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Review

Das Ereignis

Selbstbestimmung in Zeiten der Repression

Filmszene »Das Ereignis«
Bildnis einer Jugend (Foto: Prokino)

Selbstbestimmung in Zeiten der Repression

Audrey Diwan erzählt in ihrer herausragenden Bestsellerverfilmung Das Ereignis von Puritanismus und Feigheit der Moralprediger

»C'est quoi ta probleme?« – »La solitude.«
Dialog­aus­schnitt

Anne träumt davon, Schrift­stel­lerin zu werden. Auch sonst trifft sie das »Ereignis« im denkbar ungüns­tigsten Moment, nämlich ausge­rechnet, als die Studentin kurz vor Abschluss ihres Lite­ra­tur­stu­diums und vor einer viel­ver­spre­chenden akade­mi­schen Karriere steht. Dieses titel­ge­bende »Ereignis« ist mit das Schlimmste, was im Frank­reich des Jahres 1963, als es die Pille noch nicht gab, einer jungen, unver­hei­ra­teten Frau passieren kann: Sie ist ungewollt schwanger.
Verzwei­felt versucht sie im Folgenden, das Kind nicht bekommen zu müssen. Aber die Möglich­keiten einer Abtrei­bung sind eng begrenzt, legal ist nichts davon, vielmehr droht Gefängnis, und die, die ihr helfen könnten und denen sie sich anver­trauen kann, lassen sie oft genug im Stich. Am trag­fähigsten ist noch die Soli­da­rität der gleich­alt­rigen Freun­dinnen unter­ein­ander. Weder der Versuch, sich selbst mit frag­wür­digen »Haus­mit­teln« von der Not zu befreien, noch der – straf­recht­lich hoch­ge­fähr­liche – Besuch bei einer Engel­ma­cherin helfen. Ein Rennen gegen die Zeit. Immer wieder verzwei­felt sie am Puri­ta­nismus und an der Kälte der Gesell­schaft.

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Wir lernen Anne erst in ihrem ganz normalen Leben und Alltag als ganzen Menschen kennen. Das ist sehr wichtig, gerade um zu begreifen, was ihr nun geschieht: Weil ihre neue aktuelle Notlage nun plötzlich alles bestimmt und jede Sekunde in Annes Leben präsent ist, bestimmt sie nicht alles. Gerade hier und jetzt ist das wichtig und muss sich bewähren, was Annes Leben sonst ausmacht: Ihre Freunde, ihr Studium, ihre lite­ra­ri­schen Vorlieben, ihre Familie, ihr Geschmack.

Regis­seurin Audrey Diwan vermeidet Psycho­lo­gi­sie­rungen und zeit­geist­ty­pi­sche Melo­dra­matik: Weder ist ihre Haupt­figur Opfer irgend­einer Gewalt noch ein Opfer irgend­einer besonders leiden­schaft­li­chen Liebe. Sie war nicht leicht­sinnig, es war kein unbe­darftes »erstes Mal«, aber auch keines­wegs ausschwei­fende Lebens­weise oder irgend­eine Verant­wor­tungs­lo­sig­keit. Sondern »es« ist einfach passiert. Diese Banalität des Sexuellen ist in mancher Hinsicht sehr gegen­wärtig und bringt uns Anne sehr nahe. Aber sie steht auch wiederum der ebenso gegen­wär­tigen Neigung fern, Sex immerzu mit Bedeutung aufzu­laden, oder als Sinnbild oder Zeichen für etwas anderes zu nehmen.

Was wir erfahren, ist, dass Anne eine junge Intel­lek­tu­elle ist, in ihren Vorlieben und Inter­essen eine für die sechziger Jahre sehr typische junge Frau, Leserin von Sartre, Beauvoir, von Aragon und Kafka. Sie denkt über die rheto­ri­sche Figur der »Anaphore« nach und sympa­thi­siert mit dem Kommu­nismus. Ihre Gegenwart begreift sie als Zeit der Befreiung, als Epoche des Aufbruchs. Sie will nicht sein wie ihre Eltern, obwohl sie diese liebt, sondern dem Milieu ihrer Herkunft entfliehen. Und Bildung und Wissen­schaft und Kunst sind ein Mittel dazu. Ihre Eltern haben eine kleine Gast­wirt­schaft in der Provinz, sie lieben und unter­stützen die Tochter, aber deren aktuelle Notlage über­for­dert ihr Verständnis und so können sie ihr auch nicht wirklich helfen.

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Es ist auch ein ganz anderes Frau­en­bild, das hier entworfen wird: Ein weniger konser­va­tives. In diesem ist eine Frau nicht in erster Linie Mutter. Sie möchte auch nicht in erster Linie Mutter sein, sondern sie möchte ein freier selbst­be­stimmter Mensch sein. Sie versteht das Mutter­sein nicht als Erfüllung, sondern als eine von mehreren Möglich­keiten und gerade jetzt als Bedrohung. Denn sie möchte sich wissen­schaft­lich bilden und sie möchte freien Sex. Ein paar Jahre später wird man auf den Pariser Straßen »Egalité! Liberté! Sexualité!« skan­dieren.
So geht es dieser Haupt­figur nicht allein um das Recht am eigenen Körper, sondern eben um mehr: Die Selbst­be­haup­tung des Geistes, um sexuelle Selbst­be­stim­mung und um den Anspruch aufs eigene Glück.

Trotzdem er in der Vergan­gen­heit spielt, ist dies kein Film über die Vergan­gen­heit: Im Gegenteil ist Abtrei­bung nach kurzer Libe­ra­li­sie­rungs­phase in den letzten dreißig Jahren im Einklang mit dem neuen Konser­va­tismus wieder zu einem der Haupt­themen leiden­schaft­li­cher ideo­lo­gi­scher Kontro­versen in den klas­si­schen west­li­chen Demo­kra­tien geworden, wie erst recht in manchen später demo­kra­ti­sierten Ländern. Nie war es ganz verschwunden. Das spiegelt sich auch im Kino wider. Seit 2004 erschien eine Reihe von Filmen, die auf die eine oder andere Weise die Abtrei­bung proble­ma­ti­sierten, meistens mit Blick auf eine Vergan­gen­heit, als Abtrei­bung verboten war. Alle diese Filme wurden heraus­ra­gende Festi­val­er­folge: Der promi­nente Mike Leigh gewann 2004 mit Vera Drake über eine gutmütige Frau, der in den 1950er Jahren in London illegale Abtrei­bungen durch­führte, um Mädchen und Frauen »in Schwie­rig­keiten« zu helfen, die Fest­spiele von Venedig. Drei Jahre später gewann Cristi Mungiu mit 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage in Cannes. Anne Zohra Berrached gewann mit 24 Wochen einen Silbernen Deutschen Filmpreis. Eliza Hittman gewann mit Niemals Selten Manchmal Immer einen Silbernen Bär in Berlin. Und auch Das Ereignis hat bei den Film­fest­spielen von Venedig 2021 (über­ra­schend) den Haupt­preis gewonnen.

Im Unter­schied zu den diversen anderen Abtrei­bungs­dramen geht es hier tatsäch­lich um die Notlage der Frau. Und um nichts sonst. Nicht wie bei Loach um die Frau, die »es« macht, und um schlechte soziale Verhält­nisse. Nicht wie im rumä­ni­schen Abtrei­bungs­drama eigent­lich um den bösen Kommu­nismus, nicht wie im US-Inde­pen­dent-Film Niemals Selten Manchmal Immer um den bösen Kapi­ta­lismus und Klas­sismus und die gute weibliche Soli­da­rität, und in 24 Wochen um unseren Umgang mit Behin­de­rung. In beidem sind unge­wollte Schwan­ger­schaft und Abtrei­bung nur ein Mittel zur Verschär­fung von Thesen zu Gesell­schaft und Politik. Hier geht es wirklich darum. Es geht einfach sehr konzen­triert um einen Menschen, der in Not ist, und genau damit, in seinem exis­ten­zi­ellen Allein­sein, universal für die ganze Mensch­heit steht.
Und das ohne Forcie­rung: Auf sehr sanfte, subtile Art. Der Film bleibt die ganze Zeit in der Nähe von Anne; die Kamera begleitet sie wie die einzige Freundin, die ihr in dieser Lage geblieben ist, erzeugt ein Gefühl der Intimität. Wir erkennen: Dies ist etwas ganz Persön­li­ches, das jemand einmal erlebt hat.

Und so war es: Diwans Film basiert auf der zum Teil auto­bio­gra­phi­schen Vorlage »L’Événement« von der fran­zö­si­schen Best­sel­ler­au­torin Annie Ernaux. Ernaux und Diwan erzählen zugleich von der bitteren Not aller Frauen Mitte des 20. Jahr­hun­derts. Es geht um das Recht der Frau, selbst zu entscheiden, ob sie ihr Kind behalten will. Heute ist dieses Recht in den meisten Ländern zumindest auf dem Papier unan­ge­fochten, aber der Film erinnert daran, wie viel weniger frei Frauen noch waren: Sie konnten nicht einmal über ihren eigenen Körper verfügen.

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Es ist ein sehr starker Film, dessen Wirkung sich erst allmäh­lich, erst nach einigen Tagen ganz entfaltet. So ging es mir seiner­zeit in Venedig. Wir Kriti­ker­kol­legen schienen mir damals später über »The Event« (so der englische Titel) mehr mitein­ander zu sprechen als über fast alle anderen Filme im Wett­be­werb. Gerade für einen Mann ist es eine spannende Erfahrung, sich hier sehr gut in die Position einer Frau hinein­ver­setzen, oder sich ihr jeden­falls annähern zu können – gerade weil der Film sehr unauf­dring­lich ist, nicht »predigend« und thesen­haft daher­kommt.
Geradezu körper­lich evoziert der Film die Erfahrung vieler Frauen früherer Epochen: Wie man seinen Körper hasst. Aggres­sionen gegen ihn entwi­ckelt.

Dies ist auch ein magne­ti­scher Auftritt von Anamaria Varto­lomei in der Haupt­rolle. Alles ist auf sie konzen­triert, aber auch in den Neben­rollen ist das ein toll gespielter Film.
Insze­niert ist der Film sehr zwingend, gradlinig erzählt, dabei aber nie ins Repor­ta­ge­hafte abglei­tend. Die Kamera bleibt der Haupt­figur immer nahe. Er repro­du­ziert ihren Blick, arbeitet dabei geschickt mit Unschärfen.
Sie arbeitet auch mit den Mitteln des klas­si­schen Kinos – 16mm und 4:3-Format. Auch dieses Format, wie Kostüme, wie Musik, wie kleine Details des Setde­signs bringen uns ins Zeitalter der früheren 60er zurück: das heißt einmal in jene unver­gleich­lich guten und bezau­bernd leichten und befrei­enden Filme der Nouvelle Vague von Truffaut und Godard und anderen.

Ich musste während des Films aller­dings auch immer wieder denken: Wie würde Truffaut so etwas erzählen? Wenn er es überhaupt erzählen würde. Agnès Varda? Die Jungen der Sechziger. Oder Antonioni? Visconti? Aber das ist viel­leicht die falsche Frage. Diwans Film ist ein leben­diges, mutiges und äußerst frei­mü­tiges Statement.
Das 4:3-Format ist aller­dings auch enger als das heute gewöhn­liche 16:8. Es steht nicht nur für Konzen­tra­tion, sondern auch für die Enge einer Zeit und die Enge eines Blicks auf die Welt. Dieser Enge gegenüber ist der Film ein Manifest der Selbst­be­stim­mung.