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Review

Das große Museum

Von Meis­ter­werken, Motten und Zahnpasta

Eine Art von Hyperrealismus

Von Meis­ter­werken, Motten und Zahnpasta

Hinter den Kulissen des Kunst­be­triebs: Johannes Holz­hau­sens Insti­tu­tionen-Porträt

Restau­ra­toren arbeiten sich milli­me­ter­weise an einem meter­langen Bild ab, kämpfen gegen chemische Prozesse und profanen Insek­ten­frass. Nur eine von vielen Geschichten aus dem Alltag des Kunst­his­to­ri­schen Museums in Wien – unter Einge­weihten kurz KHM genannt. Im KHM gibt es natürlich Meis­ter­werke zu sehen, von Jan Van Eyk über Cara­vaggio und Tizian bis hin zu den großen Nieder­län­dern – es ist eine Schatz­kammer und ein Tempel der Kunst. Und doch ist das KHM auch ein ganz profaner Betrieb.

Hier gibt es Menschen, die die Kopier­geräte warten, und andere, die einen halben Tag lang Motten­fallen in einem riesigen Gebäude aufstellen, um ein paar Wochen später dann den Schäd­lings­be­fall in allen Einzel­heiten akribisch zu kata­lo­gi­sieren – das sind die skurrilen Augen­blicke dieses Films, Augen­blicke voller Humor. Es gibt auch Momente reiner Poesie. Etwa wenn die Kamera einen der Menschen, die im KHM arbeiten, verfolgt: Mit einem Tretroller legt er die langen Wege durch die Säle und die endlosen Gänge des Museums zurück. Die Kamera gleitet ihm nach, fließt wunderbar losgelöst dahin, schwebt quasi durch die Räume. Dann stoppt sie abrupt – vor einem Kopier­gerät. Sinn­li­cher kann man den Spagat zwischen Kultur und Büro­kratie nicht visua­li­sieren.

In seinem Doku­men­tar­film Das große Museum zeigt der Öster­rei­cher Johannes Holz­hausen solch ironisch gebro­chene Momente, und wirft einen genauen, aber immer sympa­thi­sie­renden Blick hinter die Kulissen dieses einma­ligen Betriebes. Er stellt den Zuschauern liebens­wert gezeich­nete Prot­ago­nisten vor, Menschen, die mit Herzblut die große Kunst bewahren, ihr ihr Leben verschrieben haben. Und daneben andere, die, wie einer von ihnen ganz offen sagt, genauso gut auch Zahnpasta verkaufen könnten.

Wie der Entdecker eines unbe­kannten Konti­nents bewegt sich der Filme­ma­cher in dem Gebäude, folgt seinen laby­rin­thi­schen Gängen. Er mischt Alltäg­li­ches und Beson­deres, und stellt den Mikro­kosmos hinter den Kulissen, das Innen­leben des Museums jenseits seiner Besucher dar, das bei aller schein­baren Beschau­lich­keit niemals zur Ruhe kommt. So gelingt dem Regisseur ein infor­ma­tiver, witziger, intel­li­genter Blick auf die Insti­tu­tion des Museums in der modernen Welt.

Die über­ra­schendste Beob­ach­tung: Die Unruhe. Das Museum ist hier nicht nur ein Ordnungs­system, sondern ein leben­diger Körper, der atmet und schwitzt. Auch die Kunst­werke, so der Eindruck, stehen niemals still: Ständig werden Bilder abgehängt, aufgehängt, umgehängt, geputzt, restau­riert, kata­lo­gi­siert, ausge­liehen, Ersatz aus den Magazinen geholt...

Vorge­stellt werden auch die Personen die im Museum wirken und die es umgeben: Kuratoren, Hand­werker Sammler, Marketing-Leute bis zu den Kritikern und den Fans.

Ästhe­tisch steht Das große Museum erkennbar in der Tradition des US-ameri­ka­ni­schen Doku­men­tar­fil­mers Frederick Wiseman und seiner Insti­tu­tionen-Porträts: Über einen langen Zeitraum – in diesem Fall zwei Jahre – wurde gedreht. Es gibt weder Inter­views, noch Filmmusik, die Emotionen künstlich kreiert, und auch keinen Kommentar, der dem Zuschauer erklärt, wie er das finden soll, was er da sieht.

Der Film ist zudem reprä­sen­tativ für einen neuen Trend im inter­na­tio­nalen Doku­men­tar­film – die Hinwen­dung zu den Rezep­ti­ons­be­din­gungen des Kunst­be­triebs. Schon 2011 gab es Jem Cohens Film Museum Hours, gleich­falls über das KHM. In diesem Jahr folgte zunächst Wim Wenders' Weltreise zu den Kathe­dralen der Kultur, dann Art’s Home is my Kassel über die Kasseler Documenta, und dann gleich zwei Filme über die Film­fest­spiele von Cannes: Seduced and Abandoned und Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste.

Dass der Kunst­be­trieb plötzlich sich selbst auf diese Weise reflek­tiert, entsteht wohl durch die zuneh­mende Einsicht um die Bedeutung der Insti­tu­tionen, ihr Eigen­leben und durch das Wissen um die neuen Gefahren, die ihnen drohen in Zeiten der Spar­zwänge, der Indienst­nahme von Kultur als Stand­ort­faktor und der Reduktion von Kultur auf Events.

Das KHM erscheint hier als eine Art Metapher für den Kultur­be­trieb als Ganzen. All diese Filme eint, dass sie zeigen, dass dieses betrieb­same Umfeld der Kultur selbst oft Schaden zufügt, dass man unter dem Kultur­ge­rede und -Gescha­chere und den Eitel­keiten der Macher und Beob­achter, die Kunst selbst nicht vergessen darf.

Holz­hau­sens Film ist ironisch und klug, aber im richtigen Moment scheut er auch das Pathos nicht. Denn ein Museum wie dieses ist morbid. Es ist aber auch monu­mental, großartig, einfach schön.