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Review

Das Mädchen, das lesen konnte

Allegorien der Fruchtbarkeit

Auf dem Feld – ein Genrebild

Allegorien der Fruchtbarkeit

»Dann werden wir in der Lage sein, die männer­lose Gesell­schaft zu verwirk­li­chen. Weil am gene­ti­schen Material einer männ­li­chen Zelle erkennbar sein wird, was für eine Sorte Mann sich daraus entwi­ckelt, können wir uns die Kosten und Mühen ersparen, diesen Menschen entstehen zu lassen und ein ganzes Leben lang durch­zu­bringen. Falls uns der Typ gefällt, werden wir seine gene­ti­sche Infor­ma­tion direkt vom Ei in ein synthe­ti­sches Sperma prak­ti­zieren. Die Retor­ten­baby-Technik fände so ihre logische Voll­endung. Nur Frauen würden noch gebraucht, als Produ­zenten der Eizellen und für das Austragen und Aufziehen der nächsten – rein weib­li­chen – Gene­ra­tionen.« – David Jones, Welchen Nutzen hat der Mann?, ZEIT vom 2.10.1987

Es ist die Zeit der Zweiten fran­zö­si­schen Republik, Mitte des 19. Jahr­hun­derts. Napoleon III. hat soeben seine Präsi­dent­schaft zur Diktatur umgemünzt, jetzt strebt der Nachfahre Bona­partes die Kaiser­herr­schaft an. Ein halbes Jahr­hun­dert nach der fran­zö­si­schen Revo­lu­tion aber liebt das Volk seine Freiheit, das poli­ti­sche Ideal ist die Republik. Die Soldaten von Napoleon III. patrouil­lieren über das Land und verhaften alle, die nicht konform sind: Ein Kapitel der fran­zö­si­schen Geschichte, das noch wenig bekannt ist, und das jetzt Marine Francen in ihrem Debütfilm Das Mädchen, das lesen konnte in seltener Schönheit aufleben lässt.

Bei Francen trifft es ein abge­le­genes Dorf im südfran­zö­si­schen Lozère besonders hart. Alle Männer werden verhaftet, zurück bleiben die Frauen und Kinder. Über ein Jahr kommen sie ohne Männer aus, bewerk­stel­ligen die harte Land­ar­beit, die Aussaat und Einbrin­gung des Korns, das Füttern des Viehs. Im Winter wird genäht, gewebt und über die Lagerung der Ernte gewacht. Alles ist vom Zyklus der Natur vorge­geben.

Gezeigt wird diese männer­lose Gemein­schaft inmitten der bestellten Natur. Wie Figuren aus der Genre­ma­lerei eines Julien Dupré grup­pieren sich die Frauen neben Heuwagen, in der Mittags­pause im Schatten eines Baumes, schneiden rusti­kales Brot und trinken Wasser aus schweren Tonkrügen. Die schlichten, engge­schnürten Leinen­kleider leuchten pastellig in zartem Blau, Rosé und Hellbraun. Eine idyl­li­sche Kultur­land­schaft wird hier auf die Leinwand gemalt, in der sich sogar der Himmel durch Schäf­chen­wolken optisch in Szene setzt. Ganz und gar unver­hohlen stili­siert Francen die Land­ar­beit zu einer nost­al­gi­schen Ange­le­gen­heit, die zwar hart ist, aber deren Notwen­dig­keit mit Gleichmut ertragen wird.

Doch es fehlt etwas. Zunächst still­schwei­gend macht sich die Abwe­sen­heit der Männer in den engen 4:3-Bildern bemerkbar. Diese bildliche Leer­stelle wird bald zur wört­li­chen. Die Gespräche der jungen Mädchen, die wie Frucht­bar­keits­al­le­go­rien in die male­ri­sche Natur einge­bettet sind, kreisen darum, wie sich das erste Mal wohl anfühlt. Mit einem Blick auf die herum­tol­lenden Kinder geben sie zu verstehen, dass ihre Wünsche beim Sex nicht halt machen. Am Ende machen sie einen Pinky Swear: Falls sich jemals wieder ein Mann in das Dorf verirren sollte, dann gehört er allen. Dem ganzen Frau­en­kol­lektiv.

Und dann kommt er, der Mann.

Le semeur, der »Sämann«, so heißt im Original der Film von Marie Francen. Der Sämann ist einer, der Samen in den frucht­baren Boden einbringt und die Früchte später erntet. Damit sei alles verraten, was im weiteren passieren wird. Nicht umsonst jedoch hat Francen ihren Film auf diese krea­tür­liche Kompo­nente perspek­ti­viert. Im Titel akzen­tu­iert sie die perfide biolo­gi­sche Ordnung der Gesell­schaft Mitte des 19. Jahr­hun­derts: Indem hier der Mann von den Frauen zum Besamer und Lust­ob­jekt degra­diert wird, wird er einer­seits der Subjek­ti­vität seines Handelns beraubt (was ihn zu einem frühen Femi­nismus-Opfer macht), zugleich wird aber die sozio-biolo­gi­sche Notwen­dig­keit erfüllt, Nach­kommen zu haben. Dazu gehören beide Geschlechter.

Der deutsche Titel Das Mädchen, das lesen konnte gibt dem Film eine andere Perspek­tive vor. Denn nicht der Besamer ist der Held der Geschichte, Prot­ago­nistin ist die junge Violette (Pauline Burlet), Initia­torin des Mädchen­schwurs, aber auch die einzige im Dorf, die lesen kann. Gelernt hat sie es von ihrem Vater, der wiederum als einziger kein Analphabet war. Wer lesen konnte, galt als frei­den­kender Anhänger der Republik, also auch als Staats­feind der Diktatur. Und Jean (Alban Lenoir) – der Besamer darf jetzt einen Namen haben, denn unter dieser Perspek­tive erhält er den Status eines Subjekts – kann ebenfalls lesen. Ins Dorf bringt er gar ein Buch von Voltaire mit. Violette ist diejenige, die diesen kultu­rellen Samen weiter verbreiten wird, sie unter­richtet die Kinder des Dorfes im Lesen. Sie ist die Säerin, die Heldin des Films.

Diese genderüber­grei­fende Dialektik von Befruch­tung und Befruch­tet­werden zieht sich durch den gesamten Film und macht ihn tief­gründig und komplexer als die idyl­li­schen Ernte-Bilder es zunächst verheißen. Francen kann sich so zu den Genre-Meistern der Neuzeit rechnen, die in ihren Gemälden stets auch andere, alle­go­ri­sche und ideelle Botschaften chif­frierten. So ist dieser Film zwar eine ideo­lo­gisch immer wieder auch zwei­fel­hafte Anbetung der körper­li­chen Arbeit, zugleich aber, und das schließt die Bestel­lung der Felder mit ein, auch eine Rück­be­sin­nung auf die Errun­gen­schaften der Kultur und der Freiheit des Geistes.