Review
Das Flüstern der Felder
Gewalt aus Pinselstrichen
Gewalt aus Pinselstrichen
Die Schöpfer von »Loving Vincent« befruchten in ihrer neuen Literaturverfilmung ein weiteres Mal das Kino mit den Mitteln der Malerei
Mit der Hochzeit kippt der Film. Das Fest nimmt fortwährend gewalttätige Züge an. Frauen lästern im Hintergrund, die Braut, Jagna heißt sie, wird beim Tanzen umhergeschleudert. Die Männer greifen nach ihr, Musik schwillt und feuert die Menge unentwegt an. Drehungen, Haare fliegen, die Kamera taumelt, Menschen johlen und jubeln oder beäugen die Braut misstrauisch. »Ich bin dran!« – und schon wartet der nächste Tanzpartner, um Jagna durch den Saal zu wirbeln. Wenig später, nach der Hochzeitsnacht gefriert die Welt. Mit einer verblüffenden Kamerafahrt aus dem Fenster wird die Landschaft unter Schnee und Eis begraben und so nimmt das Unheil für die Protagonistin ihren Lauf. Jagna, die eigentlich eine Affäre mit dem verheirateten Antek hat, wird mit dessen Vater vermählt. Ihre Mutter hat sie dem reichen, älteren Bauern versprochen. Und so sieht die junge Frau nicht nur ihre Lebensträume platzen, sondern wird in der polnischen Dorfgemeinschaft Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend zu einer Verachteten. Ihr Eigensinn ist den anderen ein Dorn im Auge.
DK und Hugh Welchman, verantwortlich für Buch und Regie, haben eine starke Verdichtung der Vorlage vorgenommen. Der vierteilige Fortsetzungsroman »Chlopi« (»Die Bauern«) von Władysław Reymont erhielt 1924 den Literatur-Nobelpreis. Es ist ein sehr umfangreicher Roman, ein Nationalepos, je nach Ausgabe um die 700, 800, 900 Seiten lang, das bereits mehrfach adaptiert wurde, unter anderem als TV-Serie in den 1970ern. Von dem überbordenden Sitten- und Epochengemälde ist in der Verfilmung, die man im Deutschen schwülstig Das Flüstern der Felder genannt hat, vor allem die Konzentration auf die Emanzipationsgeschichte Jagnas geblieben, die mit jeder Filmminute einer Katastrophe näherzukommen scheint. Was der Roman als Panorama ausbreitet, wie tief der in die Lebensrealität und Gebräuche der polnischen Landbevölkerung eintaucht – das kann in diesem Kinofilm nur angerissen werden. Aber Das Flüstern der Felder bietet ein überzeugendes Konzentrat. Er vermittelt ein Gespür für die erbitterten Kämpfe um Grund und Boden, um Ansehen in der Dorfgemeinschaft, in der die Liebe allzu oft der Zweckmäßigkeit weichen soll. Man klatscht, spottet, betet, straft, wickelt Geschäfte in Hinterzimmern ab. Versuche einer Befreiung werden von verkrusteten Denkmustern und Traditionen überschattet.
Der Schrecken hinter der Landidylle
Neben vergleichbaren Werken wie Athina Rachel Tsangaris Harvest oder Maura Delperos Vermiglio, die jüngst in Venedig Premiere feierten, ist Das Flüstern der Felder somit ein weiteres aktuelles Werk, das sich mit derlei folkloristischen Welten und ruralen Lebenswirklichkeiten beschäftigt, um etwas über patriarchale Gewalt und eingeschworene Gemeinschaften zu erzählen. Sie zeigen, wie die Menschengruppen zum Teil mit brutaler Gegenwehr reagieren, sobald irgendjemand, egal ob von außen oder innen, die gewohnten, konservierten Sitten durcheinanderbringt oder Prozesse der Desillusionierung in Gang setzt. In Das Flüstern der Felder wird dies in einer regelrechten Hexenjagd münden, dem Versuch eines Opfers. Gewalttrieb und Aggression gegen das Andere und die Versuche einer Stabilisierung jener Ordnung sollen sich darin entladen, ehe das vergossene Blut sinnbildlich vom Regen zurück in die Enge und Zivilisation des Dorfes gespült wird. Über die Jahreszeiten hinweg findet ein zyklischer Regenerationsprozess und Gewaltenkreislauf statt, der Parteien entzweit, verstreut und für das Publikum seine Fassung verloren hat. Und genau an dieser Stelle ist die Form von Das Flüstern der Felder so ungemein faszinierend gewählt, weil sich sowohl die entworfene Narration als auch die Bildwelten gegenseitig verfremden und in Relationen setzen. Menschliches Spiel und abgefilmte Eindrücke werden einmal mehr zu animierten, eindrucksvoll detailverliebten Ölgemälden.
Konzentrat einer Kunstepoche
Nach Loving Vincent ist dies ein weiterer gelungener Versuch des Regie-Duos, Malerei über die Montage des Films zum Leben zu erwecken. Er verwandelt die Kunst der Fläche in einen illusionistisch zusammengesetzten, immersiven Raum des bewegten und sich ständig neu justierenden Filmbildes. Über 100 Maler haben daran gearbeitet und tausende Bilder erstellt. Das Flüstern der Felder schöpft dabei aus den diversen kollidierenden künstlerischen Strömungen der Zeit, in der er spielt, vor allem den Werken der Jungen Polen. Eine Datenbank mit mehreren hundert Gemälden und über 30 Künstler sollen als Inspiration gedient haben, wie das Regie-Team und Animation-Director Piotr Dominikak betonen, darunter die Künstler Ferdynand Ruszczyc und Józef Chełmoński.
Es ist kein einheitlicher Stil, der sich dort zu erkennen gibt. Vielmehr ein eigener zeitgenössischer Zugriff, der weniger konkrete Werke zitiert, wie es in Loving Vincent der Fall war, aber der Erinnerungen an bestimmte ikonische ländliche Bildwelten abruft, Essenzen filtert und zusammenfügt. Das ergibt wundervolle Szenen, gerade wenn sie den Realismus aufbrechen. Etwa wenn der Film Fantastisches und Elemente des Spuks mittels gespenstisch weißer Schlieren in einer nächtliche Wahnsequenz in das bäuerliche Milieu brechen lässt. An anderer Stelle beschwört er mit funkelnd gelben Farbtönen das Beackern oder auch Rasten im Heu der Felder. Die Sonne geht auf und unter in den kulturell eingesickerten Bildern natürlicher Idyllen, denen der Film mit seiner Erzählung jede Unschuld raubt.
Ein anderes Sehen
In diesem Sinne ist Das Flüstern der Felder ebenso ein Werk, das gewisse Verklärungen und Überhöhungen malerischer Weltanschauungen mit Kontrasten und Brüchen versieht, hinter die oberflächliche historische Visualität der interpretierten und geformten Realitäten blickt. Es stülpt deren Kehrseiten nach außen. Die Verwendung der animierten Malerei ist deshalb weder Gimmick noch Selbstweck, sondern wird gerade im Dialog der Medien produktiv. Nicht nur zwischen der Malereigeschichte und filmischen Montage, ebenso mit den Erzählfäden des Romans.
Und es ist vor allem ein schier überwältigendes Kinoerlebnis, das man beim ersten Mal am liebsten ohne die Dialoge, sondern nur in seinen Bildern und mitreißenden Musikstücken (Łukasz »L.U.C« Rostkowski) genießen will. Es verwebt auf die Leinwand getupfte, gewaltsam gewonnene Blutflecken mit verzauberter Natur, die nüchterne Beobachtungsgabe und Milieustudie mit dem subjektiven Wahrnehmen und Empfinden. Wenn sich hier gemalte Gräser und Ähren im Wind bewegen, umherfliegende Blüten, Sporen und Vögel die Perspektiven verwirren, die Materialität der Leinwand mit der Materialität und Textur der aufgetragenen Farbe verschwimmt, zu pulsieren beginnt und mitunter erst nach einigen Momenten klar identifizierbare Bilder freigibt – dann nähert sich Das Flüstern der Felder einem rauschhaften, einem anderen, außeralltäglichen Sehen und einer höheren Realität. Kino kann hier, indem es so verblüffend zwischen den Künsten wandelt, aus dem Vollen schöpfen.