Review
Das ist unser Land!
Im Rachen der Bestie
Im Rachen der Bestie
Wir sind noch einmal davongekommen. Als dieses Jahr im Juni Emmanuel Macron die Wahl in Frankreich gewann, wurde erst einmal überall aufgeatmet; die rechtsnationale Marine LePen war abgeschlagen. Nicht nur die Franzosen atmeten auf, es war eine Erleichterung für ein vom Populismus in die Zange genommenes Europa. In die Zeit des in mehreren Gängen erfolgenden Wahlkampfs fiel die Veröffentlichung eines Films, der Aufklärung über die Machenschaften populistischer Parteien
in Frankreich schaffte: Chez nous, auf deutsch Das ist unser Land!.
Der seit langem in Frankreich lebende Belgier Lucas Belvaux untersucht hier einen exemplarischen Fall von Parteisoldaten-Rekrutierung im Kreise des rechten Front National, ohne diesen jedoch beim Namen zu nennen. Das muss er auch nicht. Die Parallelen sind offensichtlich. Catherine Jacob spielt die Politikerin und Parteivorsitzenden der Rechten, hier Agnès
Dorgelle genannt, mit einer verblüffenden Mimesis: Frisur und Figur gleichen dem Vorbild perfekt, auffällig ist auch im Original der Tonfall, in dem sie spricht, mit leicht nasalen Unterton, das unmittelbar der LePen abgehört wurde.
In ihre Fänge gerät die unbescholtene Pauline Duhet (Emilie Déquenne, bekannt aus den Filmen der Dardenne-Brüder), die als formbare, naive, aber herzensgute und stets um das Beste bemühte Krankenschwester agiert. Sie kommt aus kommunistischem Hause, was für die revolutionsfreudigen Franzosen keine Seltenheit ist, und möchte sich von ihrem als alter Polit-Grantler herumschimpfenden Vater emanzipieren. Auf ihrer Suche nach je ne sais quoi kommen ihr zwei Männer in den Weg: zum einen ihr Patenonkel und Mentor Dr. Berthier (André Dussolier), der sie für höhere Aufgaben in der Politik bewegen und, wir ahnen es schon, für die Partei der Dorgelle gewinnen will; zum anderen ein Boxer, dem sie in ihrer Jugend mal verfallen war, und mit dem sie, aus Mangel an Alternativen, oder weil es für das Drehbuch so toll aufgeht, wieder eine Liebesbeziehung eingeht. Problem nur, dass er ein schlagkräftiger Neo-Nazi ist.
Die Handlung des Films, das wird in der Figurenkonstellation deutlich, ist allzu vorhersehbar. Interessanter ist eine andere Ebene, die sich in den kleinen Details, in Mirkohandlungen, Blicken und auch Kameraeinstellungen offenbart. Es ist die Ebene, in der Belvaux das Seziermesser anlegt, um aufklärerisch die Mechanismen des Populismus herauszuarbeiten. Diesen sieht Belvaux im übrigen gar nicht auf die Rechten beschränkt. »Mit Emmanuel Macron haben wir jetzt mit etwas viel Versteckterem, weniger Offensichtlichem als bei LePen zu tun, mit einem Populismus der Mitte«, erläutert er im Interview. Und dieser arbeite nicht sehr viel anders als der Populismus generell, ist nur für die Allgemeinheit leichter erträglich. Für seinen Film hat Belvaux intensive Recherchen unternommen. Vor allem das Internet war eine wichtige Quelle. »Die Populisten versuchen gar nicht, zu kaschieren, was sie denken und tun, alles liegt offen da.« Die Erkenntnisse flossen in seinen Film ein, um sie herum baute er sein Drehbuch, das daher auch ein wenig holzschnittartig rüberkommt und übertrieben erscheint. Das Gegenteil ist der Fall – Belvaux ließ vieles, was er herausgefunden hat, nicht in seinen Film fließen – »das hätte mir niemand abgenommen«.
Es ist auch so schon beunruhigend genug, was aus dem recherchierten Hintergrund in die Handlung drängt. Vertraute Personen (der Patenonkel) agieren als Spindoktoren im Auftrag der Partei. Ziel ist, eine unbescholtene Person (die Krankenschwester) zu finden, die in der angestrebten Wahlregion verwurzelt ist, für Heimatliebe steht und für das »einfache Volk«. Sie wird nun vor den Partei-Karren gespannt, darf als Marionette oder Soldatin die Partei repräsentieren, darf »das Gesicht« der Kampagne sein – aber weder denken noch sprechen. Eines der beunruhigendsten Szenen ist so auch, wie bei einer Wahlkampfveranstaltung Pauline auf einer Pressekonferenz von Dr. Berthier und der Parteivorsitzenden Dorgelle mundtot gemacht wird.
Auch der Nebenstrang der Liebesbeziehung zum Neo-Nazi ist voller Recherche-Ergebnisse. »Die Rechtspopulisten suchen anfänglich die Nähe zu den Schlägertypen, um sie für bestimmte schmutzige Arbeiten einzusetzen. In dem Moment aber, wo die Partei an die Öffentlichkeit geht, muss diese Nähe wieder unsichtbar gemacht werden. Die Neo-Nazis müssen von der Bildfläche verschwinden.« Folglich wird Pauline dazu gedrängt, die Beziehung zu ihrer Jugendliebe, in welcher sie nur den Menschen mit einer starken Schulter zum Anlehnen sieht, wieder aufzugeben. Das ist dann selbst für sie zu viel.
Lucas Belvaux hat mit Chez nous einen sehr aufrechten, geradlinigen und aufklärerischen Film gemacht, der Erkenntnisse in Handlung verpackt. Das ist auch immer wieder faszinierend: den Mechanismen der Politik bei der Arbeit zusehen. Ganz und gar stark ist das erste Bild, mit dem Belvaux in seinen Film hineinführt. Ein Flug über Autobahnkreuze und das Land, eine verlorene und triste Landschaft, in der die Brauntöne dominieren. Wir befinden uns in Pas-De-Calais, in der nördlichen, an Belgien angrenzenden Region Frankreichs, die früher einmal vom Kohleabbau lebte. Heute ist die Region aufgelassen und eine der Hochburgen des Front National: noch in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl erhielt die Partei über fünfzig Prozent – Belvaux hat mit seinem Film direkt in den Rachen der Bestie geguckt. Und als solches ist der Film ein brisantes, beunruhigendes und unhintergehbares Zeitdokument.