor denen sie fliehen, mitbringen und in unsere Städte tragen. Man lernt, dass sie von Traumata gequält sind, und dass diese früher oder später ausbrechen – bei uns! Man lernt, dass manchen von ihnen nicht zu trauen ist, Man sieht Einwanderer, die mit Drogen dealen und
Einwanderer, die kriminell sind.
Man sieht auch anderes – das stimmt. Aber der überwiegende Eindruck ist der schrecklicher Neuankömmlinge, die man sich doch besser vom Leib hält. Dieses Bild ist schlecht – nicht etwa das, das der Film von der französischen Republik und ihrer Integrationspolitik entwirft.
Das französische Einwanderermelodram Dheepan, für das Jacques Audiard, der amerikanisierteste unter den französischen Autorenfilmern, im Mai leider die die Goldene Palme gewann, war im Festival nicht gut angekommen. Das ist kein Argument für irgendetwas, im Zusammenhang aber doch interessant. Noch einen Tag vor der Preisverleihung hatte es für den neuen Film von Audiard (De battre mon coeur s'est arrêté, Un prophète), normalerweise ein Liebling der französischen Kinoszene, auch in den Zeitungen seines Heimatlandes eher schlechte Kritiken gehagelt.
Und zumindest auf künstlerischer Ebene scheint das auch berechtigt: Denn Dheepan ist ein überaus sentimentaler Film, der lieber Botschaften predigt, als zu beobachten, der wenig sensibel wirkt, eher forciert. Zuviel Loach ist in diesem Film, zuviel Predigt. Und zu wenig Wirklichkeit, zu wenig Beobachtung, viel zu wenig Neugier. Behauptung statt Realismus, der das Leben möglichst direkt spiegelt, der durch die Leinwand hindurch blickt.
Der Held des Films gibt dem Film den Titel. Aber schon das ist doppelbödig, denn Dheepan (mit unvergesslichem Stoizismus gespielt von Antonythasan Jesuthasan) nennt sich nur so – nach einem Toten, dessen Pass er an sich nimmt. Seine wahre Identität erfahren wir nie. Wir wissen nur: Dheepan kommt aus Sri Lanka, war Mitglied der terroristischen »Tamil Tigers«. Und er flüchtet vor dem dortigen Bürgerkrieg, begleitet von einer fremden Frau (Kalieaswari Srinivasan) und einem
Kind (Claudine Vinasithamby), das auch nicht seines ist, sondern eigens in einem Waisenhaus gesucht wurde, weil man als »Familie« bessere Chancen auf Asyl in Europa hat. In Frankreich angekommen geben sich die drei dann so als eine Familie aus und erhalten eine Wohnung in einer Banlieue, in der ein Bandenkrieg zwischen arabisch-afrikanischen Drogengangs tobt. Dheepan wird dort Hausmeister, und gewöhnt sich an diese Patchwork-Familie, die seine neue »echte« Familie wird. Yalini heuert
als Haushaltshilfe beim kranken Vater eines Gangsters an, der die Platte beherrscht. Und das Mädchen muss sich in der Schule durchsetzen, sich aus der Integrationsklasse herauskämpfen und Französisch lernen, um das Bleiberecht zu gewährleisten: Integration oder Ausweisung.
Hier ist der Film relativ stark, denn er zeigt Fremdheit aus Sicht der Ankömmlinge: Ihnen ist nicht nur die neue Heimat Frankreich fremd, sondern erst recht das Ghetto der anderen Einwandererkultur.
Eine Vorstellung davon, was nun in ihren Köpfen und Herzen vor sich geht, lässt sich nur aus ihren fassungslos blickenden Gesichtern gewinnen. Dheepan und Yalni sind dieser Welt, in die sie geflüchtet sind, völlig fremd, hier am Fenster wird diese Fremdheit augenscheinlich. Zunehmend eskalieren die Verhältnisse in Dheepans Wohnblock. Und der Hausmeister kann die bösen Kinder weder bändigen, noch zivilisieren und greift deshalb notgedrungen zu anderen, gewalttätigeren Mitteln.
Dheepan ist anzurechnen, dass er die vielen auf den Nägeln brennenden Sujets Migration und Integration in den Blick nimmt – wie er das tut, ist aber mindestens unausgegoren. Der Film verkündet in jeder Szene eine »starke Botschaft« – nur für was jetzt nochmal genau?
Denn auch, wenn Auduard mit seiner Hauptfigur sympathisiert, sind die Migranten in dem Film meist genau so, wie sie auch die rechtsextremistische Front National gern
beschreibt: Sie täuschen und belügen die Behörden, erschleichen sich mit falschen Identitäten zu Europa und seinen Sozialleistungen, sie bleiben am liebsten unter sich, sie sind faul, und entweder dumm, oder kriminell und latent gewaltbereit. Sie tragen den Krieg aus ihren Ländern in unsere Städte, und zwischen den Zuständen in den Banlieus und denen im tamilischen Dschungel, oder in denen im Gaza-Streifen. Der Staat hingegen macht auf der Leinwand, wenn er denn auftaucht, immer alles
richtig. Dem Staat, das zeigt der Film deutlich, fehlt es nicht an gutem Willen – er ist nur überfordert.
So ist Dheepan ein ungleichgewichtiger, mit Handlungswendungen vollgepfopfter Film, der Fremdheit und Migration zum Thema macht, dabei aber gelegentlich in den Klischees des Sozialdramas hängenbleibt, der sich einerseits politisch engagiert gibt, anderseits auch recht spekulativ. Das wird besonders im gewalttätigen, blutigen, harten Finale deutlich.
Denn irgendwann übernehmen dann doch Audiards schlechteste Eigenschaften, übernimmt sein Hang zu Kitsch und Exploitation, sein schlechter Geschmack das Zepter, der Film reißt sich die Maske des Engagements herunter und zu sehen ist die Fratze eines der letzten Liam-Neeson-Filme. Da spürt man: Audiard ist endlich bei sich, jetzt kann er wüten und verwüsten, ohne Rücksicht auf Verluste. Eigentlich, seien wir ehrlich, macht er das in all seinen Filmen so.
Zuvor mischte die Tonspur die exotistischen Erwartungen des Publikums durch Rap und ceylonesische Musik mit Vivaldis Wellnessklassik, die im Kino immer gut kommt. Dann wird geballert