Review
Das Imperium
Völlig losgelöst
Völlig losgelöst
Bruno Dumonts Science-Fiction-Komödie »L’Empire« jongliert mit spektakulärer Weltraum-Architektur und dem Manichäismus als Prinzip der Weltenordnung. Das wirkt überaus befreiend
Gut gegen Böse: Spätestens seit der Wiederwahl von Donald Trump gehorcht die Welt wieder dem binären Schema. Es geht um Männer gegen Frauen, um Auto- gegen Demokraten und um die Ökonomie der Narzissten gegen die solidarische Welt. Die althergebrachten Werte des »Guten«, sofern man sich auf die Pfeiler des Grundgesetzes verständigen kann, sowie der Respekt vor dem Weiterleben der menschlichen Spezies, sehen sich neuen Tendenzen des »Bösen« gegenüber: skrupellosem Profitstreben, Klima- und Naturverachtung, Sozialdarwinismus, »Me first«.
Um den Kampf von »Gut« gegen »Böse« geht es bekanntlich auch schon in der Bibel. Eben diesen Manichäismus reaktiviert Bruno Dumont in seiner spektakulären Science-Fiction-Komödie L’Empire, benannt nach dem Star Wars-»Imperium«. Angesiedelt ist die Handlung an der normannischen Küste, wo die Filme von Dumont meist spielen und die eine gewisse örtliche, zeitliche und mentale Abgeschiedenheit von der Welt symbolisiert. Das ländliche Proletariat, Bauern oder Fischer, steht für Bodenständigkeit und den einfältigen Simpel, gleichzeitig sind die Menschen offen für die Spiritualität, die die Felder und Dünen unter dem weiten Himmel empfangen; die Côte d’Opale ist der vielsagend »halbtransparente« Schauplatz der Handlung. Die dort lebenden Menschen werden von verfeindeten extraterrestrischen Kräften, den »Nullen« und »Einsen«, ausgesucht, um auf der Erde und in den fleischlichen Körpern einen Kampf auszutragen.
In größtmöglicher Simplizität – Bruno Dumont liebt die auf den ersten Blick einfachen Gesten und Thesen – stülpt er die biblische Heilsgeschichte um. Auf der Erde ist ein Baby geboren, das dem bösen Messias Margat als körperliche Hülle dient. Er wurde von den »Nullen« auserwählt, um als Heranwachsender »das Böse« unter den Menschen zu verbreiten – eine offensichtliche Negation der Jesus-Legende. Mit irdischem Namen heißt der kleine Margat Freddy, was wiederum eine Anspielung auf die gleichnamige Hauptfigur aus Dumonts Debut La vie de Jésus ist, einer Verfilmung des skandalumwobenen Hauptwerks aus dem 19. Jahrhundert, das der abtrünnige Christ Ernest Renan verfasst hat – um einmal den Horizont zu skizzieren, in dem sich Dumonts Filmschaffen bewegt.
Freddys Vater Jony (Laiendarsteller Brandon Vlieghe) ist ein Gesandter des Bösen; er trifft auf Jane, die auf der Erde für die Werte des Guten kämpft. Gespielt wird sie von der amazonenhaften, an »Games of Thrones« gemahnenden Anamaria Vartolomei (bereits zu sehen in der Annie-Ernaux-Verfilmung Das Ereignis). An ihrer Seite hat sie den Adjutanten Rudy (klingonenhaft, also »Star Trek« und nicht Star Wars: Julien Manier, der für Dumonts »Jeanne D’Arc«-Zweiteiler als normannischer Laiendarsteller gecastet wurde), der wie Jony gerne zum Laserschwert greift.
Jony und Jane kämpfen auf verfeindeten Seiten im Auftrag von extraterrestrischen Machtinstanzen, die in riesigen Raumschiffen im Weltall unterwegs sind und für Stippvisiten die Erde besuchen. Jonys Auftraggeber Belzébuth etwa, mit höllischem Vergnügen von Fabrice Luchini verkörpert, möchte den bösen Messias selbst einmal in den Armen halten und besucht dafür das Fischerdorf; und auch die gute Königin (Camille Cottin) lässt sich auf der Erde nieder, den Charme einer Zeugin Jehovas versprühend. Außerdem kehrt das Polizistenpaar aus der Serie »P'tit Quinquin« wieder, mit dem grimassierenden und prustenden Laien-Star Bernard Pruvost. Das setzt inmitten der sphärischen Abgehobenheit eine pseudo-realistische Tonlage.
Dumont parodiert gleichermaßen den religiösen, weltlichen und auch den filmhistorischen Manichäismus, wenn ihm die Weltraum-Saga zur visuellen und motivischen Hyperbel dient. Verweigert werden indes moralische oder gar didaktische Füllungen: es geht um »Moralismus« als komische, sinn- und wertentleerte Hülle und ums Prinzip als solches. Die widerstrebenden Kräfte sind nur die Platzhalter der Ideen von »Böse« und »Gut«; sie ähneln einander, kämpfen mit gleichen Waffen und transportieren keinerlei moralische Vorstellungen. Sie sind also auch »jenseits« von Gut und Böse. Hervor tritt dabei der wunderbare Dumont-Touch. Der ist zugleich ernst und komisch, einfach und komplex, niederschwellig und erhaben, weltlich und religiös.
Und dann ist L’Empire auch noch ein großartiges Leinwand-Ereignis. Eigentlich ist der Sprung so naheliegend: Wenn es schon Kirchen-Schiff heißt, warum dies nicht wörtlich nehmen und aus den gotischen Kathedralen immense Raumschiffe werden lassen, die in den Himmel hineinstreben und als Inkarnationen des göttlichen Prinzips durch das All schweben? Und warum nicht die Repräsentation der barocken Gottes-Anmaßung, das Versailles von Sonnenkönig Louis XIV., ebenfalls als gigantisches Raumschiff in den Himmel schicken? Das Resultat ist eine überaus spektakuläre Visualität der Erhabenheit. Dumont ist als Kino-Zauberer kongenial, wenn er das Star Wars-Imaginarium neu interpretiert – und quasireligiös anstreicht.
Denn die aufsehenerregenden Bilder der ins All abhebenden Großarchitekturen weisen Bruno Dumont als Kino-Philosophen aus, als der er, auf Basis der negativen Theologie, bekannt wurde. Seinen großen Filmen, La vie de Jésus, L’Humanité, auch Hadewijch, Hors de Satan und dem Jeanne-D’Arc-Zweiteiler Jeannette und Jeanne d’Arc liegen allesamt philosophische Werke zugrunde, die sich mit dem Christentum auseinandersetzen, ganz ernsthaft und kritisch.
So drückt sich in der Visualität von L’Empire auch symbolkräftig aus, worum es bei »Gut« und »Böse« gehen könnte. Die Kirchenschiffe als ideelle, spirituelle und religiös gefasste Werte treten an gegen die materiellen und narzisstischen Werte der Diesseitigkeit und einer gewissen sich selbstüberschätzenden Hybris. Zugleich sind die extraterrestrischen Kräfte spiegelbildlich und gleichermaßen schwach, so schwach auch wie das Fleisch, in dem sie stecken. So geht es streckenweise ziemlich zur Sache. Die spontanen Triebentladungen auf freiem Feld erinnern an Dumonts Kopulations-Filme Twentynine Palms und Flandres; auch die Körperlichkeit nimmt hier teil an einem gewissen Werte-Nihilismus, wenn das Fleisch vom Geist scharf getrennt wird.
Dumont schafft die Gratwanderung, einerseits naturalistische Bodenständigkeit zu illustrieren und auch zu umarmen – seine Sympathie fällt seit jeher jenen Menschen zu, die empfänglich sind für die erhabene Großartigkeit der »Schöpfung«. Andererseits macht er ästhetisch erfahrbar, dass die Dinge eben gerade nicht sind, was sie scheinen. Und damit auch unausweichlich bodenlos, surreal und komisch. Wenn sich schlussendlich die Kräfte von Gut und Böse im Schwarzen Loch verheddern, ergibt sich im extraterrestrischen Kampf ein alles verschlingendes Patt, das auf der Erde einen klimakatastrophalen Wirbelsturm erzeugt. Der Manichäismus hat sich damit selbst erledigt. Bis auf weiteres – und Dumont wieder zu jonglieren beginnt.