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Review

Dark City

Ewige Nacht

Ewige Nacht

Alex Proyas Film Noir-Science Fiction

In dieser Welt nimmt die Nacht kein Ende. Vom ersten Augen­blick an weiß der Zuschauer, daß er sich im Nirgendwo von Zeit und Raum befindet, in einer Stadt ohne Namen, die aussieht, wie eine düstere Kreuzung aus Chicago, Gotham City und Metro­polis, und in einem Ort, in dem es Aliens gibt, Außer­ir­di­sche, die ein unde­fi­niertes, jeden­falls aber böses Spiel treiben.

Alex Proyas (The Crow) verlangt viel. Zwar ist Dark City unter­haltsam, spannend und über weite Stecken zügig erzählt, aber zugleich eine Zumutung: Lange nicht sah man ein solches Gemisch von Genres, eine solche Menge ange­deu­teter Themen. Selten ist klar, wohin die Reise geht, Zitate über­la­gern einander: Der Getrie­bene, der sein Gedächtnis verloren hat, und versucht sein Leben zu rekon­stru­ieren; der sensibel-melan­cho­li­sche Polizist der seinen Fall sucht; ein fran­ken­stein­ar­tiger Psych­iater. Dazu die Szenerie der Stadt als Universum, in der das Kollek­tiv­ge­dächtnis der Masse von einem charis­ma­ti­schen Diktator beherrscht wird, wie man es aus Langs Metro­polis kennt.
Fast alles ist aus zweiter Hand: Offen wird aus expres­sio­nis­ti­schen Filmen der 20er Jahre zitiert, allen voran aus Fritz Langs Metro­polis, das den gesamten Bezugs­rahmen von Design, Technik und Archi­tektur liefert.
Vor allem der Film Noir gibt das Vorbild ab, jene schwarzen ameri­ka­ni­schen Filme aus den 30er bis 50er Jahren. Spätes­tens vor 30 Jahren schienen deren Themen ausge­reizt: Die quasi-exis­ten­tia­lis­ti­sche Entge­gen­set­zung Einzelner vs. Gesell­schaft schien untaug­lich geworden, um Alltags­er­fah­rungen zu einer Logik der Ausweg­lo­sig­keit zuzu­spitzen. Düstere Science-Fiction-Filme (Alien) waren offenbar ein taug­li­cheres Medium, um Paranoia und Orien­tie­rungs­ver­lust darzu­stellen.

In der Gestalt des Science-Fiction kehrte der Film Noir aber bald zurück. Schon Blade Runner barst nur so von entspre­chenden Anspie­lungen, und galt bald als »Neo-Noir«. Und Dark City ist lange nichts anderes. Ähnlich wie bei Blade Runner geht es auch hier um Infra­ge­stel­lungen von Iden­ti­täten: Denn die Außer­ir­di­schen mani­pu­lieren die Erin­ne­rung, und greifen will­kür­lich in das Leben der Stadt­be­wohner ein. Deren Identität wird flüssig, ein aktuelles Thema zu einer Zeit, in der die Medizin dabei ist, die letzten Reste mensch­li­cher Indi­vi­dua­lität technisch repro­du­zierbar und verfügbar zu machen.

So gesehen ist Dark City auf der Höhe seiner Zeit. Ein intel­li­genter, viel­schich­tiger, mutiger Film, der die grellen Effekte des alten Kinos zu gran­diosen Bildern bündelt, und guten Schau­spie­lern (William Hurt, Kiefer Suther­land, Ian Richardson) schöne Auftritte gibt.
Und dennoch: Dark City ist zu weit, zu kompli­ziert, zu riesig angelegt, als das Proyas alle Skizzen und netten Einfälle auch nur ansatz­weise unter Kontrolle bekommt. Iden­ti­täts­ver­lust, Detek­ti­vjagd auf Seri­en­killer, Menschen als Spielball von Außer­ir­di­schen, subtile Psychostu­dien und film­ge­schicht­liche Video­clip­sall das glaubt der Regisseur wahr­schein­lich selbst zu einem zweiten Metro­polis verrührt zu haben.
Wie sehr er sich dabei verhoben hat, offenbart vor allem das Ende: Proyas bekommt seine Story nämlich nur dadurch unter Kontrolle, daß er die bis dahin ganz annehmbar durch­ge­hal­tene Film Noir-Doppel­bö­dig­keit in eine kitschige Idylle auflöst. Die Nacht, sprich das Janus­ge­sicht der Welt und die Schat­ten­seiten der Moderne, muß kurzer­hand für allezeit verschwin­denfür immer geht die Sonne auf.

So löst sich die Beklem­mung des Film Noir in kitschige Idylle auf, und alles, was zuvor als etwas mani­rierter, aber ernst­zu­neh­mender »Neo Noir« gelten konnte, als inspi­riertes Nach­denken über Film­ge­schichte, wird zum Verrat am Genre und macht aus dessen Gesten einen reinen Kunststil, von dem nur Unau­then­ti­sches und Stili­siertes übrig­bleibt.