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Review

Das Imperium

Völlig losgelöst

L'Empire
Das Kirchen-Raumschiff steht bereit (Foto: Filmgalerie 451)

Völlig losgelöst

Bruno Dumonts Science-Fiction-Komödie »L’Empire« jongliert mit spektakulärer Weltraum-Architektur und dem Manichäismus als Prinzip der Weltenordnung. Das wirkt überaus befreiend

Gut gegen Böse: Spätes­tens seit der Wieder­wahl von Donald Trump gehorcht die Welt wieder dem binären Schema. Es geht um Männer gegen Frauen, um Auto- gegen Demo­kraten und um die Ökonomie der Narzissten gegen die soli­da­ri­sche Welt. Die alther­ge­brachten Werte des »Guten«, sofern man sich auf die Pfeiler des Grund­ge­setzes vers­tän­digen kann, sowie der Respekt vor dem Weiter­leben der mensch­li­chen Spezies, sehen sich neuen Tendenzen des »Bösen« gegenüber: skru­pel­losem Profit­streben, Klima- und Natur­ver­ach­tung, Sozi­al­dar­wi­nismus, »Me first«.

Um den Kampf von »Gut« gegen »Böse« geht es bekannt­lich auch schon in der Bibel. Eben diesen Manichäismus reak­ti­viert Bruno Dumont in seiner spek­ta­kulären Science-Fiction-Komödie L’Empire, benannt nach dem Star Wars-»Imperium«. Ange­sie­delt ist die Handlung an der norman­ni­schen Küste, wo die Filme von Dumont meist spielen und die eine gewisse örtliche, zeitliche und mentale Abge­schie­den­heit von der Welt symbo­li­siert. Das ländliche Prole­ta­riat, Bauern oder Fischer, steht für Boden­s­tän­dig­keit und den einfäl­tigen Simpel, gleich­zeitig sind die Menschen offen für die Spiri­tua­lität, die die Felder und Dünen unter dem weiten Himmel empfangen; die Côte d’Opale ist der viel­sa­gend »halb­trans­pa­rente« Schau­platz der Handlung. Die dort lebenden Menschen werden von verfein­deten extra­ter­res­tri­schen Kräften, den »Nullen« und »Einsen«, ausge­sucht, um auf der Erde und in den fleisch­li­chen Körpern einen Kampf auszu­tragen.

In größt­mög­li­cher Simpli­zität – Bruno Dumont liebt die auf den ersten Blick einfachen Gesten und Thesen – stülpt er die biblische Heils­ge­schichte um. Auf der Erde ist ein Baby geboren, das dem bösen Messias Margat als körper­liche Hülle dient. Er wurde von den »Nullen« auser­wählt, um als Heran­wach­sender »das Böse« unter den Menschen zu verbreiten – eine offen­sicht­liche Negation der Jesus-Legende. Mit irdischem Namen heißt der kleine Margat Freddy, was wiederum eine Anspie­lung auf die gleich­na­mige Haupt­figur aus Dumonts Debut La vie de Jésus ist, einer Verfil­mung des skan­dal­um­wo­benen Haupt­werks aus dem 19. Jahr­hun­dert, das der abtrün­nige Christ Ernest Renan verfasst hat – um einmal den Horizont zu skiz­zieren, in dem sich Dumonts Film­schaffen bewegt.

Freddys Vater Jony (Laien­dar­steller Brandon Vlieghe) ist ein Gesandter des Bösen; er trifft auf Jane, die auf der Erde für die Werte des Guten kämpft. Gespielt wird sie von der amazo­nen­haften, an »Games of Thrones« gemah­nenden Anamaria Varto­lomei (bereits zu sehen in der Annie-Ernaux-Verfil­mung Das Ereignis). An ihrer Seite hat sie den Adju­tanten Rudy (klin­go­nen­haft, also »Star Trek« und nicht Star Wars: Julien Manier, der für Dumonts »Jeanne D’Arc«-Zwei­teiler als norman­ni­scher Laien­dar­steller gecastet wurde), der wie Jony gerne zum Laser­schwert greift.

Jony und Jane kämpfen auf verfein­deten Seiten im Auftrag von extra­ter­res­tri­schen Macht­in­stanzen, die in riesigen Raum­schiffen im Weltall unterwegs sind und für Stipp­vi­siten die Erde besuchen. Jonys Auftrag­geber Belzébuth etwa, mit hölli­schem Vergnügen von Fabrice Luchini verkör­pert, möchte den bösen Messias selbst einmal in den Armen halten und besucht dafür das Fischer­dorf; und auch die gute Königin (Camille Cottin) lässt sich auf der Erde nieder, den Charme einer Zeugin Jehovas versprühend. Außerdem kehrt das Poli­zis­ten­paar aus der Serie »P'tit Quinquin« wieder, mit dem grimas­sie­renden und prus­tenden Laien-Star Bernard Pruvost. Das setzt inmitten der sphäri­schen Abge­ho­ben­heit eine pseudo-realis­ti­sche Tonlage.

Dumont parodiert glei­cher­maßen den reli­giösen, welt­li­chen und auch den film­his­to­ri­schen Manichäismus, wenn ihm die Weltraum-Saga zur visuellen und moti­vi­schen Hyperbel dient. Verwei­gert werden indes mora­li­sche oder gar didak­ti­sche Füllungen: es geht um »Mora­lismus« als komische, sinn- und wert­ent­leerte Hülle und ums Prinzip als solches. Die wider­stre­benden Kräfte sind nur die Platz­halter der Ideen von »Böse« und »Gut«; sie ähneln einander, kämpfen mit gleichen Waffen und trans­por­tieren keinerlei mora­li­sche Vorstel­lungen. Sie sind also auch »jenseits« von Gut und Böse. Hervor tritt dabei der wunder­bare Dumont-Touch. Der ist zugleich ernst und komisch, einfach und komplex, nieder­schwellig und erhaben, weltlich und religiös.

Und dann ist L’Empire auch noch ein groß­ar­tiges Leinwand-Ereignis. Eigent­lich ist der Sprung so nahe­lie­gend: Wenn es schon Kirchen-Schiff heißt, warum dies nicht wörtlich nehmen und aus den gotischen Kathe­dralen immense Raum­schiffe werden lassen, die in den Himmel hinein­streben und als Inkar­na­tionen des gött­li­chen Prinzips durch das All schweben? Und warum nicht die Reprä­sen­ta­tion der barocken Gottes-Anmaßung, das Versailles von Sonnen­könig Louis XIV., ebenfalls als gigan­ti­sches Raum­schiff in den Himmel schicken? Das Resultat ist eine überaus spek­ta­kuläre Visua­lität der Erha­ben­heit. Dumont ist als Kino-Zauberer kongenial, wenn er das Star Wars-Imagi­na­rium neu inter­pre­tiert – und quasi­re­li­giös anstreicht.

Denn die aufse­hen­er­re­genden Bilder der ins All abhe­benden Groß­ar­chi­tek­turen weisen Bruno Dumont als Kino-Philo­so­phen aus, als der er, auf Basis der negativen Theologie, bekannt wurde. Seinen großen Filmen, La vie de Jésus, L’Humanité, auch Hadewijch, Hors de Satan und dem Jeanne-D’Arc-Zwei­teiler Jeannette und Jeanne d’Arc liegen allesamt philo­so­phi­sche Werke zugrunde, die sich mit dem Chris­tentum ausein­an­der­setzen, ganz ernsthaft und kritisch.

So drückt sich in der Visua­lität von L’Empire auch symbol­kräftig aus, worum es bei »Gut« und »Böse« gehen könnte. Die Kirchen­schiffe als ideelle, spiri­tu­elle und religiös gefasste Werte treten an gegen die mate­ri­ellen und narziss­ti­schen Werte der Dies­sei­tig­keit und einer gewissen sich selb­stü­ber­schät­zenden Hybris. Zugleich sind die extra­ter­res­tri­schen Kräfte spie­gel­bild­lich und glei­cher­maßen schwach, so schwach auch wie das Fleisch, in dem sie stecken. So geht es stre­cken­weise ziemlich zur Sache. Die spontanen Trie­b­ent­la­dungen auf freiem Feld erinnern an Dumonts Kopu­la­tions-Filme Twen­ty­nine Palms und Flandres; auch die Körper­lich­keit nimmt hier teil an einem gewissen Werte-Nihi­lismus, wenn das Fleisch vom Geist scharf getrennt wird.

Dumont schafft die Grat­wan­de­rung, einer­seits natu­ra­lis­ti­sche Boden­s­tän­dig­keit zu illus­trieren und auch zu umarmen – seine Sympathie fällt seit jeher jenen Menschen zu, die empfäng­lich sind für die erhabene Groß­ar­tig­keit der »Schöpfung«. Ande­rer­seits macht er ästhe­tisch erfahrbar, dass die Dinge eben gerade nicht sind, was sie scheinen. Und damit auch unaus­weich­lich bodenlos, surreal und komisch. Wenn sich schluss­end­lich die Kräfte von Gut und Böse im Schwarzen Loch verhed­dern, ergibt sich im extra­ter­res­tri­schen Kampf ein alles verschlin­gendes Patt, das auf der Erde einen klima­ka­ta­stro­phalen Wirbel­sturm erzeugt. Der Manichäismus hat sich damit selbst erledigt. Bis auf weiteres – und Dumont wieder zu jonglieren beginnt.